Osnabrück  Rückblick auf ein Fußballfest: Was die EM 2024 in Deutschland hinterlassen hat

Malte Goltsche
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Von Malte Goltsche
| 30.12.2024 10:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Fußball-EM entfachte eine Euphorie - ein zweites Sommermärchen war sie aber nicht. Foto: dpa
Die Fußball-EM entfachte eine Euphorie - ein zweites Sommermärchen war sie aber nicht. Foto: dpa
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2024 neigt sich dem Ende entgegen - und wir blicken wir auf das zweitgrößte Sportereignis des Jahres zurück. Was hat die Fußball-EM in Deutschland hinterlassen? Drei Blickwinkel auf das Turnier und seine Folgen.

Die Sehnsucht Fußball-Deutschlands nach einem zweiten Sommermärchen war groß. 18 Jahre nach der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land, die damals nicht nur den Startschuss für die Entwicklung zum Titelgewinn 2014 gegeben hatte, sondern auch das Land zumindest für diesen einen Sommer komplett vereinte, sollte die Europameisterschaft 2024 ähnliches erfüllen. Es gelang in Ansätzen - aber nicht komplett. Drei Blickwinkel auf dieses Turnier und seine Folgen.

Julian Nagelsmann ist ein richtig guter Bundestrainer. Diese Feststellung kann man seit dem EM-Turnier im Sommer ohne Zweifel machen. Zuvor war Skepsis angebracht - schließlich war der zum Turnierstart noch 36-Jährige erst neun Monate im Amt und hatte nach nicht mal zwei Jahren seinen Job beim FC Bayern verloren. Der DFB holte ihn trotzdem und lag damit letztlich richtig.

Nagelsmann kratzte vor dem Turnier die Scherben zusammen, die ihm seine Vorgänger Jogi Löw und Hansi Flick hinterlassen hatten. Er suchte fieberhaft nach der passenden Zusammenstellung der Mannschaft - und fand schließlich das entscheidende Mosaikstück: Toni Kroos wurde kurz vor dem Turnier reaktiviert und lenkte sofort das deutsche Spiel, als wäre er nie weg gewesen.

Deutschland spielte eine starke Gruppenphase, schlug Schottland mit 5:1 und Ungarn mit 2:0, bekam gegen die Schweiz aber erstmals Probleme und mühte sich zu einem Last-Minute-1:1. Als Gruppensieger wartete im Achtelfinale Dänemark, das man im Regen von Dortmund relativ souverän mit 2:0 bezwang. Nach den Turniereindrücken zuvor galt das Viertelfinale bereits als vorweggenommenes Endspiel: Die Partie gegen Spanien wurde zum Abnutzungskampf. Die dominanten Spanier gingen nach der Pause in Führung, Florian Wirtz brachte Deutschland in letzter Sekunde in die Verlängerung, wo Mikel Merino Sekunden vor dem Elfmeterschießen das 2:1 für Spanien köpfte - wobei Deutschland zuvor einen Strafstoß hätte bekommen müssen.

Deutschland schied höchst unglücklich aus - doch ein wichtiges Gefühl war zurück: Wir können wieder mit den Besten mithalten. Spanien gewann schließlich das in der K.o.-Phase sportlich enttäuschende Turnier. Was in der Gruppenphase durch Teams wie Georgien, die Slowakei oder Rumänien aufgelockert und spannend wurde, flachte später zusehends ab. Große Nationen wie England oder Frankreich wollten sich - mal wieder - zum Titel mauern und scheiterten damit nur knapp. Auch deshalb war Spanien der völlig verdiente Sieger (2:1 im Finale gegen England).

Nagelsmann hat nun die Aufgabe, das DFB-Team weiterzuentwickeln - und er steckt schon mittendrin. Ohne Torwart Manuel Neuer, Kapitän Ilkay Gündogan, Spielmacher Kroos und „Kabinenspieler“ Thomas Müller, die alle ihre Karriere im Nationaltrikot beendet haben, braucht er neue Hierarchien, andere Ideen und frische Kräfte.

Große Sorgen muss man sich da aber wohl nicht machen, wie die zweite Jahreshälfte zeigt: Mit fünf Siegen und zwei Unentschieden läuft die Nations League bislang wunderbar, die Supertalente Wirtz und Jamal Musiala wirbeln so ziemlich jeden Gegner durcheinander und der neue Kapitän Joshua Kimmich geht seit der EM endlich auch mit Leistung voran. Gute Aussichten also für 2025, ein turnierfreies Jahr. Der Blick schweift aber längst noch weiter - zur WM 2026. Schon nach dem Ausscheiden gegen Spanien sagte Nagelsmann: „Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh.“ Der Mann hat Mut und Überzeugung - ein guter Bundestrainer.

Was in den letzten Jahren völlig undenkbar erschien, wurde in diesem Sommer Realität: Der DFB war plötzlich mutig, modern und cool. Der sonst so verstaubte Verband machte in Sachen Außenwirkung auf einmal einiges richtig. Er setzte auf pinke Trikots, Retro-Trainingsanzüge, die selbst Rudi Völler wieder modisch aussehen ließen, und eine kluge Marketing-Kampagne, die eigenständig einen EM-Hit ins Rennen schickte.

„Major Tom“ von Peter Schilling klang erstmals im Werbespot zum neuen Trikot an - es verselbstständigte sich zu dem Song des Turniers. Generell war Musik ein Thema, der Saxophon-Mann André Schnura wurde schließlich auch über seine Auftritt auf den deutschen Fanmärschen zum Internet-Star.

Dass es so etwas wie deutsche Fanmärsche überhaupt gegeben hat, ist ebenfalls eine Erwähnung wert. Zwar wirkt der offizielle - und vermarktete - Fanclub der deutschen Nationalelf weiter viel zu gekünstelt, doch in diesem Sommer kam, zum ersten Mal seit 2006, wieder ein echtes Gefühl der Verbundenheit mit der Mannschaft und dem Verband auf, auch fernab vom Public Viewing. Nie zuvor hat man so viele Menschen auf den Straßen mit deutschen Trikots gesehen - ob offizielle von Ausrüster Adidas in weiß oder pink oder die vom Vergleichsportal Check24, das damit wohl den größten Marketing-Coup der letzten Jahre gelandet hat.

Einen Tag nach dem EM-Aus zog Bundestrainer Nagelsmann selbst Bilanz - und nutzte die Pressekonferenz etwas plötzlich für ein politisches Statement. „Wir haben es geschafft, die Menschen zu einen“, sagte Nagelsmann. „Und ich hoffe, dass wir es auch nachhaltig hinkriegen, die Symbiose in weit wichtigeren Bereichen fortzusetzen.“ Denn: „Wenn ich dem Nachbarn helfe, die Hecke zu schneiden, ist er schneller fertig.“

Nagelsmann war zuvor nicht wirklich mit politischen Botschaften in Erscheinung getreten. Auch der DFB hatte Politik von der Nationalelf nach dem Fiasko während der Katar-WM und den Diskussionen im Anschluss wegzuhalten versucht. Doch es ist und bleibt so: Eine Nationalmannschaft ist nicht nur ein Fußballteam. Sie repräsentiert ein Land und dessen Menschen. Das haben der Bundestrainer und seine Spieler bei diesem Turnier und in diesem Jahr hervorragend umgesetzt.

Trotzdem hatte die EM auch ihre Schattenseiten: Rechte Fans von Ungarn, Österreich oder der Türkei, sowie der Wolfsgruß des türkischen Spielers Merih Demiral. Der wurde zwar gesperrt, aber noch immer geben bei Länderspielen Rechtsextreme viel zu häufig den Ton in den Fankurven an.

Und dennoch war es insgesamt ein friedliches Turnier. Ausschreitungen und Gewalt gab es kaum. Vielmehr bleiben andere Szenen hängen: Schotten, die älteren Menschen die Regenschirme halten, Verbrüderungen zwischen Italienern und Albanern, deutsche Fanmärsche oder holländische Partys in Hamburg und Berlin. 2018 bei der WM in Russland oder 2022 in Katar war so etwas völlig undenkbar, weil dort eben alles gekünstelt und politisch gelenkt wirkt.

Umso trauriger, dass sich der DFB vor Kurzem nicht zu einem Mindestmaß an Widerstand gegen die WM-Vergabe 2034 nach Saudi-Arabien durchgerungen hat. Das hätte einem starken Jahr für den Verband ein letztes gutes Signal sein können - diese Chance hat man verpasst.

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