Osnabrück Wo Gewalt gegen Frauen herkommt und was wir dagegen tun können
Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein gesamtgesellschaftliches Problem. Warum sind wir 2024 noch nicht weiter? Chefredakteurin Louisa Riepe ist der Frage auf den Grund gegangen und kommt zu dem Schluss: Gleichberechtigung ist eine Generationenaufgabe.
In meiner letzten Kolumne hatte ich über die anhaltende Gewalt gegen Frauen und die aus meiner Sicht völlig unzureichenden politischen Maßnahmen dagegen geschrieben. Offenbar habe ich damit einen Nerv getroffen, denn danach haben mich zahlreiche Zuschriften erreicht.
Ein Leser stimmte mir zu: „Unsere Gesellschaft leidet an diesen ganz wichtigen Personen, welche unsere Frauen in diese Schublade stecken. Diese Notlösungen helfen uns nicht weiter. In unserer Gesellschaft fehlt das Rundumverständnis der Gleichberechtigung.“
Ein anderer regte an: „Was ich vermisse, ist eine tiefere Auseinandersetzung mit den Ursachen dieser Missstände. Es muss doch Untersuchungen geben, die ergründen, warum es kaum Veränderungen bei diesem Thema gibt bzw. sich die Probleme verschärfen.“
Ein dritter schrieb, es gebe im Grundgesetz ein garantiertes Recht auf gesundheitliche Unversehrtheit. Das Strafgesetzbuch biete genügend Spielraum, um geschlechtsspezifische Gewalt zu ahnden. „Was jedoch fehlt, ist die Anwendung“, beklagte der Leser und sprach sogar von „Rechtsbeugung“.
Die Zuschriften zeigen, wie vielschichtig und facettenreich das Thema ist, und sie haben mich zum Nachdenken gebracht. Wenn Frauen-Taxis, Damen-Saunen und Aktionswochen nicht gegen Gewalt an Frauen helfen, was denn dann?
In der Recherche bin ich auf umfangreiche wissenschaftliche Literatur zu dem Thema gestoßen. Denn tatsächlich werden Ausmaß und Folgen von Gewalt gegen Frauen genauso wie Ursachen, Entstehungszusammenhänge und Möglichkeiten zur Hilfe, Intervention und Prävention seit den 1990er Jahren intensiv erforscht. Beispielhaft gebe ich Ihnen hier einige Zitate aus einem Standardwerk von Ursula Müller und Monika Schröttle wieder:
Die beiden Autorinnen schätzen, dass in Deutschland jede zweite bis dritte Frau in ihrem Erwachsenenleben körperliche Übergriffe, jede dritte bis siebte Frau sexuelle Gewalt und jede vierte Frau körperliche und/oder sexuelle Übergriffe in Paarbeziehungen erlebt hat. Basis dieser Abschätzungen sind repräsentative Befragungen, die das Dunkelfeld deutlich besser erfassen, als die Kriminalstatistiken.
Sie weisen auf politisch-soziale Einflussfaktoren hin, die begünstigend oder vermindernd auf Gewalt einwirken können. Zu nennen sind demnach unter anderem die Normenvermittlung und -akzeptanz, Rechtsetzung und Interventionsmaß, soziale Kontrolle und Integration, die Verteilung von Macht, Ressourcen und Abhängigkeiten im Geschlechterverhältnis, geschlechtsspezifische Rollenleitbilder und Identitäten, struktureller Stress sowie die Systemfunktionalität von Gewalt.
Die Autorinnen erklären, dass insbesondere der Schutz von Kindern vor gewalttätigen Übergriffen, aber auch vor der Beobachtung von Gewalt in der Familie eine zentrale Maßnahme auch für die Vorbeugung von Gewalt gegen Frauen im Erwachsenenleben darstellt. Und sie betonen, dass öffentlichkeitswirksame Aktionen, niedrigschwellige Beratungsangebote und Telefonhotlines, Verfügbarkeit von Hilfe und Schutz in Notsituationen etwa in Frauenhäusern und die veränderte Rechtssituation in Deutschland zu einer Prävention von Gewalt gegen Frauen beitragen können.
Mir hat ihr Text geholfen, besser zu verstehen, warum der gesellschaftliche Wandel in dieser Frage so quälend langsam vorangeht. Zur Erinnerung: In den 1970er Jahren machten Feministinnen erstmals darauf aufmerksam, dass Gewalt gegen Frauen kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist. Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1998 strafbar. Seit dem Jahr 2000 gilt das Gesetz zur Ächtung jeglicher Form von Gewalt als Mittel der Erziehung. Seit 2002 besteht ein zivilrechtlicher Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen. Und nach wie vor gibt es deutlich weniger Frauenhäuser, als es Bedarf an Plätzen gibt.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass wir im Jahr 2024 noch nicht weiter sind. Die Gleichberechtigung ist eine Generationenaufgabe – und es ist wichtig, dass wir uns weiter damit beschäftigen. Auch, wenn es schmerzt.