Prozess hat begonnen Ostrhauderfehner soll 14-Jährigen vergewaltigt haben
Ein 53-jähriger Mann steht vor Gericht in Aurich. Ihm wird vorgeworfen, einen 14-Jährigen mehrfach missbraucht zu haben. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen.
Ostrhauderfehn/Aurich - Wegen sexueller Handlungen und einer Vergewaltigung in insgesamt sechs Fällen an einem 14-Jährigen aus Rhauderfehn muss sich seit Mittwoch, 4. Dezember 2024, ein 53-Jähriger aus Ostrhauderfehn vor der Großen Jugendkammer im Landgericht Aurich verantworten.
Laut Anklage soll der Mann, der seit dem 6. Juni 2024 in Untersuchungshaft sitzt, zwischen März und Mai dieses Jahres den Jugendlichen einmal vergewaltigt und sowie weitere fünf „sexuelle Manipulationen“ an ihm vorgenommen oder ihn dazu an sich aufgefordert haben. Der Jugendliche habe dabei mehrmals „Nein“ gesagt. Außerdem soll der Angeklagte sich den 14-Jährigen zeitweise mit Whisky-Cola und Cannabis gefügig gemacht haben. Der Angeklagte soll ihm zur Belohnung Angelzubehör gegeben haben. Gleichzeitig habe er ihn aber auch damit erpresst, ihm kein Angelzubehör zu geben, wenn er seine sexuellen Wünsche nicht erfülle.
Ein Scherz?
Der Angeklagte sagte dazu, dass er den Jugendlichen am 2. Januar 2024 am Hahnentanger See beim Angeln kennengelernt habe. Er bestritt, dass es zu sexuellen Handlungen gekommen sei. Vielmehr habe der Jugendliche ihn nicht in Ruhe gelassen und quasi mit Nachrichten, aber auch mit Pornos regelrecht „bombardiert“. Einmal habe er ein Video bekommen, in dem der Jugendliche in der Badewanne „rumgetanzt“ sei. „Ich habe das für einen Scherz gehalten“, so der Angeklagte.
Er habe dem Jungen aber auch eine spezielle Art von Angeln beibringen wollen. In seiner Einlassung hörte sich sein Verhältnis zu dem Jungen so an, als ob er diesem, unter anderem beim Nachtangeln, zugehört und viele Ratschläge gegeben habe. Als es ihm zu viel geworden sei, habe er, um den Jungen loszuwerden, ihn schockieren wollen. „Ich wusste nicht mehr, wie ich aus der Nummer rauskommen sollte.“ Deshalb habe er ihm ein Foto von seinem Gesäß und seinem Penis geschickt. Das sei ein Fehler gewesen. Deshalb habe er das Bild in seinem Handy zwar sofort gelöscht, der Schaden sei aber schon angerichtet gewesen. Er gab zu, dass er dem Jugendlichen auch einmal seine Wohnung zeigte. Dort habe auch Cannabis und Gleitcreme gelegen, gab er auf Nachfrage zu.
Eindringlich von der Munition gewarnt
Beim Nachtangeln sei später auch ein 26-Jähriger dabei gewesen. Der Angeklagte sagte, er habe ihn als „nett und hilfsbereit“ gekannt. Die beiden jungen Männer sollen regelmäßig in einem Wäldchen am See alte Kriegsmunition gesucht und gefunden haben. Der 26-Jährige stehe auf alles, was explodiere. Beide habe er eindringlich vor der Munition gewarnt.
Die Begegnung ist im Prozess insofern von Bedeutung, weil der Bruder des 26-Jährigen den Angeklagten Ende Mai am Hahnentanger See stellte. Ein 71-jähriger Zeuge sagte später aus, der 26-Jährige, den er als ehemaliger Pädagoge schon länger betreue, sei zwar äußerlich ein junger Mann, geistig aber ein Kind im Alter von ungefähr elf Jahren.
Zeugen „stellten“ den Angeklagten
Weil der 71-Jährige und seine Frau von der Vorliebe des 26-Jährigen wussten, hätten sie ihn auch gleich in Verdacht gehabt, als seine Frau eines nachts einen Knall hörte. Auf Nachfrage sei herausgekommen, dass sich der junge Mann nachts öfter zum Angeln aus dem Haus geschlichen habe. Und auf seinem Handy fanden der 71-Jährige und der 41-jährige Bruder des 26-Jährigen Sprachnachrichten mit sexuellen Inhalten. Gleichzeitig sei eine Aufforderung eingetroffen, sich zum Hahnentanger See zu kommen.
Dort fanden der 41- und der 71-Jährige den Angeklagten in einem Zelt zusammen mit dem 14-Jährigen. Der Bruder will dabei gesehen haben, dass der Angeklagte in einer „eindeutigen Pose“ zu dem Jugendlichen, der auf einer Liege lag, gesessen habe. Der 71-Jährige sagte vor Gericht dazu aus, der Angeklagte habe auf der Liege wie bei einem „kranken Kind“ gesessen.
Zeuge knöpfte sich 53-Jährigen vor
Offensichtlich ging es zwischen dem Bruder und dem Angeklagten zeitweise hoch her. Der 41-jährige Zeuge gab am Mittwoch zu, sich den Angeklagten am See „vorgeknöpft“ zu haben. Es habe schon in seiner Jugend Gerüchte gegeben, dass dieser pädophil sei, so der 41-Jährige vor Gericht. Worte wie „Drecksau“, „Vergewaltigungsmaschine“ flogen dem Angeklagten wohl auch um die Ohren. „Ich habe ihm deutlich gesagt, dass er unterste Schublade ist“, sagte der Zeuge aus, ohne sich aber im Detail zu erinnern. Der 41-Jährige habe auch Morddrohungen ausgestoßen, behauptete der Angeklagte am Mittwoch in seiner Einlassung. Die Situation sei immer aggressiver und bedrohlicher geworden.
„Die Wende“ sei gewesen, so der 71-jährige Zeuge, als der Angeklagte ihnen gegenüber gesagt habe, er laufe „damit“ schon seit Jahrzehnten herum. Er sei froh, sich öffnen zu können. Auf die Frage des 41-Jährigen, ob er selbst Opfer von sexuellem Missbrauch gewesen sei – „Wer war‘s? Dein Vater, dein Onkel, dein Bruder?“ – habe dieser zugegeben, von seinen älteren Bruder missbraucht worden zu sein, sagten beide Zeugen aus. Das sei ihm in den Mund gelegt worden und er habe mit Sarkasmus reagiert, sagte der Angeklagte zu der Szene.
Prozess wird am 11. Dezember fortgesetzt
Wenige Tage später habe der Vater des 14-Jährigen ihn gebeten, mit dem Jungen zu reden, sagte der 41-Jährige weiter aus. Dieser habe über „die Sache“ geredet, sie aber, weil sie ihm offensichtlich peinlich war, heruntergespielt, relativiert und nur umschrieben. An den genauen Wortlaut des Jungen im Gespräch konnte und wollte sich der Ostrhauderfehner erinnern. „Das ist für mich nicht relevant“, äußerte er zum Ärger des Vorsitzenden Richters Bastian Witte. Er sei danach aber zur Polizei gegangen, um eine Aussage zu machen.
In den Akten des Gerichts steht aber lediglich, der Zeuge „äußert den Verdacht der sexuellen Handlung“, las Richter Witte vor. Er müsse noch ein mehrseitiges Protokoll bei der Polizei geben, behauptete der Zeuge. Danach soll nun gesucht werden. Der Prozess wird am kommenden Mittwoch, 11. Dezember 2024, um 9 Uhr fortgesetzt.