Osnabrück Warum man nach Magdeburg nicht Weihnachten feiern kann, sondern muss
Bluttaten wie der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt sollen der Spaltung der Gesellschaft dienen. Doch ausgerechnet sie machen auch ein ganz anderes Gefühl sichtbar, das selbst Menschen verbindet, die sich gar nicht kennen. Und das viel mit Weihnachten zu tun hat.
Darf man nach Magdeburg noch normal Weihnachten feiern? Kann man das überhaupt? Ist irgendwer in der Lage, so zu tun, als habe es die Bluttat gar nicht gegeben? Als klänge der Ruf der Engel in den Festgottesdiensten, „Und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“, in diesem Jahr nicht noch naiver als sonst, um nicht zu sagen regelrecht zynisch?
Nein, in diesem Jahr ist es nicht so wie sonst, gibt es nicht dieses tröstliche Gefühl der ewigen Wiederholung, des yogaartig beruhigenden „Alle Jahre wieder“, das uns sonst durch diese dunkelsten Tage des Jahres wiegt.
Und doch liegt genau so, wie die dunkelsten Tage immer schon die Verheißung neuer Lichtzeiten in sich tragen, auch gerade in dieser Zeit des Entsetzens und der Trauer ein winziger Hoffnungsschimmer, so schwer es auch fällt, das so zu nennen in all dem Grauen. Denn dass sich überhaupt so etwas wie Entsetzen, Trauer, Grauen breitmacht landlauf, landab, ist doch aus rein rationaler Sicht eigentlich unverständlich.
Die Menschen, die in ganz Deutschland und weit darüber hinaus mit den Angehörigen der Ermordeten trauern und mit den Verletzten bangen, sie haben doch rein praktisch gar nichts mit dem Weihnachtsmarkt von Magdeburg zu schaffen, jedenfalls die allermeisten nicht.
Was hat sich für sie in ihrem echten Leben denn verändert in dem Moment, in dem der Attentäter in die Menge raste? Was hindert sie daran, danach genauso fröhlich und unbeschwert unter dem Tannenbaum zu sitzen, Spekulatius zu essen oder mit ihren Kindern die neue Murmelbahn aufzubauen wie immer? Nichts, würde man meinen. Und doch können sie es nicht, oder zumindest fällt es ihnen schwer.
Der Komponist Richard Wagner, sicher kein Softie, hat auf seine alten Tage nach Jahrzehnten des Desinteresses noch einmal einen christlichen Stoff vertont, zum Frust mancher Deutschtümler unter seinen Verehrern, übrigens bis heute.
Der „Parsifal“ war seine letzte Oper, und das Thema ist genau das erstaunliche Gefühl, das gerade so viele von uns befällt, wenn sie die Nachrichten sehen. Der Titelheld ist dumm wie Stroh, er weiß gar nichts, nicht einmal seinen eigenen Namen. Aber als er einem Mann begegnet, dem eine lebensbedrohliche Wunde geschlagen wurde, hält er es kaum aus vor Schmerzen: Er selbst fühlt die Wunde so heftig, als sei er es gewesen, den die Lanze durchbohrte.
Parsifal sei „durch Mitleid wissend“, dichtete Wagner, und so ähnlich geht es all den Menschen gerade auch, die mit den Gedanken bei den Opfern von Magdeburg sind. Sie fühlen mit ihnen, selbst wenn sie nie ihre Gesichter gesehen, nie ihre Namen gehört haben. Es ist ein merkwürdiges, zweckfreies, aber tief empfundenes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Und Zusammengehörigkeit ist Heimat.
Paradoxerweise machen ausgerechnet Taten wie die von Magdeburg, die doch der Spaltung und der Verhärtung von Fronten dienen sollen, diese Art von Zusammenhalt besonders sichtbar beziehungsweise spürbar. Das heißt aber nicht, dass sie sonst nicht da wäre.
Gerade in dieser Jahreszeit sind die Menschen besonders aufmerksam für die vielen großen und kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens. Sie spenden Millionen für Menschen in Not, wenn auch das Spendenaufkommen zuletzt rückläufig war. Sie sind bedrückt davon, wie viele Ältere die Feiertage ganz allein verbringen müssen. Und sie lassen sich bewegen von einem Fest, an dem es um alles Mögliche geht, aber nicht zuletzt und vielleicht sogar als allererstes um genau dies: Zusammenhalt. Nein, man darf nach Magdeburg nicht Weihnachten feiern. Man muss.