Berlin  Vom Problemfall zur begehrten Schule: Wie die Rütli-Schule sich gewandelt hat

Sören Becker
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Von Sören Becker
| 19.12.2024 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein Schild am Eingang zum Rütli-Campus in Berlin-Neukölln. Foto: IMAGO/Sascha Steinach
Ein Schild am Eingang zum Rütli-Campus in Berlin-Neukölln. Foto: IMAGO/Sascha Steinach
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Die Rütli-Schule machte mit Gewaltexzessen Schlagzeilen. Lehrer und Schüler ergriffen die Flucht. Wie sieht es 18 Jahre später aus? Ein Besuch.

Der Besuch an der einstigen deutschen Problemschule beginnt mit einem schwarz gekleideten Sicherheitsmann. Er fragt den Reporter unwirsch, was er hier eigentlich vorhabe. Nach kurzer Erklärung geht es mit Geleitschutz zum Büro von Kerstin Ruoff, der ständigen Vertreterin der Schulleitung. Der Schulhof des Rütli-Campus sieht, abgesehen vom Sicherheitspersonal, mittlerweile eigentlich ganz normal aus. Ein Zustand, den viele flüchtige Beobachter der ehemaligen Rütli-Schule noch vor einigen Jahren kaum zugetraut hätten.

Obwohl die Wände auch heute mit Graffiti verziert sind: Schüler genießen gewaltfrei ihre Pause. Ein Lehrer steht mit einer Zigarette auf dem Zahn neben einem Papierkorb und trinkt Kaffee aus einer gestreiften Tasse mit gebrochenem Henkel. Es gibt mittlerweile mehr Eltern, die ihre Kinder hier anmelden wollen und mehr Lehrer, die hier unterrichten wollen, als unterkommen können.

Im Büro der Schulleitung sitzt heute Kerstin Ruoff an einem alten, hölzernen Schreibtisch. Sie leitet die Schule seit 2023 als ständige Vertreterin und ist seit 2016 hier tätig. Schon damals waren die schlimmen Zustände, die die Rütli-Schule berühmt gemacht hatten, Vergangenheit. Noch immer, so berichtet Ruoff, müsse sie gelegentlich die Polizei rufen. Selten wegen krasser Gewalttaten, sondern meist, weil jemand aus Spaß den Feueralarm betätigt hat. Dennoch sei der Sicherheitsmann am Eingang nötig, auch wenn sich er sich größtenteils nur um den Einlass von Gästen kümmere.  18 Jahre früher hätte er sich nicht auf diese Tätigkeiten konzentrieren können. So stellt es zumindest ein berühmter Brandbrief dar, der der Schule zu bundesweiter Aufmerksamkeit verhalf:

„Türen werden eingetreten, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen“, klagte das Kollegium 2006 darin. Auch die Lehrer selbst seien damals öfter mit Gegenständen beworfen worden. Kein Wunder, dass der Krankenstand im Kollegium laut Brief astronomische Zahlen erreicht hatte. Immerhin einige Schüler hatten Freude an der Situation: „Es gilt als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen“, heißt es im Brandbrief weiter. „Der Intensivtäter wird zum Vorbild“. 

Dabei hätten es auch die Schüler selbst schwer, hieß es damals weiter: „In den meisten Familien sind unsere Schüler/Innen die einzigen, die morgens aufstehen. Wie sollen wir ihnen erklären, dass es trotzdem wichtig ist, in der Schule zu sein und einen Abschluss anzustreben?“, fragt das Kollegium. Außer einigen Lehrern und einer Sozialarbeiterin hat kaum jemand auf dem Campus diese Zustände noch erlebt. Einige Schüler von damals sind mittlerweile sogar als Lehrer an die Schule zurückgekehrt.

„Das ist sicherlich maßgeblich Frau Heckmann zu verdanken“, berichtet Kerstin Ruoff. Gemeint ist ihre Vorgängerin Cordula Heckmann. Die Schulleitung war zum Zeitpunkt des Brandbriefs schon länger verwaist. Doch das laute Klagen hatte ein deutschlandweites Medienecho zur Folge und die Rütli-Schule rutschte auf der Agenda nach oben. Cordula Heckmann wurde 2007 zur Schulleiterin ernannt und hatte die Stelle bis vor knapp zwei Jahren inne.  „Man hat nicht daran geglaubt, dass die Rütli-Schule zu reformieren ist. Das war eine große Chance für uns. Es konnte ja nur besser werden“, erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Redaktion. 

Doch nach dem Brandbrief wurde es erstmal schlimmer. Der schlechte Ruf der Schule hatte sich zu einem Teufelskreis entwickelt: Kaum jemand wollte seine Kinder freiwillig auf die deutschlandweit bekannte Problemschule schicken. Die meisten Schüler wurden von Amts wegen der Schule zugeteilt. Das betraf häufig Schüler, die ernste Probleme von zu Hause mitbrachten. Überforderte Lehrer mussten sich krankschreiben lassen oder gingen gleich ganz. Der Unterricht wurde schlechter und fiel öfter aus. Die abgehängten Schüler fielen noch weiter zurück. In der Folge verschlimmerten sich der Ruf der Schule und die Überforderung.

Auch für die Schüler wurde das Leben nach dem Brandbrief erstmal nicht einfacher: „Unsere Schüler wurden allesamt als gewaltbereite Bildungsversager abgestempelt“, erinnert Heckmann. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe das nicht geholfen. „Auch deswegen bin ich kein Fan von solchen Brandbriefen“, sagt Heckmann heute. Doch das Beispiel hat Schule gemacht. Immer wieder veröffentlicht eine Berliner Schule einen solchen Brandbrief mit dramatischen Worten, den die Presse mit einer gehörigen Dosis Kulturpessimismus aufnimmt.

Der Schulhof auf dem Rütli-Campus ist an diesem grauen Mittwoch im Jahr 18 nach dem Brandbrief weitgehend leer, weil gerade keine Pause ist. Ein Schüler sitzt in Jogginghose mit einer Flasche Cola und einer Bäckertüte vor dem Hauptgebäude. Er blickt auf die Kita und das Jugendzentrum „Manege“. Wenn man wollte, könnte man hier auf diesem Campus seine ganze Bildungskarriere bis zur Uni verbringen, inklusive Abitur und nachmittäglicher Hausaufgabenhilfe.

Heckmann war nach ihrer Einstellung jedenfalls fest entschlossen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. „Wir wollten kein Kind aufgeben“, fasst sie die Leitphilosophie ihrer Bemühungen heute zusammen.  Sie und ihr Team nutzten die Gelegenheit für radikale Reformen: Längeres gemeinsames Lernen, eine Nachmittagsbetreuung vor Ort und vieles mehr.

Doch es gibt noch immer und wieder Probleme am Rütli-Campus. „Seit dem Angriff der Hamas gibt es immer wieder Streit um den Krieg im Nahen Osten”, sagt Schulleiterin Ruoff. Auch, weil in Neukölln eine der größten Palästinenser-Gemeinschaften in Deutschland lebt und die Situation vielen Menschen im Stadtteil aus biografischen Gründen nahe geht. Auf dem Weg zum Bäcker seien etwa Demos mit Wasserwerfer-Einsatz ein alltägliches Bild in Neukölln. Dementsprechend kontrovers wird die Lage auf dem Schulhof diskutiert. Die Schule versucht normalerweise Ressentiments unter anderem mit einer jährlichen Reise nach Israel zu begegnen. Dies sei wegen des Krieges im Moment jedoch nicht möglich.

Waren die Zustände an der Rütli-Schule einzigartig? Wahrscheinlich nicht: „In jeder größeren oder kleineren Stadt gibt es sicherlich bis heute eine Schule, die einen ähnlich eindrucksvollen Brief schreiben könnte. Aber wir waren damals die lautesten“ sagt Cordula Heckmann. Was können diese Schulen also vom Beispiel Rütli lernen? Zum einen, dass eine Kehrtwende Zeit braucht. „Man sagt, dass so eine Umkehr mindestens zehn Jahre dauert. Wir haben elf gebraucht“, schätzt Heckmann. Und wie kann so etwas klappen? „Es fängt damit an, dass man die Missstände identifiziert und sie klar und offen anspricht. Dann muss man sich Verbündete suchen, um sie zu beheben“, fasst Ruoff zusammen.

Als der Reporter den Campus verlässt, wacht der Sicherheitsmann noch immer über den Eingang. Es ist etwas lauter, weil mittlerweile die Pause begonnen hat. Er hat Zeit, sich mit einem freundlichen Gruß zu verabschieden. Denn wie meistens, hat er gerade nicht allzu viel zu tun.

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