Hamburg  Warum schreiben Waldorfschüler ein schlechteres Abitur?

Ankea Janßen, Marie Busse
|
Von Ankea Janßen, Marie Busse
| 05.12.2024 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
An Waldorfschulen in Schleswig-Holstein legten Schüler ein unterdurchschnittliches Abitur ab. Foto: IMAGO / Andre Lenthe
An Waldorfschulen in Schleswig-Holstein legten Schüler ein unterdurchschnittliches Abitur ab. Foto: IMAGO / Andre Lenthe
Artikel teilen:

An Schleswig-Holsteins Schulen wird das bundesweit schlechteste Abitur geschrieben. Schaut man in die Statistik, fällt auf: An Waldorfschulen sind die Ergebnisse besonders schwach. Woran liegt das?

Schleswig-Holstein verzeichnet bundesweit den schlechtesten Abiturdurchschnitt – und die Waldorfschulen im Land liegen sogar noch darunter. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Martin Habersaat hervor. Demnach erreichten die Schüler der elf Waldorfschulen im Schnitt einen Abiturschnitt von 2,70. Der landesweite Durchschnitt liegt bei 2,48.

Besonders auffällig: Vier der 13 Schulen mit den schlechtesten Ergebnissen im Land sind Waldorfschulen. Lediglich die Waldorfschule in Lübeck liegt mit einem Durchschnitt von 2,35 über dem Landesschnitt, alle anderen schneiden schlechter ab. Insgesamt wurde an 194 Schulen das Abitur abgelegt.

Woran liegt das schlechte Ergebnis der Privatschulen? Der Bund der freien Waldorfschulen nennt auf Anfrage die Prüfungsorganisation als Hauptgrund. In Schleswig-Holstein kann – wie in vielen anderen Bundesländern – das Abitur nicht direkt an Waldorfschulen abgelegt werden. Nach zwölf Jahren schließen die Schüler mit einem Waldorfabschluss ab, der jedoch nicht staatlich anerkannt ist. Erst danach bereiten sie sich in einem zusätzlichen Jahr auf die Abiturprüfungen vor, die von externen Lehrkräften abgenommen werden.

Dieser Sonderweg unterscheidet sich grundlegend von der regulären Oberstufe: Waldorfschüler sammeln nämlich keine Leistungspunkte über zwei Jahre, sondern müssen ihre Leistungen in schriftlichen und mündlichen Prüfungen abrufen.

Der Waldorfverband sieht in darin einen Nachteil: „Waldorf-Abiturient:innen sind benachteiligt, weil sie erstens keine Noten vorab erbringen können und zudem ihre Leistung punktgenau am Prüfungstag abrufen müssen. Das erhöht den Stress bedeutend.“

Das ist nach Ansicht des Verbandes nur einer von mehreren Gründen, die das schlechte Abschneiden erklären: Die Waldorfschüler müssen vier statt drei schriftliche Prüfungen ablegen. Das erschwert aus Sicht des Verbandes die Ausgangsposition. Auch hätten die Waldorfschüler im Gegensatz zu Abiturienten an öffentlichen Schulen oft eine geringere Fächerauswahl, weil es weniger Schüler gebe. Dadurch könnten ungeliebte Fächer nicht abgewählt werden.

Auch der sogenannte Fehlerquotient belastet die Waldorf-Abiturienten besonders stark, erklärt der Verband. Der Quotient dient dazu, die Rechtschreibung zu bewerten, und jeder Fehler geht in die Bewertung mit ein. Da Waldorfschüler keine kontinuierliche Bewertung vorweisen können, wirken sich Rechtschreibfehler bei ihnen besonders stark aus, bemängelt der Verband. Ab dem Schuljahr 2024/25 ist diese Regelung Geschichte: Der Fehlerquotient wurde abgeschafft.

Bildungsforcher Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel sieht nicht nur strukturelle Unterschiede als Ursache: „Wir haben hier ein Problem der Eingangsselektivität – die Schülerschaft tritt mit mäßigen Leistungen in die Oberstufe über und das schlägt sich natürlich in den Ergebnissen der zentralen Abschlussprüfungen nieder.“ Das führe dazu, dass Waldorfschüler nicht die Leistungsspitze eines Abiturjahrgangs bildeten. Eine genaue Analyse sei jedoch schwierig. „Waldorfschulen lassen sich nicht in die Karten gucken und halten die Türen meist geschlossen. Dort gibt es kaum Schulleistungsuntersuchungen“, sagt er gegenüber unserer Redaktion.

Handlungsbedarf sieht man beim Waldorfverband angesichts der schlechten Abinoten aktuell nicht. Aus den Noten eines Jahrs lasse sich kein Trend ableiten. Auch in der Landesarbeitsgemeinschaft macht man sich noch keine allzu großen Sorgen. Man werde die Zahlen auswerten und dann gemeinsam mit den Schulen mögliche Maßnahmen diskutieren.

Ähnliche Artikel