Frankfurt am Main  „WM wird zu todbringenden Waffe“: Osnabrücker Künstler Trieb protestiert vor DFB-Campus

Bernhard Brockhaus
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Von Bernhard Brockhaus
| 10.12.2024 15:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb und Melleraner Cellist Willem Schulz bei der Mahnwache gegen die WM-Vergabe nach Saudi-Arabien vor dem DFB-Campus in Frankfurt am Main. Foto: Raimer Wolter
Der Osnabrücker Künstler Volker-Johannes Trieb und Melleraner Cellist Willem Schulz bei der Mahnwache gegen die WM-Vergabe nach Saudi-Arabien vor dem DFB-Campus in Frankfurt am Main. Foto: Raimer Wolter
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Am Mittwoch wird die Entscheidung der FIFA zur Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2034 nach Saudi-Arabien erwartet. Der DFB um Präsident Bernd Neuendorf wird der Vergabe des Turniers in die Wüstenmonarchie zustimmen. Dagegen hielt der Künstler Volker-Johannes Trieb eine Mahnwache vor der DFB Zentrale ab – und erhebt schwere Vorwürfe.

In der letzten Woche hat der Deutsche-Fußball-Bund seine Haltung zur Weltmeisterschaft 2034 in Saudi-Arabien verkündet: Beim FIFA-Kongress am Mittwoch gegen die Doppelvergabe der WM 2030 und insbesondere 2034 zu stimmen, sei „reine Symbolpolitik“, erklärte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Die deutsche Unterstützung für das Turnier in der Monarchie auf der arabischen Halbinsel war zuvor in einer außerordentlichen DFB-Präsidiumssitzung beschlossen worden. Dabei habe es „keine einzige Stimme gegeben, dass wir falsch unterwegs sind“, so Neuendorf. „Das wurde vom ganzen Verband unterstützt.“

Kritik für die Unterstützung des DFB gibt es jedoch von anderer Stelle. Unter Federführung des Osnabrücker Künstlers Volker-Johannes Trieb hielt die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Westliches Westfalen im Rahmen der Initiative Fairness United am Dienstag eine Mahnwache vor dem DFB-Campus in Frankfurt am Main ab. Anstoß der Kritik ist für die Initiative die politische Situation im Königreich Saudi-Arabien: Das herrschende Königshaus missachte grundlegende Menschenrechte wie die Meinungs- und Religionsfreiheit, praktiziere neben der Todes- auch die Prügelstrafe und die Opposition im Land werde selbst bei gewaltlosen Protesten scharf verfolgt.

In einer Mischung aus Mahnwache, Protest und Aktionskunst hat Trieb gemeinsam mit der AWO am Dienstagmittag 200 Sandsäcke mit der Aufschrift „Weltgewissen, du bist ein Fleck der Schande“ am Eingang des DFB-Campus ausgelegt – einen für jedes vollstreckte Todesurteil in Saudi-Arabien im Jahr 2023. Dazu zeigten die Demonstranten Transparente mit den Worten „Fussballfest im Folterstaat 2034“ und „No to Saudi-Arabia 2034“. Der Melleraner Cellist Willem Schulz spielte bei der symbolischen Totenmesse zudem ein Requiem. Die Sandsäcke waren bereits 2022 bei einer Aktion des Künstlers gegen die WM in Qatar zum Einsatz gekommen. Damals legte Trieb am Tag des Eröffnungsspiels 6500 Säcke in einem Stadion aus und zündete dazu Grabkerzen an, um toten Baustellenarbeitern in Qatar zu gedenken.

Mit der Aktion wolle Trieb aufrütteln und aufzeigen, dass die Entscheidung des DFB, das Turnier zu unterstützen, keineswegs alternativlos sei, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erläutert: „Was ist das für ein Demokratieverständnis? Zu sagen: Wir können es nicht verhindern, also stimmen wir dafür.“ Die Entscheidung des „selbsternannten Demokraten“ Bernd Neuendorf sei für ihn völlig unverständlich.

Insbesondere im Hinblick auf die Situation, die Trieb für die Arbeiter auf Baustellen in Saudi-Arabien im Zuge des WM-Projektes befürchtet. Im sogenannten Kafala-System würden ausländische Arbeiter ihrer Rechte beraubt und müssten unter unmenschlichen Umständen ihr Leben beim Bau von Stadien und Infrastruktur riskieren. Das werde nun durch die DFB-Entscheidung von deutscher Seite legitimiert.

Das Verhalten von DFB-Präsident Neuendorf empfindet Trieb daher als in seinen „moralischen und juristischen Vorstellungen nicht begreifbar“. Auch persönlich macht Trieb dem DFB-Präsidenten schwere Vorwürfe: „Ich weiß nicht, wie Bernd Neuendorf morgens noch in den Spiegel schauen kann.“ Die WM werde in der Form zu einer „todbringenden Waffe“ für viele der beteiligten Arbeiter.

Eine konkrete Reaktion von Seiten des DFB auf die Mahnwache erwartete Trieb im Vorfeld der Aktion nicht. Einfach nichts zu tun, wenn am Mittwoch die Entscheidung offiziell werde, könne er aber nicht: „Da müssen Bilder und Meinungen in der Welt sein, die das Ganze kritisch begleiten.“

DFB-Präsident Neuendorf reagierte auf die Protestaktion mit einem spontanen Gesprächsangebot an die Demonstranten. Dabei habe er laut Trieb im Dialog seine Perspektive erklärt. Neuendorf wolle in den kommenden Jahren auf das Gastgeberland Saudi-Arabien Einfluss nehmen, um die Situation im Frauenfußball und für ausländische Arbeiter im Wüstenstaat wenigstens bruchstückhaft zu verbessern. Bei einer Gegenstimme seitens des DFB sei ihm diese Chance eventuell verbaut gewesen.

„Dafür kann man ihm im Grunde nur viel Kraft wünschen“, sagt Trieb, der Neuendorf grundsätzlich seine lauteren Motive abnimmt. Ob sein Weg der richtige ist, sei jedoch fraglich. Öffentliche Kritik am Vorgehen des DFB hält der Osnabrücker aber weiterhin für unerlässlich, allein schon um Druck zu erzeugen und dem DFB-Präsidenten „Mut zu machen, den Finger in die Wunde zu legen.“

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