Warnstreik in Emden Flüche, Vorwürfe und ganz viel Wut bei VW
Sie haben gezeigt, was geht. Nun laufen die Vorbereitungen für weitere Proteste bei VW in Emden.
Emden - Spätestens an diesem Montagmorgen hat sich die Stimmung unter den Beschäftigten von VW in Emden gedreht. Sie fürchten nicht mehr nur Gehaltseinbußen, sie sorgen sich nicht mehr nur um ihren Arbeitsplatz. Das Gefühl, das hier vorherrscht, lässt sich mit einem einfachen Wort zusammenfassen: Wut.
Diese Wut hat einen Adressaten. „So, wie das Unternehmen gerade mit uns umgeht, das hat niemand verdient“, ruft Imke Diekena mit sich überschlagender Stimme ins Mikrofon. Und dann fügt die Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung von VW Emden noch lauter hinzu: „Ich bin stinksauer.“ Tausende VW-Werker klatschen bei der Rede zu diesem ersten Warnstreik vor dem Werkstor frenetisch Beifall, Trillerpfeifen und Streiksirenen ertönen. Die Stimmung ist so, wie sie die IG Metall haben will: streikbereit, zu allem entschlossen und eben wütend.
Genau geplantes Ablaufszenario
Dabei folgt der Warnstreik in dieser laufenden Tarifrunde bei VW einem vorher genau festgelegten Drehbuch. Von 10 bis 12 Uhr hat die Frühschicht die Arbeit niedergelegt. Von 19 bis 21 Uhr sollte laut der Emder IG-Metall-Geschäftsführerin Franka Helmerichs die Spätschicht folgen, von 4 bis 6 Uhr dann die Nachtschicht.
Und das alles wird bundesweit an allen Standorten koordiniert. Es soll demonstrieren: Lieber Vorstand, wir, die IG Metall, sind gut organisiert. Laut Helmerichs sollte es noch am Montagabend um 20 Uhr eine weitere Runde mit Absprachen geben. Es geht wohl darum, wie man den Rest der Woche bis zur nächsten offiziellen Verhandlungsrunde am 9. Dezember gestaltet. Fest steht, dass es überall Betriebsversammlungen gibt. Am Mittwoch startet Wolfsburg mit Gastredner Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Am Freitag ist in Emden Betriebsversammlung. Zwischendurch gibt es Vertrauensleute-Treffen und Infoveranstaltungen – und immer wieder auch Verhandlungen sogenannter technischer Kommissionen der Gewerkschaft mit Vertretern des VW-Konzerns.
„Die managen einen Scheiß“
Wie Tarifverhandlungen auf oberster Ebene ablaufen, davon gibt an diesem Montagmorgen der Emder Betriebsratsvorsitzende Manfred Wulff einen Eindruck. Nachdem IG Metall und Betriebsräte den VW-Chefs vor anderthalb Wochen einen Kompromissvorschlag mit dem Verzicht auf Gehaltserhöhungen und weniger Boni vorgelegt haben, soll VW-Verhandlungsführer Arne Meiswinkel gesagt haben, er habe keine Verhandlungsmandat, auf die Arbeitnehmervertreter zuzugehen. „Da sind wir aufgestanden und rausgegangen“, sagt Wulff. Und an die Adresse Meiswinkels: „Sieh zu, dass du dir ein Verhandlungsmandat organisierst.“ Die Beschäftigten seien sogar noch zu weiteren Einschnitten bereit, betonte der Emder Betriebsrat. Aber vom Management komme nichts zurück. „Die managen einen Scheiß, die managen unseren Untergang“, ruft er beim Warnstreik der Menge zu.
Die Zeichen des Warnstreiks, sie sehen nicht nach raschen Kompromissen aus. Die Wut entzündet sich am Montag auch immer wieder an VW-Markenchef Thomas Schäfer. Der hatte am Freitag, nach eingängiger Prüfung, den Kompromissvorschlag der Arbeitnehmerseite abgelehnt – und damit den Warnstreiks aus Sicht der Beschäftigten Tür und Tor geöffnet.
Zurück zu alten Forderungen
Nun also verbale Aufrüstung. Und es werden wieder ein pauschales Gehaltsplus von sieben Prozent und 170 Euro extra für die Auszubildenden gefordert. Zur Erinnerung: Der VW-Vorstand will zehn Prozent weniger zahlen und droht mit Werksschließungen und betriebsbedingten Kündigungen.
Das ruft nun auch die Politik auf den Plan. „Wenn ein Unternehmen sich in einer Tarifauseinandersetzung nicht konstruktiv zeigt, haben die Arbeitnehmer das Recht, für ihre Belange zu streiken“, lässt der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (Pewsum) mitteilen. „Dieser Streik hat meine volle Unterstützung.“
Politik signalisiert große Solidarität
Und der parteilose Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff, der nicht gerade im Verdacht steht, ein SPD-Anhänger zu sein, spricht sogar persönlich zu den Streikenden. „Ich stehe hier nicht nur als Oberbürgermeister. Ich stehe hier für Ostfriesland, den Mittelstand, den Einzelhandel, die Vereine“, ruft Kruithoff. „Wir werden Seite an Seite mit euch kämpfen.“ Dem VW-Vorstand warf er vor, die Menschen in Unsicherheit zurückgelassen zu haben. Auch für die Politik findet er kritische Worte. „Dummes Gefasel über Technologieoffenheit“ helfe nicht weiter. Gemeint sind wohl CDU und FDP, die sich kritisch zur Konzentration auf die E-Mobilität äußern.
Für VW Emden besteht bei solchen Diskussionen immer das Problem, dass hier fast ausschließlich der ID.7 und der ID.4, also reine Stromer, gebaut werden. Und die werden momentan nicht so häufig gekauft. Management und Beschäftigte sitzen also irgendwie in einem Boot. Doch davon will an solch einem Tag kaum jemand etwas hören.
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