Hamburg  Der Insel-Lehrer: Auf Spiekeroog muss er seine Schüler wecken

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 23.12.2024 12:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Marcel Roggenkamp lebt seit vergangenem Sommer auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Foto: Ankea Janßen
Marcel Roggenkamp lebt seit vergangenem Sommer auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Foto: Ankea Janßen
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Marcel Roggenkamp arbeitet dort, wo andere Urlaub machen. Der Lehrer unterrichtet an Deutschlands einzigem Inselinternat auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog. Wie es ist, Tür an Tür mit seinen Schülern zu leben.

Wenn Marcel Roggenkamp abends auf den Internatsfluren an die Zimmertüren seiner Schüler klopft, dann ist das für ihn immer noch befremdlich. Er tut es leise, ist zaghaft dabei und hofft auf eine Antwort. „Ich bin noch dabei, ein Feingefühl für diese Situation zu entwickeln”, sagt er.

An der Hermann Lietz-Schule auf Spiekeroog muss der Spanisch- und Latein-Lehrer nicht nur Bettzeiten kontrollieren, sondern auch mal jene Kinder wecken, die morgens nicht aufstehen wollen. Und sitzt dann bei Cornflakes und Kaffee mit ihnen am Frühstückstisch. 

Nicht nur seine Aufgaben als Lehrer haben sich verändert, seit er an Deutschlands einzigem Inselinternat arbeitet. Auch sein Leben läuft auf der gerade mal zehn Kilometer langen und zwei Kilometer breiten Insel im niedersächsischen Wattenmeer anders.

Ein Auto zum Beispiel braucht er nicht mehr, um zur Schule zu gelangen. Spiekeroog ist autofrei. Stattdessen schaffte er das ausrangierte Fahrrad seiner Mutter im Umzugscontainer auf die Insel. „Ohne geht es hier nicht“, sagt Roggenkamp, der gebürtig aus dem Landkreis Vechta kommt. Ein funktionierendes Licht ist ebenso essenziell – sobald die Sonne untergeht, ist es stockfinster. Wer zu Fuß vom Hafen zur Hermann Lietz-Schule in den Osten der Insel läuft, benötigt eine halbe Stunde.  

Außerdem wohnt Roggenkamp, der im Emsland sein Referendariat absolvierte, jetzt in der Schule. Seine kleine Wohnung befindet sich auf demselben Flur wie die Zimmer der Internatsschüler, die ihn duzen und mit „Hallo Marcel“ begrüßen.

Der Wohnraum auf Spiekeroog ist knapp, kaum zu bezahlen und wird hauptsächlich an Touristen vermietet. Auf die 800-Einwohner-Insel strömen pro Jahr rund 90.000 Besucher.

Die Unterbringung auf dem Internatscampus ist aber auch deshalb unumgänglich, weil die Lehrer an der Hermann Lietz-Schule eine Art Elternrolle für die Internatsschüler übernehmen. Mit bis zu zehn Schülern bilden sie eine sogenannte Heimfamilie, sitzen bei den Mahlzeiten gemeinsam an einem Tisch, unternehmen Ausflüge und sind Ansprechpartner bei Sorgen und Problemen.

Obwohl das Schulgeld an der Hermann Lietz-Schule hoch ist (3600 Euro pro Monat) legt die Schülerschaft laut Roggenkamp kein elitäres Verhalten an den Tag. „Ob hier jemand Selbstzahler ist, ein Stipendium hat oder von der Jugendhilfe kommt, merkt man nicht.“

Seine Schüler nicht nur fachlich, sondern auch menschlich zu begleiten, schätzt der 37-Jährige. Sobald er sich richtig eingelebt und ein Jahr lang an der Hermann Lietz-Schule arbeitet, könnte auch er eine eigene Heimfamilie zugeteilt bekommen.

Wichtig sei jedoch, die erzieherischen Tätigkeiten nicht als Arbeitszeit zu sehen, findet der Lehrer. „Alle paar Stunden hat man eine Aufgabe, einen richtigen Feierabend gibt es hier eigentlich nicht.“ Dennoch sei seine Arbeit entspannter geworden als an einer staatlichen Schule. „Die Kommunikation mit den Kollegen ist einfacher geworden, man läuft sich ja ständig über den Weg, hat kurze Wege. Ich bin weniger gehetzt.”

Auch, dass an dem privaten Internatsgymnasium nicht verbeamtet wird, macht ihm nichts aus. „Ich habe hier kaum Ausgaben, eine geringe Miete, werde verpflegt und muss kein Geld für Benzin bezahlen“, sagt Roggenkamp, der monatlich nach Abzügen rund 2000 Euro zur Verfügung hat. 

Jeden Tag nach nur ein paar Metern am Meer sein zu können – Roggenkamp bezeichnet das als Privileg. Im Winter geht er gerne im Nordseebad schwimmen.

Dennoch müsse man sich ganz bewusst für das Inselleben entscheiden. „Viel Abwechslung hat man hier nicht und kann sich somit auch mal isoliert fühlen.“ Mal eben neue Kleidung kaufen oder Besorgungen im Elektrofachhandel machen – all das ist hier nicht möglich. Arzttermine legt Roggenkamp, der sich selbst als bescheiden beschreibt, in die Ferienzeiten aufs Festland.

Wird er bleiben? Eine ganz klare Antwort hat Roggenkamp auf diese Frage noch nicht. Seine Stelle wurde zunächst auf ein Jahr befristet, dann werden Gespräche geführt, wie es weitergehen soll. „Ich fühle mich hier sehr gut aufgenommen“, meint der Insel-Neuling. Und die Zimmerkontrollen werden sicher auch bald zur Routine.

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