Osnabrück Aus dem Koma ins Kinder-TV: „Hallo Spencer“ und die dramatische Geschichte dahinter
„Hallo Spencer“ ist wieder da. Zum Weihnachtsfest schenkt Jan Böhmermann den Fans eine Filmhommage über die Kult-Kinderserie. Wir haben mit Spencers Erfinder Winfried Debertin gesprochen.
Wer in den 80ern ein westdeutsches Kind war, hat bis heute eine Uhrzeit im Kopf: Um 18 Uhr lief die „Sesamstraße“ – nur freitags kam „Hallo Spencer“. Eine halbe Stunde lang präsentierte der gelbe Flausch-Moderator die Helden des Spencer-Dorfs: Elvis, Lulu, Kasi und den Universalgelehrten Lexi, Galaktika und Poldi – den Jungdrachen, der den Schlachtruf „Ich will dir fressen“ in knapp 300 Folgen nie richtig herausgebracht hat.
Deutschlands Antwort auf die Muppets startet am 27. Dezember 1979. Auf den Tag genau 45 Jahre später zeigt Jan Böhmermann einen Film über die Entstehung des Klassikers. „Eine wahre Geschichte nach der fantastischen Welt von Winfried Debertin“ nennt das ZDF ihn. Und wenn man den Erfinder von Spencer trifft, staunt man nicht schlecht: Gerade 71 Jahre ist er alt. Als er die Serie entwickelte, war er erst Mitte zwanzig und fast noch Student.
Hier sehen Sie den Trailer zu Jan Böhmermanns „Hallo Spencer“-Hommage:
Von Puppentheater weiß Debertin damals nicht viel. Für die Konstruktion von Klappmaul-Puppen befähigt ihn nur seine Liebe zum Basteln. Sein einziges Vorwissen, erzählt er, ist ein Projektstudium an der Uni Münster, in dem es um die „Sesamstraße“ geht. Als ein Kommilitone beim NDR hospitieren will, fährt Debertin ihn hin. „Dann saßen wir vor dem freundlichen Redaktionsleiter Jürgen Weitzel und der lehnte sich zurück und fragte: ‚Sie beide wollen jetzt also bei mir hospitieren?‘, sagt der 71-Jährige. „Eigentlich war ich nur der Fahrer. Aber natürlich habe ich sofort ‚Ja‘ gesagt.“
An den Wochenenden baut Debertin dann Puppen und bringt sie zum Sender. „Den Redaktionsleiter haben sie so begeistert, dass ich einen Entwicklungsvertrag für einen Pilotfilm bekommen habe.“ Innerhalb von Monaten verwandelt der Student Winfried sich in den NDR-Redakteur Debertin.
Die Energie dieser Jahre erklärt Debertin mit seiner Geschichte. Aufgewachsen ist er südlich von Osnabrück, in Glandorf. Das Lehrerkind ist eins von acht Geschwistern. Diesen Flohzirkus managt seine Mutter mit nur einem Arm. Dass sie den anderen bei einem Straßenbahnunfall verloren hat, sei kaum aufgefallen, so geschickt war sie beim Dosenöffnen mit der Prothese.
Für seinen Lebensmut hat Debertin also ein Vorbild, als er selbst verunglückt. Vor seinem NDR-Start fährt eine Frau ihm frontal ins Auto. Die Fahrerin und ihre zwei Kinder sterben, seine beiden Beifahrer auch. Debertin selbst überlebt so knapp, dass die Ärzte – als er noch im Koma liegt – seinen Eltern raten, die Lebensversicherung zu informieren. „Danach hatte mein Leben eine große Intensität. Ich wollte in jeder Sekunde beweisen: Es gibt mich. Ich bin noch da.“
Intensiv ist in den 70ern auch die Entwicklung im Kinderfernsehen. 1969 revolutioniert die „Sesamstraße“ das Genre, ab 1971 ist sie in Deutschland zu sehen. Im selben Jahr zeigt der WDR seine „Sendung mit der Maus“. Debertin muss sich abgrenzen, zunächst sogar im Material. Weil man ihm von Auftraggeberseite weismachen will, dass Jim Henson sich für die Klappmaul-Puppen der „Sesamstraße“ auch das Material habe schützen lassen, baut Debertin seine Helden aus Latex und Silikon: „Die Puppen waren so schwer, dass ich doch noch bei einem Patentanwalt nachgefragt habe. Die Sache war ein Irrtum. Ich durfte genauso wie Henson mit Schaumstoff arbeiten.“
„Sesamstraße“ und „Maus“ mischen als Magazine Sachfilme und Fiktion. Spencer aber erzählt pro Folge ein langes Abenteuer. Debertin: „Der Charme unserer durcherzählten Geschichten bestand darin, dass wir große Themen aufgreifen konnten: Einsamkeit, Familie, Zusammenhalt, Fremdheit. Eine Geschichte hieß ‚Die Teilung‘. Wir haben einen Grenzkonflikt im Spencer-Dorf durchgespielt, der heute sinnbildlich für die Ost-West-Problematik angesehen werden könnte.“
Andere Themen sind in den 80ern unaussprechlich. Als die Puppenspieler von Kasi und Elvis an Aids sterben – der eine mit 34, der andere mit 37 Jahren –, wird ihre Todesursache nach außen nicht thematisiert. „Es war eben ein absolutes Tabu“, sagt Debertin und erinnert: Selbst die Bilder einer Geburt, die die Kollegen der „Sesamstraße“ damals zeigen, sorgen noch für aufgeregte Debatten.
Anfangs entstehen 13 „Spencer“-Folgen im Jahr. Pro Episode wird eine volle Arbeitswoche gedreht. Den Aufwand sieht man, nicht nur, weil für Spencers Hausband, die Quietschbeus, Woche um Woche ein neuer Song eingespielt wird. Später wird der Dreh auf dreieinhalb Tage gekürzt. Am Ende, sagt Debertin, nimmt die „Sesamstraße“ mit ihren hohen Lizenzgebühren ihm die Luft: „Spencer war ein Erfolg, auch international. Aber wegen der Kosten hat der Sender uns letztlich eingestellt.“ Nach 22 Jahren und 30 Staffeln entsteht 2001 die letzte Folge.
Sehen Sie hier Jan Böhmermanns Mockumentary über Spencer:
Debertin, der auch vorher andere Formate wie „Leonie Löwenherz“ erfunden und produziert hat, entwickelt die Trickserie „Little Amadeus“. Spencer wird eingelagert. „Von Spencers Studio über Lexis Pilz bis hin zum Baumhaus von Kasimir stand dann alles in ehemaligen Moisburger Disko MicMac“, erzählt er. Manche Puppen verlieren ihre Spielbarkeit, weil das Material altert. Andere werden gestohlen. Die Bauform, mit der Spencer erneuert wurde, wird bei einem Einbruch zerstört. Wenn Fans im neuen Film Abweichungen bemerken, liegt es auch daran.
„Spencer“ wird zum Nostalgie-Thema für Kinder der 80er. Eins davon ist Jan Böhmermann. Im „ZDF Magazin Royale“ dreht er einen Satire-Beitrag, der Spencers Absturz in die Querdenkerszene fantasiert. Über den Gag entsteht der Kontakt zu Debertin. Und die Idee zu dem „Spencer“-Film, der halb biografisch, halb fiktiv, Debertins Leben erzählt. Es soll nur der Anfang sein. Gerade arbeitet Debertin an einem Spencer-Buch. Danach ist ein Kinofilm geplant.
Sendetermin: „Hallo Spencer“ läuft am 27. Dezember 2024, 23.45 Uhr, im ZDF. In der ZDF-Mediathek ist der Spencer-Film schon jetzt zu sehen.