Zwickau  VW-Standort in Zwickau: Das große Zittern im einstigen Vorzeigewerk

Leon Grupe
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Von Leon Grupe
| 20.12.2024 11:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
2018 wurde das VW-Werk in Zwickau komplett auf Elektromobilität ausgerichtet – doch die Fabrik ist nicht ausgelastet. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
2018 wurde das VW-Werk in Zwickau komplett auf Elektromobilität ausgerichtet – doch die Fabrik ist nicht ausgelastet. Foto: dpa/Hendrik Schmidt
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Im sächsischen Zwickau ist Volkswagen der wichtigste Arbeitgeber. Hier bauen sie nur E-Autos. Doch was mit dem Standort passiert, ist weiter ungewiss. Die Menschen sind frustriert – und geben der Politik eine Mitschuld.

Im Zwickauer VW-Werk gibt es einen Escape-Room. Ziel ist es, sich durch drei Räume zu rätseln. Man hat eine Stunde Zeit. Raum eins soll wie ein Büro aus dem 19. Jahrhundert aussehen. Altertümliche Wandlampen, Schwarzweiß-Bilder, aus versteckten Lautsprechern hört man das Traben einer Pferdekutsche. Auf einem Foto sieht man den weltweit ersten Elektro-Motor von 1837. Dieser Raum symbolisiert die Vergangenheit. In Raum zwei und drei muss man Rätsel über die Historie von VW Sachsen und die Zukunft lösen. 

Das Unternehmen hat den Escape-Room eigens errichtet, um die Mitarbeiter auf die Ära der Elektromobilität vorzubereiten und für die neue Technik zu sensibilisieren. Mehr als 4.000 Beschäftige wurden hier in Teams bislang durchgeschickt. Lackierer und Manager, bunt durchgemischt.

Vor einem Rätsel steht auch der Konzern. Weiterhin ist offen, wie Europas größter Autohersteller aus der vielleicht gefährlichsten Krise seiner Geschichte kommen könnte – und was das für Zwickau bedeuten würde. Man kann durchaus eine Parallele zu einem Escape-Room erkennen. Volkswagen muss dringend eine Lösung finden. Bevor die Zeit abläuft.

Eine Woche vor Heiligabend, während in Hannover die VW-Bosse und die IG Metall in komplizierten Tarifrunden über die Zukunft des Autobauers verhandeln, steht Ronny Zehe 350 Kilometer entfernt vor einer Glaswand.

Er blickt auf eine Reihe von Karosserien, die auf einem Förderband dahingleiten. An den Seiten ragen dicke Roboterarme wie Tentakeln aus dem Boden. Stoppt das Band, erwachen die Arme zum Leben. Sie greifen sich eine Scheibe, scannen die Karosserie und setzen die Scheibe auf den Millimeter genau in die Heckklappe. 100 Sekunden dauert der Arbeitsschritt, sagt Zehe, dann ist das nächste Auto dran.

Zehe, ein kräftiger Mann mit Glatze und tätowierten Armen, ist Montageleiter im VW-Werk in Zwickau. In seinem Bereich werden die Fahrzeuge zusammengebaut. Auch wenn er es nicht direkt so sagt, spürt man, wie stolz er auf den Sandort ist. Aber jetzt? „Die Stimmung ist sehr angespannt“, sagt er. „Es tut weh, dass wir so viele gut ausgebildete Mitarbeiter gehen lassen müssen.“

Vor wenigen Tagen hat der Konzern 1.000 befristete Arbeitsplätze gestrichen. „Die meisten davon in der Montage“, sagt Zehe. Die Beendigung der Arbeitsverträge war bereits im Sommer geplant, noch bevor bekannt war, wie angespannt die finanzielle Lage bei VW ist. Doch auch die verbliebenen 8.500 Beschäftigten machen sich große Sorgen. Das Unternehmen hat die Jobgarantie aufgekündigt. Eine Zäsur.

Um mehrere Milliarden Euro zu sparen, will der Vorstand drei Werke schließen, tausende Stellen streichen, die Gehälter um bis zu 18 Prozent kürzen. „Niemand von uns kann sich hier noch sicher fühlen“, sagt Betriebsratschefin Daniela Cavallo. Vor allem die Zukunft von Zwickau bietet immer wieder Anlass für Spekulationen, der Standort gilt als Wackelkandidat, tauchte schon auf möglichen Streichlisten auf. „Das zerrt an den Leuten“, sagt Montageleiter Ronny Zehe. Ausgerechnet Zwickau!

Dabei ist es noch gar nicht lange her, da war Zwickau das Vorzeigewerk von VW. 1,2 Milliarden Euro investierte der Konzern, um die gesamte Fabrik auf Elektromobilität auszurichten. Noch bevor Tesla in Grünheide loslegte, war Zwickau das erste Autowerk in Europa, das ausschließlich E-Autos baute. Es habe regelrecht Aufbruchstimmung geherrscht, sagt Martin Lehmann, Referent des Betriebsrats. Seit jeher setzten sie hier sechs vollelektronische Modelle zusammen, vom ID.4 über den Audi-SUV Q4 e-tron bis zum Kompaktwagen Cupra Born.

Ronny Zehe hat die neue Produktionslinie mitaufgebaut. Ein bisschen war es wie ein Experiment. Sie hätten einfach mal geschaut, welche Prozesse sich automatisieren lassen. Was bedeutete, dass manchmal improvisiert werden musste. Heute läuft die Robotertechnik weitgehend störungsfrei.

Er führt durch die Fahrzeugfertigungshalle, wo Menschen und Maschinen dicht an dicht zusammenarbeiten. Autonome Transportfahrzeuge, die ein wenig an überdimensionale Staubsaugroboter erinnern, steuern durch die Gänge. „Wir haben einen Automatisierungsgrad von über 30 Prozent“, sagt Zehe zufrieden.

„Die Mannschaft hat extrem viel für den Erfolg gegeben“, sagt er. Im Werk reden sie nicht von Kolleginnen und Kollegen, sie reden von „der Mannschaft“. So wie Zehe hatten viele damals das Gefühl, bei der Zukunft der Mobilität eine Vorreiterrolle einzunehmen. Sie haben Mitarbeiter quer durch den VW-Kosmos geschickt, damit die Leute in den anderen Fabriken von Zwickau lernen. USA, Mexiko, Emden.

Doch die Umstellung droht zum Verhängnis zu werden. Die Nachfrage nach E-Autos ist in diesem Jahr erheblich zurückgegangen. Die Folge für das Zwickauer Werk: Flaute. Eigentlich könnten Sie hier 1500 Fahrzeuge täglich bauen, jetzt sind es aber nur 1050. Seit Sommer fährt die Produktion in zwei statt drei Schichten, Beschäftigte werden vorübergehend an andere Standorte entsandt. Es gibt halt nicht genug Arbeit. Jede Meldung aus den aktuellen Tarif-Verhandlungen hat Potenzial, die Angst weiter zu befeuern. So hieß es nur wenige Tage vor Heiligabend, Zwickau könnte die E-Auto-Produktion einstellen. Das Unternehmen dementiert umgehend. Gerüchte!

Wenn Menschen an Autostädte denken, denken sie oft an Wolfsburg, an Stuttgart und Ingolstadt. Wer denkt schon an Zwickau? In Zwickau finden sie das schade, denn hier bauen die Menschen schon seit 120 Jahren Autos. Der Ingenieur August Horch hatte in der Stadt einst die Marken Horch und Audi gegründet. In der DDR liefen hier mehr als drei Millionen Trabanten vom Band des VEB Sachsenring. Nach der Wende war Volkswagen eines der ersten westdeutschen Unternehmen, das im Osten für Beschäftigung sorgte. Bereits 1990 verließ der erste Polo die Montagelinie in Mosel, einem Vorort von Zwickau, wo sich das VW-Werk wie ein eigener Stadtteil ausbreitet.

Der Autobau ist seit 1904 Zwickaus Konstante, durch alle Systeme, durch jeden Strukturwandel. Wer in der Stadt mit Menschen über die lokale Autoindustrie spricht, hört oft den Begriff „DNA“.

Im Rathaus von Zwickau hat Constance Arndt ihr Büro. Seit 2020 ist sie hier Oberbürgermeisterin. Hinter ihrem Schreibtisch hängt einer metergroßes Ölgemälde. Der Zwickauer Künstler Edgar Klier hat es gemalt. Es zeigt die Stadt wenige Jahre vor der Wende. Ins Auge fallen die Schornsteine des ehemaligen Steinkohlereviers. Arndt erzählt, wie damals ständig Rußpartikel auf Zwickau regneten. Das Bild hat eine gewisse Aktualität, sinnbildlich.

„Die Krise bewegt jeden in der Region“, sagt die parteilose Kommunalpolitikerin. „Sie schwebt wie eine dunkle Wolke über den Menschen.“ Sie dreht sich Richtung Fenster. Dass sich etwas verändert habe, spüre sie zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus. Den Tannenbaum und die Spitze der Weihnachtspyramide kann man von der Sitzecke in ihrem Büro sehen. „Die Stimmung ist gedämpfter als sonst“, sagt Arndt.

Sie wirkt ratlos. VW ist hier mit Abstand der größte Arbeitgeber. Was, wenn er noch mehr Mitarbeiter vor die Tür setzt?

„Die Region steckt seit 30 Jahren in einem Transformationsprozess“, sagt sie. Zurzeit sei die Wirtschaft robust, es gebe viele offene Stellen in unterschiedlichen Branchen und wegen der Westsächsischen Hochschule auch Fachkräfte. Aber sollte sich die Lage im Werk verschärfen, ließe sich das kaum kompensieren. „Dann werden auch die angegliederten Unternehmen Mitarbeiter entlassen müssen”, sagt Arndt. Von Volkswagen erwartet sie jetzt Lösungen.

Nur wann wird es die geben? Selbst nach einer viertägigen Marathonsitzung konnten sich Vorstand und IG Metall noch zu keinem Kompromiss durchringen. Der Poker um Standorte und Mitarbeiter geht weiter. Und es ist ja nicht nur Volkswagen: die gesamte deutsche Autobranche schwächelt. Die Misere greift auf die Zulieferer über. Und die Zulieferer der Zulieferer. Auch in Südwestsachsen.

Max Jankowsky erscheint im schmal geschnittenen Dreiteiler zum Gespräch. Später muss er noch nach Berlin zu einer Podiumsdiskussion, wo es um die Frage geht, wie man junge Menschen für Politik begeistern kann. Als Treffpunkt hat er die kleine Kappelle im Zwickauer Rathaus vorgeschlagen, gegenüber des Büros der Bürgermeisterin. Es ist ein gotischer Raum aus dem 15. Jahrhundert, wo normalerweise Paare getraut werden. Aber Max Jankowsky ist derzeit nicht zum Feiern zumute.

Im Erzgebirge führt er die Gießerei Lößnitz in dritter Generation. Das mittelständische Unternehmen baut Presswerkzeuge, die für die Herstellung von Karosserieteilen benötigt werden. Motorhauben, Autotüren, Heckklappen. Zu den Kunden gehören unter anderem Volkswagen, BMW und Daimler. Noch sei seine Firma voll ausgelastet. „Aber in den Weihnachtsgesprächen mit den Kunden war es so, dass einige Projekte für die nächsten Jahre gestoppt wurden.“

Im „Autoland Sachsen“ steht viel auf dem Spiel. Jankowskys kann lange Vorträge darüber halten. Denn er betreibt nicht nur eine Gießerei, er ist auch Präsident der IHK Chemnitz, die rund 70.000 Unternehmen vertritt. „Die Region steht und fällt mit Volkswagen“, sagt er. „Um das Unternehmen hat sich ein ganzes Ökosystem gebildet. Angefangen bei Logistikern bis hin zum Bäcker, der die Brötchen für die Kantine bringt. Insgesamt 100.000 Arbeitsplätze hängen an VW.“

Jankowsky glaubt nicht, dass das Tal schon erreicht ist. Die miesen Verkaufszahlen werden erst im kommenden Jahr auf die Zulieferer voll durchschlagen, wegen der langen Produktionsketten. Die Betriebe werden immer nervöser, sagt er. Schuld daran sei auch die Kommunikation von Volkswagen, die findet er schwammig.

In Zwickau sitzt die Angst vor dem Abstieg tief. Viele Menschen, das wird in den Gesprächen deutlich, fürchten um den Wohlstand, den sie sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben. Ja, sie sind wütend auf die Bosse in Wolfsburg. Der Frust trifft aber auch die Bundesregierung, die vor einem Jahr den Umweltbonus für E-Autos stoppte. Seitdem sind die Verkaufszahlen eingebrochen. Viele hoffen, dass es nach der Wahl im Februar neue Kaufanreize geben wird.

Im Escape Room hebt Mitarbeiter Uwe Becker lieber hervor, was „die Mannschaft“ geschafft hat, statt die Schuld woanders zu suchen. Skepsis war zu Beginn durchaus da. Sollte man das Werk wirklich umbauen? Aber alle hätten sich dahintergeklemmt und dieser Spirit ist aus seiner Sicht auch jetzt das beste Mittel: Optimismus, Zusammenhalt.

Becker, in grauer VW-Jacke, kann entspannt sein. In ein paar Monaten wird er in Vorruhestand gehen, nach 33 Jahren im Unternehmen. Er wirkt sehr erleichtert.

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