Hamburg Was wäre passiert, wenn die Meyer Werft pleite gegangen wäre?
Im Sommer 2024 steuerte die Meyer Werft auf die Pleite zu. Aber was hätte eine Insolvenz für Folgen gehabt? Was wäre aus dem Werfstandort Papenburg geworden? Die Bundesregierung hat Gutachter verschiedene Varianten durchspielen lassen. Am Ende stand ein Schreckensszenario.
Die Banken wollten ihr Geld zurück. Eine neunstellige Summe stand im Herbst 2024 zur Rückzahlung an. Geld, das die Meyer Werft nicht hatte. Und Geld, das sie kaum noch an anderer Stelle hätte auftreiben können. Private Investoren waren nicht in Sicht. Das Unternehmen steuerte auf eine riesige Finanzierungslücke und damit die Pleite zu.
Was wäre die Folge gewesen, hätte die Geschäftsführung Insolvenz angemeldet, hätten Bund und Land dem Unternehmen nicht geholfen? Das haben Wirtschaftsprüfer von „EY Parthenon“ im Auftrag der Bundesregierung durchgespielt. Unserer Redaktion liegen entsprechende Unterlagen vor. Sie zeigen: Einem möglichen Insolvenzverwalter wäre wahrscheinlich die Aufgabe zugekommen, das Unternehmen zu zerschlagen, Teile zu verkaufen und andere stillzulegen.
Vor allem für Meyers Heimathafen in Papenburg wäre es schwer geworden. Es sei „unwahrscheinlich, einen Käufer für die Meyer Werft in Papenburg zu finden, der dort weiter Kreuzfahrtschiffe baut“, befinden die Gutachter. Nach ihrer Einschätzung hätten womöglich weder Werft-Konkurrenten in Europa noch Reedereien noch Finanzinvestoren ein Interesse daran, die Meyer Werft zu übernehmen; zu gering seien die Gewinnmargen bei Kreuzfahrtschiffen, zu hoch die kartellrechtlichen Hürden der EU.
Die einzige mögliche Option aus Sicht der Gutachter: eine Übernahme durch ein Staatsunternehmen aus China. Der Schiffbau in dem Land befindet sich auf einem politisch verordneten Wachstumskurs. Im Kreuzfahrt-Segment ist China allerdings noch unterrepräsentiert. Mit einer Meyer-Übernahme hätten sich die Chinesen auf einen Schlag Knowhow und riesige Schiffsbaukapazitäten gesichert. Allerdings: Ein entsprechender Einstieg hätte unter dem Vorbehalt der Bundesregierung gestanden. Und die Vorbehalte gegenüber China sind groß.
Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik, brachte sie im Gespräch mit unserer Redaktion im Sommer so auf den Punkt: „Schon jetzt ist die chinesische Dominanz in dem Sektor riesig. Europa begibt sich mehr und mehr in eine totale maritime Abhängigkeit.“ Dies sei angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen hochriskant, warnte der Verbandsvertreter. Möglicherweise hätte sich die Bundesregierung dieser Einschätzung angeschlossen.
Die Option China wäre damit für den Insolvenzverwalter vom Tisch gewesen. Ohnehin: Hätten US-amerikanische Reedereien wie Disney ihre Schiffe wirklich von einem chinesischen Unternehmen fertigbauen lassen wollen? Eine Frage, die nach dem Wahlsieg des China-kritischen Donald Trump noch deutlicher mit Nein zu beantworten ist.
Was dann? Hätte der Insolvenzverwalter mangels Interessenten sowohl die Meyer- als auch die Neptun Werft komplett abwickeln müssen, wären gut 6000 Jobs bei den Werften, aber auch bei Zulieferbetrieben vom Arbeitsplatzverlust bedroht gewesen – vor allem in den Regionen Emsland, Leer, Rostock, aber auch in Nordrhein-Westfalen, wo viele Meyer-Zulieferer sitzen. Die Arbeitsplätze wären damit sowohl für den Schiffbau als auch für die Regionen verloren mangels alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten. Entsprechend hätten die betroffenen Kommunen auch mit deutlich geringeren Steuereinnahmen zu kämpfen.
Allerdings: Dass sowohl die Neptun Werft als auch die Meyer Werft im Falle einer Insolvenz von der Bildfläche verschwinden, halten die Gutachter für unwahrscheinlich. Als überwiegend wahrscheinlich sehen sie eher eine Teilabwicklung der Werften-Gruppe. Für den Standort in Rostock, die Neptun Werft, hätte sich ein Abnehmer gefunden. An dem Standort in Mecklenburg-Vorpommern werden neben Flusskreuzfahrtschiffen künftig auch Konverterplattformen gebaut. Ein Geschäft mit Zukunft, immerhin sollen die Plattformen sicherstellen, dass Offshore-Strom seinen Weg aufs Festland findet.
Für den Standort Papenburg verweisen die Gutachter allerdings auf das Schicksal der „MV Werften“: Nach deren Pleite hatte ein Insolvenzverwalter für die einzelnen Standorte Nachnutzungsmöglichkeiten gesucht und gefunden. Pikant: In Wismar ist sogar die Meyer Werft involviert: Sie baut hier als Auftragnehmer das früher als „Global One“ bekannte Kreuzfahrtschiff für Disney fertig.
Das Schicksal der „MV Werften“ übersetzt auf die Meyer Werft hieße das: Die im Bau befindlichen Schiffe in Papenburg würden mutmaßlich noch fertiggestellt, die Werft danach komplett abgewickelt mangels Interessenten. Spätestens seit dem grünen Licht der EU-Kommission zum Staatseinstieg ist dieses Schreckensszenario aber wieder in weite Ferne gerückt. In Papenburg können weiter Kreuzfahrtschiffe gebaut werden.
In Wismar bleibt es allerdings bei einem kurzen Intermezzo für die Meyer Werft. Wenn die Disney Adventure, wie die „Global One“ nun heißt, schwimmt, ziehen die Papenburger aus und Thyssenkrupp Marine Systems ein – vor der Meyer Gruppe der zuletzt größte Arbeitgeber in der Schiffbauindustrie, allerdings vor allem im militärischen Segment unterwegs. Das Unternehmen hatte das Werftgelände im Zuge des Insolvenzverfahrens der MV Werften gekauft und zwischenvermietet.