Meinung  Freude über Umsturz in Syrien ist in Aurich zurecht getrübt

Stephan Schmidt
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Von Stephan Schmidt
| 14.12.2024 08:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Menschen schießen in die Luft, als sie den Sturz der syrischen Regierung in Damaskus feiern. Foto: Ugur Yildirim/DIA Photo/AP/DPA
Menschen schießen in die Luft, als sie den Sturz der syrischen Regierung in Damaskus feiern. Foto: Ugur Yildirim/DIA Photo/AP/DPA
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Der Sturz von Präsident Assad in Syrien kann auch für den Kreis Aurich historische Folgen haben. Aber die Freude ist bei Syrern in Aurich zurecht getrübt. Ein Kommentar.

Seit mehr als 13 Jahren sorgt der Krieg in Syrien für Leid und Tod. Er trieb Millionen von Menschen aus dem Land – und Tausende nach Ostfriesland. Allein im Landkreis Aurich leben zurzeit 1727 Syrer. 166 von ihnen befinden sich in einem der laufenden Asylverfahren, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bis auf Weiteres auf Eis gelegt hat, wie wir in dieser Woche berichteten. Wenn man sieht, welch gewaltigen organisatorischen, logistischen und finanziellen Aufwand der Landkreis Aurich seit mehr als zehn Jahren betreibt, um die Menschen aufzunehmen, mit Unterkünften, Lehrgängen und sonstiger Hilfe zu versorgen, kann man festhalten: Der Sturz von Präsident Baschar al-Assad könnte auch für den Kreis Aurich historische Folgen haben.

Mit dem Sturz nicht automatisch Frieden und Sicherheit

Aber: Mit der Flucht des Diktators nach Russland kehrt nicht automatisch Frieden und Sicherheit in Syrien ein. Daher waren die Reaktionen der Syrer in Aurich, mit denen die ON in dieser Woche sprachen, zwiegespalten. Einerseits herrscht Freude und Erleichterung, andererseits Sorge und Ungewissheit. Nesrin Khalil, die 2013 nach Deutschland floh und mittlerweile eingebürgert ist, sagte, sie habe Freunde und Verwandte, die in Angst vor dem Unbekannten lebten, besonders im Nordosten und in den Städten der Kurden. Hawazen Khouri, Syrerin in Aurich, betonte, ihre Freude über den Sturz Assads sei getrübt. „Diesen Rebellen trauen wir auch nicht viel Gutes zu.“

Einige Politiker vereinfachen bewusst

Wer den Auricher Syrern zuhört, erhält einen differenzierten Blick auf eine Lage, die einige Politiker in Deutschland durchaus gezielt vereinfachen – weil es gerade in ihre Agenda und den politischen Zeitgeist passt, der wegen des Aufwinds der AfD eine „harte Hand“ gegen Migration zu verlangen scheint.

Doch in einigen Regionen Syriens wird weiter gekämpft. Und die Situation ist generell instabil. Denn die neuen Machthaber sind eine Allianz aus Männern, die noch bis vor Kurzem von Regierung und Medien hierzulande als Terroristen, Salafisten oder Islamisten bezeichnet wurden. Heute werden sie, freundlicher, Rebellen genannt. Wie sie die Politik gestalten werden, ist unklar. Von Frieden kann noch keine Rede sein. Entweder naiv oder perfide ist es daher, nur Tage nach dem Umsturz die Abschiebung von Syrern in ihre Heimat zu fordern.

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