Hamburg  Weit weg von zu Hause: So lebt es sich auf Deutschlands einzigem Inselinternat

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 22.12.2024 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Seine Eltern leben in Frankfurt am Main, Mateo Müller auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Hier besucht er die Hermann Lietz-Schule, Deutschlands einziges Inselinternat. Foto: Ankea Janßen
Seine Eltern leben in Frankfurt am Main, Mateo Müller auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Hier besucht er die Hermann Lietz-Schule, Deutschlands einziges Inselinternat. Foto: Ankea Janßen
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Mateo Müller ist 15 Jahre alt und besucht Deutschlands einziges Inselinternat auf Spiekeroog. Auf der kleinen ostfriesischen Insel wird er erwachsen werden – weit weg von zu Hause. Wie fühlt sich das an?

Sein „Kind aufs Internat schicken“. Für manche schwingt in diesem Satz viel Negatives mit. Es klingt nach Abschieben, nach Herzlosigkeit. Nach einer vermeintlich einfachen Lösung für Eltern, die mit ihren Kindern Probleme haben. Nach einer egoistischen Entscheidung.

Auf Mateo Müller trifft all das in keinster Weise zu. Er hat sich selbst aufs Internat geschickt. Seit anderthalb Jahren besucht der 15-Jährige die Hermann Lietz-Schule auf Spiekeroog und ist damit einer von rund 100 Schülern auf Deutschlands einzigem Inselinternat. Es war sein großer Wunsch, von Frankfurt am Main auf die ostfriesische Insel zu ziehen.

„Meinen Eltern ist es schwergefallen, mich gehen zu lassen“, sagt der schmale, hochgewachsene Junge an einem Tag im Dezember. Seine Schwärmerei fürs Internat hätten sie zunächst als Phase abgetan. Aber Mateo ließ nicht locker.

Kleine Klassen, Freizeitangebote wie eine Segel-AG, eine gute Beziehung zu den Lehrern – all das klang für ihn verlockend. Probleme gab es auf seiner alten Schule nicht. Mateo besuchte in Hessen ein staatliches Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt, spielte im Posaunenchor. Sein Notendurchschnitt damals: 1,6.

„Jetzt habe ich einen Schnitt von 1,0.“ 3600 Euro Schulgeld pro Monat kostet die Hermann Lietz-Schule von der 5. bis zur 10. Klasse. Danach sind es 3700 Euro. Ausgaben für Schulbücher und Taschengeld kommen noch hinzu. Mateo hat ein Teilstipendium. Dessen Höhe hängt vom Förderbedarf des jeweiligen Schülers und der finanziellen Situation der Eltern ab.

Mateos Mutter arbeitet an einer privaten Universität, sein Vater bei der Industrie- und Handelskammer (IHK). Wie viel Schulgeld seine Eltern bezahlen müssen, wisse er nicht. Ob die Finanzierung auch ohne Stipendium möglich gewesen wäre? Nein.

Den Vorwurf, er würde sich hier seinen Abschluss nur kaufen, kennt er. Und verweist auf das Zentral-Abitur. „Man investiert hier in kleinere Klassen und damit in bessere Bildung“, sagt er. Wer an einer staatlichen Schule nicht mitkomme, bräuchte nachmittags Nachhilfeunterricht. „Das ist auch teuer.“

Gemeinsame Familienurlaube sind es auch, weshalb Mateo Spiekeroog gut kennt. Jeden Sommer verbrachte sie eine Woche mit den Großeltern auf der Insel. „Ich kenne das hier, seit ich ein Baby bin.“ Im Sommer 2023 stieg Mateo dann nicht wieder gemeinsam mit seinen Eltern auf die Fähre zum Festland, sondern blieb.

Seither ist er ein „Lietzer“, so werden die Internatsschüler hier genannt. Tränen seien beim Abschied keine geflossen. „Wir haben uns alle zusammengerissen.“ Die erste Nacht aber sei die schwerste gewesen. Das Heimweh auch nach den Schulferien immer wieder sehr präsent. Außerdem brach sich der Schüler kürzlich beim Sport den Arm. „Dann mit einem Lehrer im Krankenhaus zu sitzen, ist eine besondere Erfahrung.“ Notversorgt werden konnte sein Arm auf der Insel, für Röntgen-Aufnahmen ging es aufs Festland.

Warum Kinder und Jugendliche zu „Lietzern“ werden, ist ganz unterschiedlich, sagt Florian Fock. Seit 23 Jahren lebt er auf Spiekeroog, die Hermann Lietz-Schule leitet er seit 2011. „Es gibt einen Haufen Gründe. Eltern hadern mit den großen staatlichen Schulen, leben dörflich und wünschen sich für ihr Einzelkind mehr Kontakt zu Gleichaltrigen“, sagt er. „Und natürlich häufen sich in der Pubertät die Konflikte, und ein Systemwechsel kann dann sehr hilfreich sein.“

Im Speisesaal – unweit von Mateos Tisch – sitzt eine Elftklässlerin, die mit extremer Schulangst zu kämpfen hatte und ein Jahr zu Hause blieb. Ein Achtklässler erzählt, er sei in seiner vorherigen Schule von Mitschülern und Lehrern gemobbt worden. Neben Selbstzahlern und Stipendiaten wird ein Teil der Plätze an der Hermann Lietz-Schule vom Jugendamt finanziert. Für sie ist es hier ein besserer Ort. Etwa 20 Kinder sind außerdem „Dörfler“, leben also bei ihren Eltern auf der Insel.

Fock bezeichnet Spiekeroog als „Insel der Glückseligen“. „Hier kann einem nichts passieren, die Schüler werden zu Insulanern und wachsen in einem geschützten Raum auf.“ Auf dem Internatsgelände ist nur das Schnattern der Wildgänse zu hören, auf den Salzwiesen drumherum summen die Rotorblätter eines Windrads. Autos gibt es keine.

Hierhin abgeschoben zu werden, sei „völliger Quatsch“, sagt Fock. „Wir sind ja kein Gefängnis, wer hier nicht sein will, würde durchgehend randalieren.“

Nicht unbedingt Randale, aber Rebellion gehört in der Pubertät dazu. Jugendliche testen aus, wie weit sie gehen können – und überschreiten Grenzen. „Drogen akzeptieren wir hier nicht, da gibt es keine Toleranz“, sagt Fock. Führt aber aus: „Wer einmal beim Kiffen erwischt wird, fliegt nicht direkt. Es wird ein Integrationsvertrag unterschrieben, das ist die letzte Chance.“ Drogentests würden nach dem Zufallsprinzip durchgeführt. Oder auf Verdacht. Letztes Jahr hätten einige Schüler gehen müssen.

Seit kurzem gibt es außerdem ein neues sexualpädagogisches Schutzkonzept. Wer 16 Jahre alt und in einer Beziehung ist, darf eine Übernachtung bei der Freundin oder dem Freund anmelden, über die dann in Absprache mit den Eltern entschieden wird. Denn natürlich gehört auch das Verliebtsein auf der Insel dazu.

Eine Schülerin, die abends im sogenannten „Beathaus“ hinter der Theke steht, nimmt es ernst mit dieser letzten Chance, von der Fock spricht. Vor drei Jahren habe sie einen Ausrutscher gehabt, sei positiv auf Cannabis getestet worden. „Deine Entwicklung ist denen hier wichtig, die lassen dich nicht fallen“, sagt die 18-Jährige.

Das „Beathaus“ ist die Kneipe auf dem Internatscampus, für die Jugendlichen der wichtigste Treffpunkt. Es gibt einen Kicker und Kaffee aus der noch neuen Siebträgermaschine. Zwei Schüler durften auf dem Festland einen Barista-Kurs machen. Jeden Samstag findet eine Party statt.

Auch hier gilt: Sind Jugendliche 16 Jahre alt, dürfen sie Wein und Bier trinken – in Maßen. „Wer übertreibt, der bekommt erstmal nur noch Wasser“, sagt Nils Windoffer, der Sport- und Freizeitpädagoge des Internats. „Außerdem haben wir ein Promillegerät und lassen auch mal pusten.“ Der 26-Jährige ist seit Sommer 2022 am Internat. „Wenn die Schule hier aus ist, beginnt meine Arbeit“. Es gebe nicht selten Tage, da verlasse er seine Wohnung morgens um neun und komme erst nach 23 Uhr wieder nach Hause.

Wer an der Hermann Lietz-Schule arbeitet, wohnt auch dort. Einige Lehrkräfte leben mit ihren eigenen Familien hier. Für eine Gruppe von bis zu zehn Schülern übernehmen sie außerdem eine Art Elternrolle, sitzen bei den drei täglichen Mahlzeiten gemeinsam an einem Tisch, machen Ausflüge und sind immer ansprechbar.

Schüler sollen hier lernen, Verantwortung zu übernehmen, ihr Eigeninteresse hinten anzustellen und das Wohl der Gemeinschaft zu stärken. Das seit 1928 bestehende Internat verfolgt ein reformpädagogisches Konzept nach dem Gründer Hermann Lietz.

„Es wird immer schwieriger, Menschen zu finden, die Lust auf Führungspositionen haben, also Lust auf Verantwortung“, findet Fock. „Hier lernen die Schüler, dass es etwas Schönes ist, Verantwortung zu übernehmen.“ Der 54-Jährige will nicht, dass sich Schüler rückblickend an den guten Biologie-Unterricht der Schule erinnern. „Sie sollen wissen, dass sie hier gut auf das Leben vorbereitet wurden.“

Natürlich sei das Ziel, das Internat mit dem Abitur zu verlassen. Gekauft werden könne es hier aber keinesfalls. „Wir beraten hier sehr intensiv und persönlich. Wir wissen, wer es nicht schaffen könnte und empfehlen dann, abzugehen und zum Beispiel eine Ausbildung zu machen.“

Um etwas für das Gemeinwohl zu tun, sind die Schüler verpflichtet, an sogenannten Gilden teilzunehmen. Sie kümmern sich um Bootsbau, den Garten oder die Tiere auf dem Gelände. Auch das „Beathaus“ wird als Gilde betrieben.

Luxus sucht man auf dem Gelände vergeblich. Das Zimmer von Mateo ist spartanisch eingerichtet. Momentan hat er das Glück, es nicht mit einem Zimmernachbarn teilen zu müssen. Sein monatliches Taschengeld in Höhe von 25 Euro spart er größtenteils.

Aktuell hofft der Schüler, im kommenden Jahr an der „High Seas High School“ teilnehmen zu können. Besser bekannt als „das segelnde Klassenzimmer“, das von der Hermann Lietz-Schule 1993 ins Leben gerufen wurde. 44 Schüler überqueren auf einem Großsegler den Atlantik, büffeln zwischen Kuba, Spanien und den Azoren. „Erst hatte ich die Sorge, die Schule könnte während dieser Zeit zu kurz kommen“, sagt Mateo. Aber jetzt will er sich einer neuen ganz besonderen Erfahrung stellen.

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