Umsturz in Syrien Schlaflose Nächte und Hoffnung auf einen Neuanfang
Ruhe und Frieden für die Menschen in Syrien – das wünschen sich Menschen, die vor Jahren aus dem Bürgerkriegsland in die ostfriesische Sicherheit flüchteten.
Aurich - Schlaflose Nächte haben die aktuellen Entwicklungen in Syrien mit dem Sturz des Assad-Regimes Nesrin Khalil und ihrem Mann Mohammed bereitet. „Wir konnten nicht schlafen, sondern haben die ganze Zeit auf neue Nachrichten gewartet, um uns über die Lage zu informieren“, sagt Nesrin auf Anfrage dieser Zeitung. Khalil war 2013 gemeinsam mit ihrem Mann Mohammed und ihrer siebenmonatigen Tochter Leraz aus dem Bürgerkriegsland über die Türkei nach Deutschland geflohen.
Sie ließ dabei Teile ihrer Familie zurück, ihren Bruder, ihre Schwester und auch ihre Eltern, die sie bis zu deren Tod in diesem Jahr nicht wiedersehen wird. Ein Schmerz, der tief sitzt. Inzwischen hat sich die Familie in Aurich ein neues Leben aufgebaut, ein Haus gekauft, feste Jobs gefunden. Den Sturz des Assad-Regimes am vergangenen Wochenende erlebte sie mit gemischten Gefühlen.
Menschen in Angst vor dem Unbekannten
„Unser Gefühl war eine Mischung aus Freude und Traurigkeit: Einerseits die Freude darüber, dass Assad endlich gegangen ist und hoffentlich keine Diktatur mehr herrschen wird, andererseits die Traurigkeit über die Menschen, die ihr Leben wegen der Regierung verloren haben, und die Inhaftierten, die ihr normales Leben verloren haben, obwohl die meisten nichts gemacht haben und nur nach Freiheit suchten“, so die Syrerin weiter. Ob sie noch Kontakte ins Land habe? „Ja, ich habe Freunde und Verwandte, die ebenfalls in Angst vor dem Unbekannten leben, besonders im Nordosten Syriens und in den Städten der Kurden, denn ihr Schicksal ist noch ungewiss“, sagt sie.
Zukunft der Kinder liegt in Deutschland
Eine Rückkehr in das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land kommt für die dreifache Mutter nur zeitweise in Frage, für einen Besuch in der alten Heimat. „Aber nicht, um dauerhaft zu bleiben, denn ich sehe die Zukunft meiner Kinder hier in Deutschland.“ Deutschland sei für sie niemals eine Art Hotel gewesen, aus dem sie gehen könne, wann sie wolle. „Es ist mein zweites Heimatland für mich und meine Familie. Wir haben uns hier gut integrieren können und sind auch deutsche Staatsbürger“, sagt Khalil. Dennoch weiß Nesrin Khalil um die aktuell aufflammende Debatte um eine mögliche schnelle Abschiebung syrischer Geflüchteter. „Ich werde den Beschluss der deutschen Regierung und die Meinung des deutschen Volkes respektieren“, sagt sie.
Heimatgefühl und Unsicherheit
Auch Hawazen Khouri aus Wallinghausen blickt derzeit mit gemischten Gefühlen auf ihr Heimatland Syrien. Sie war gemeinsam mit ihren Teenager-Töchtern Zaen und Haneen aus Syrien nach Deutschland geflohen. Voll verschleiert und mit den Wertsachen an den Körper geklebt, schaffte es die Mutter mit ihren Kindern über die Grenze in die Türkei und von dort weiter bis nach Ostfriesland. In Aurich baute sich die Englischlehrerin ein neues Leben auf, brachte sich in Sprachkursen und teilweise auch autodidaktisch die deutsche Sprache bei. Heute arbeitet sie als Sprachmittlerin, betreut die Sprach- und Integrationskurse und macht nebenberuflich eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten.
Getrübte Freude über Umsturz
In einem früheren Interview berichtete sie dieser Redaktion von ihrer Flucht und auch davon, dass sie immer Sehnsucht nach ihrer Heimat haben werde. „Ich bin immer eine Syrerin“, sagte Hawazen Khouri.
Das vergangene Wochenende mit seinen Entwicklungen in Syrien, bis hin zum Sturz des Assad-Regimes, hat Khouri beschäftigt und berührt. „Wir freuen uns natürlich, dass Assad aus Syrien geflohen ist, aber die Freude ist getrübt“, sagt sie auf Anfrage. Der Grund: „Diesen Rebellen trauen wir auch nicht viel Gutes zu, aber für die Menschen in Syrien hoffen wir, dass es einen neuen Anfang gibt.“
Die Syrerin weiß: Das Land und die Menschen brauchen nun dringend Ruhe und Frieden.
Der Syrienkonflikt – kurz und knapp
Der Syrienkonflikt begann 2011 als Teil des Arabischen Frühlings, als Proteste gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad aufkamen. Diese Proteste wurden gewaltsam unterdrückt. Die Situation eskalierte zu einem Bürgerkrieg. Der Konflikt entwickelte sich zu einem komplexen Krieg mit mehreren Akteuren, darunter die syrische Regierung, verschiedene Rebellengruppen, kurdische Kräfte und terroristische Organisationen wie der Islamische Staat (IS). Internationale Mächte waren ebenfalls involviert: Russland und der Iran unterstützten die Assad-Regierung, während die USA, die Türkei und einige Golfstaaten verschiedene Rebellengruppen unterstützten. Der Krieg in Syrien hat zu einer humanitären Katastrophe geführt, mit Hunderttausenden Toten und Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen. In den vergangenen Tagen überschlugen sich die Ereignisse in Syrien. Die Rebellengruppen unter Federführung der islamistischen Miliz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) eroberten eine Stadt nach der anderen und stürzten schließlich am vergangenen Wochenende überraschend das Regime des Präsidenten.