Ohne Termin, dafür mit Tradition  Zu Besuch beim letzten Auricher Herrenfriseur

| | 16.12.2024 10:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sandra Lindenbeck ist mit Leib und Seele Herrenfriseurin. Foto: Romuald Banik
Sandra Lindenbeck ist mit Leib und Seele Herrenfriseurin. Foto: Romuald Banik
Artikel teilen:

Im letzten Auricher Friseursalon für Herren geht es entspannt zu. Warum Chefin Sandra Lindenbeck lieber Männerköpfe frisiert und was die Kunden am Salon schätzen.

Aurich - Mit einem satten metallischen Klang schneidet die Schere durch die grauen Haare von Klaus Musolf. Schnipp, Schnapp. Im Hintergrund dudelt leise Musik aus dem Radio, ansonsten ist es ruhig in dem kleinen Herrenfriseursalon in der Hafenstraße mitten in der Auricher Altstadt. Kunde Musolf hat volles Haar. Kurz vor Weihnachten muss es noch einmal in Form gebracht werden. Aber bitte nicht zu kurz, ist ja schließlich kalt draußen. „Also machen wir die Winter-Edition?“, fragt Friseurin Sandra Lindenbeck schmunzelnd und schon fällt hellgraues Haar sanft auf den tannengrünen Umhang.

Kunde Klaus Musolf ließ sich bereits von Sandra Lindenbecks Vater Hans-Georg die Haare schneiden. Foto: Romuald Banik
Kunde Klaus Musolf ließ sich bereits von Sandra Lindenbecks Vater Hans-Georg die Haare schneiden. Foto: Romuald Banik

Klaus Musolf ist Stammkunde beim Herrenfriseur Lindenbeck – und zwar seit der ersten Stunde. „Ich habe mir bereits vom alten Chef die Haare schneiden lassen, als der noch gar nicht selbstständig war“, erinnert sich Musolf. 1965 sei das gewesen und mit „altem Chef“ meint er Heinz-Georg Lindenbeck, den Vater von Sandra. Er führte das Geschäft von den frühen 1970er Jahren bis 2016, zog sich dann aus familiären Gründen zurück und Tochter Sandra übernahm, führt heute den laut Friseurinnung Aurich-Norden letzten reinen Herrenfriseur im Landkreis Aurich.

Frisieren, Rauchen, Diskutieren

Damals, das waren noch Zeiten. „Da wurde hier noch geraucht“, erinnert sich Kunde Theodor Ubben. Er sitzt auf einem der fünf Frisierstühle und wird heute von Ludmilla Bischler, Lindenbecks einziger Mitarbeiterin, frisiert. Theodor Ubben gehört ebenfalls zu den zahlreichen Stammkunden des letzten Herrensalons in Aurich. Alle vier bis sechs Wochen radelt er von Westerende-Kirchloog aus in die Auricher Innenstadt, um sich das Haupthaar stutzen zu lassen.

Ludmilla Bischler verpasst dem Stammkunden Theodor Ubben den letzten Schnitt vor dem Weihnachtsfest. Foto: Romuald Banik
Ludmilla Bischler verpasst dem Stammkunden Theodor Ubben den letzten Schnitt vor dem Weihnachtsfest. Foto: Romuald Banik

„Ich bin hier sehr zufrieden, hier kann man einen kleinen Plausch halten“, sagt Ubben. Heute ist er hier, um sich den letzten Schnitt vor dem Weihnachtsfest abzuholen. „Ich komme erst im nächsten Jahr wieder“, sagt er. Beim Rausgehen gibt Sandra Lindenbeck noch schnell Grüße an Ubbens Frau mit, dann steht schon der nächste Kunde vor dem kleinen Empfangstresen im Wartebereich.

Kein Termin, aber viel Tradition

Warten, das muss man bei Lindenbeck manchmal, aber dann oft nicht lang. Es läuft ruhig und gesittet im Herrensalon. Termine gibt es hier nicht. Man kommt vorbei, schaut durch die Tür des Altbaus mit dem markanten Metallteller unterm Firmenschild und schätzt ein, ob man noch eine kurze Runde durch die Stadt drehen kann oder nicht. Nur einmal, nach dem Corona-Lockdown, da habe sich eine Warteschlange bis zum Bäcker auf der Burgstraße gebildet, erinnert sich Lindenbeck.

Markantes Erkennungszeichen des Herrensalons ist der silberne Teller über dem Eingang. Es ist das Zunftsabzeichen der Friseure. Foto: Romuald Banik
Markantes Erkennungszeichen des Herrensalons ist der silberne Teller über dem Eingang. Es ist das Zunftsabzeichen der Friseure. Foto: Romuald Banik

Nach Wochen ohne Haarschnitt war der Bedarf damals groß. Wer zu normalen Zeiten auf einen freien Stuhl warten will, findet zwischen Zeitschriften und Adventsgesteck meist einen netten Gesprächspartner für einen kleinen Schnack. Der Metallteller, der vor der Tür in der ostfriesischen Brise baumelt, hat übrigens Tradition - genau wie der Herrensalon. Es handelt sich um das Zunftabzeichen der Friseure. Ihr Vater habe den blitzenden Teller jeden Morgen zu Geschäftsbeginn rausgehängt und zur Bedeutung gesagt: „Das Wasser ist warm“, erinnert sich die Friseurin. Gemeint war damit der Ursprung des Abzeichens, als der Barbier noch den Rasierschaum in einem metallenen Becken aufschlug.

Generationen von Kunden im Salon

Tradition ist der Besuch beim Herrenfriseur offenbar auch für viele Kunden. „Oft ist es so, dass die nächste Generation schon als Kind mit in den Salon gebracht wird“, erzählt Sandra Lindenbeck. Auf diese Weise habe man Kunden zwischen einem halben Jahr bis zum Seniorenalter. Grundvoraussetzung für einen Besuch ist das Geschlecht. Beim Herrenfriseur werden tatsächlich nur Männer frisiert. Nur in absoluten Ausnahmefällen kommen hier auch Frauen unter die Schere, und auch nur, wenn sie sehr kurze Haare haben.

Einmal Herrensalon, immer Herrensalon

Dass sie sich irgendwann einmal beruflich mit dem Haupthaar von Aurichern beschäftigen würde, war für Sandra Lindenbeck keineswegs klar. Sie machte nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Krankenpflege-Helferin. Ein Faible für Haare muss sie aber schon immer gehabt haben. „Als Kind habe ich immer unsere Hunde frisiert“, erinnert sie sich. So mussten die beiden Rauhaardackel der Familie dran glauben und anschließend mit einem kantigen Popper-Haarschnitt zur Gassirunde aufbrechen.

Heinz-Georg Lindenbeck frisierte ab Anfang der 1970er-Jahre Auricher Herrenköpfe in seinem eigenen Salon in der Hafenstraße. Damals wurde in dem kleinen Ladenlokal noch geraucht. Foto: Privat
Heinz-Georg Lindenbeck frisierte ab Anfang der 1970er-Jahre Auricher Herrenköpfe in seinem eigenen Salon in der Hafenstraße. Damals wurde in dem kleinen Ladenlokal noch geraucht. Foto: Privat

Als sich Sandra Lindenbeck dann entschloss, auch beruflich ins Haarschneidegeschäft einzusteigen, war für sie schnell klar: Das geht nur im elterlichen Betrieb. Bei Vater Heinz-Georg machte sie die Ausbildung und blieb. Ein Damensalon sei für sie niemals in Frage gekommen. „Das wäre nichts für mich gewesen“, sagt die Friseurin. Der Grund: „Frauen sind, was die Haare angeht, sehr eigen.“ Männer seien da deutlich unkomplizierter.

Ruhepol im hektischen Weihnachtsgeschäft

Unkompliziert sind auch die Gespräche, die an diesem Vormittag im Salon geführt werden. Es geht ums Wetter, den Weihnachtsmarkt, die anstehenden Feiertage. Eine entspannte Stimmung, die nicht nur Sandra Lindenbeck und ihre Kollegin Ludmilla Bischler schätzen: „Nicht alle Kunden wollen reden, manche möchten auch ihre Ruhe haben“, weiß Bischler. Und so wird der Herrensalon in der Hafenstraße besonders in der hektischen Vorweihnachtszeit ein Ruhepol für Männer mit haarigen Anliegen.

Ähnliche Artikel