Versammlung der Ostfriesischen Landschaft Zwischen App und historischen Tagebüchern
Das regionale Kulturparlament schlägt mit seinem Angebot eine Brücke zwischen Tradition und Moderne. Nachbesserungsbedarf gibt es bei der Gleichberechtigung.
Aurich - Schwere dunkelblaue Tischdecken, echter Kerzenschein, Tee auf Stövchen und Spritzgebäck. Im Ständesaal der Ostfriesischen Landschaft hatte Hilde Meenken am Sonnabend unter den wachsamen Blicken der ostfriesischen Ahnen, die in schweren Bilderrahmen an den Wänden hängen, eine Atmosphäre aus Tradition und Brauchtum geschaffen. Zum letzten Mal, denn Meenken wird die Ostfriesische Landschaft Ende Dezember Richtung Ruhestand verlassen. Landschaftspräsident Rico Mecklenburg würdigte Meenkens Einsatz mit einem Blumenstrauß und den Worten „Sie sind eine Institution“.
Tradition ist den Mitgliedern der Ostfriesischen Landschaft wichtig, aber sie werfen ebenso den Blick nach vorne. Das zeigten die Themen, die auf der Tagesordnung der Landschaftsversammlung standen.
Gleich mit mehreren Projekten machen sich die Wissenschaftler der Landschaft in den kommenden Monaten und Jahren auf Spurensuche in der Vergangenheit der Region. So startete am 1. September in enger Zusammenarbeit mit der Universität Oldenburg und gefördert von der Samson- und der Dornkaat-Stiftung das Projekt „NS-Täter in Ostfriesland“. Dabei gehe es um die systematische Erforschung der ostfriesischen NSDAP-Funktionäre auf Kreis- und Ortsgruppenebene, erläuterte die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses Antje Harms in ihrem Bericht.
Lesestoff für Fans des Historischen
Ein weiteres Projekt, das ganz fassbare oder besser lesbare Formen annimmt, sind die Tagebücher des ostfriesischen Theologen und Astronomen David Fabricius. Nach fast zehn Jahren der Aufbereitung der Dokumente sei nun der Druckauftrag erteilt, so Harms. Erscheinen soll die aufwendig gestaltete „Prachtausgabe“, die sowohl Forschenden als auch Laien neue Einblicke in die astronomischen Beobachtungen des 16. Jahrhunderts geben soll, im Herbst 2025.
Ums gedruckte Wort dreht sich auch das Projekt „Buchpaten“ der Landschaftsbibliothek. Interessierte können durch Spenden gefährdete Bücher vor dem Verfall retten. „Die Resonanz aus der Bevölkerung ist überwältigend“, so Antje Harms. Mit fast 7000 Euro Spendengeldern hätten bereits drei wertvolle Werke restauriert werden können.
Vielleicht findet sich eines der geretteten Werke auch mal in der Reihe „Buch des Monats“, die künftig verstärkt auf Jubiläen und historische Ereignisse hinweisen will – und zwar auf verschiedenen Medienkanälen. „So erreichen wir ein breites Publikum“, so die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses.
Instagram, Facebook, Youtube, Newsletter, Online-Umfragen – soziale Medien und moderne Kommunikationsformen sind für das ostfriesische Kulturparlament keine Fremdwörter, sondern werden offensiv genutzt. Ein Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne. Das zeigt sich vor allem am Erfolg der aktuellen Online-Formate, die die Landschaft geschaffen hat.
Erfolgreich mit App und Online-Portal
Landschaftspräsident Rico Mecklenburg verwies in seinem Bericht etwa auf die dritte Version B1 der Sprachlern-App Plattino, die mit 90.000 Downloads sehr erfolgreich sei. Ebenso hob Mecklenburg die Internetseite „Frisia Judaica“ hervor. Die im Oktober gestartete Online-Plattform unter dem Dach der Regionalen Kulturagentur widmet sich den ehemaligen jüdischen Gemeinden in Ostfriesland und beleuchtet das reiche kulturelle Erbe sowie die bewegte Geschichte dieser Gemeinden.
Ganz besonders liegt der Landschaft auch das neue Kulturportal Kultino am Herzen. „Dieses Portal wird für die Kulturschaffenden und auch die Kulturinteressierten in Ostfriesland einen echten Unterschied machen“, ist Mecklenburg sicher. Nie sei es einfacher gewesen, Veranstaltungen in der Region zu suchen und zu finden, zielgerichtet informiert zu bleiben oder sich selbst als Künstler oder Kultureinrichtung zu präsentieren. Auch Frauke Maschmeyer-Pühl, Vorsitzende des Kulturausschusses, war voll des Lobes für Kultino. „Das Kulturportal macht einerseits Kulturschaffende in Ostfriesland sichtbarer und vernetzt sie miteinander, andererseits verbessert Kultino die Zugänglichkeit von Kulturangeboten und inspiriert dadurch zu Kulturbesuchen“, sagt sie. Nun gehe es darum, die Plattform bei den Menschen in Ostfriesland bekannter zu machen.
Ausdrücklich hat die Landschaft dabei auch die jungen Ostfriesen im Auge. So haben die Gezeitenkonzerte, die unter Leitung von Matthias Kirschnereit vom 16. Mai bis 12. Juli in ganz Ostfriesland stattfinden, erneut die Musikvermittlung als zentrale Aktivität ausgemacht. „Dieses Mal soll der Fokus erneut auf jüngeren Kindern liegen“, so Maschmeyer-Pühl. Unter anderem werde das Projekt „SingBach“ fortgesetzt, das in diesem Jahr für eine ausverkaufte Auricher Lambertikirche gesorgt hätte.
Auch das Konzert-Ticket für junge Leute zum Preis von 5,50 Euro soll fortgeführt und stärker beworben werden. Auf diese Weise will das Landschaftsforum, das sich für die Gezeitenkonzerte verantwortlich zeichnet, den Anteil junger Konzertbesucher erhöhen.
Der Nachwuchs in der Region und auch die aktuellen Entwicklungen in den neuen Medien stehen ebenfalls im Fokus des Regionalpädagogischen Zentrums (RPZ) der Ostfriesischen Landschaft. „Gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich natürlich auch auf Schule und Fortbildung aus. Entsprechend sind die Digitalisierung und besonders die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf Unterricht auch im Kompetenzzentrum sehr nachgefragt“, so Koenen. Das Kompetenzzentrum des RPZ organisiert Fortbildungen für rund 2000 Lehrkräfte der Region. Den Bildungsbereich hat derzeit auch das Plaatdüütskbüro im Blick. So arbeitet es gemeinsam mit anderen Interessenvertretern daran, die plattdeutsche Sprache an Schulen und Kitas zu fördern.
Tradition – auch beim Frauenanteil
Zum Abschluss der Landschaftsversammlung wurde es mit der Bestätigung des langjährigen Landschaftsrates Hilko Gerdes (Südbrookmerland) aber noch einmal ganz traditionell. Mit seiner erneuten Wahl bleibt das Landschaftskollegium nämlich männlich besetzt. Landschaftsmitglied Gunnar Ott (Aurich) appellierte an die Mitglieder im Saal: „Bitte baut eine Frau in Euren Reihen auf, die die Nachfolge antreten kann, wenn ein Landschaftsrat das Gremium verlässt. Die Bevölkerung besteht nicht aus 8/8 Männern.“
Stabilität bei der Ostfriesischen Landschaft
Nach Abschluss des Großprojektes „Sammlungszentrum“ im vergangenen Jahr machen Baumaßnahmen weiterhin einen Gutteil des Haushaltes der Ostfriesischen Landschaft aus. Das stellte Landschaftspräsident Rico Mecklenburg bei der Landschaftsversammlung am Sonnabend fest. „Besonders herausfordernd sind dabei die notwendigen Modernisierungsmaßnahmen, um den steigenden Anforderungen des Brandschutzes genüge zu tun“, sagte Mecklenburg. Hinzu kämen weitere Erhaltungs- und Reparaturarbeiten sowie die Errichtung einer Solaranlage auf dem Dach des Sammlungszentrums. „Die so in Schuss gehaltenen Gebäude sind ein Aushängeschild für Ostfriesland“, betonte der Landschaftspräsident und verwies auf zahlreiche Anlässe, die sich in diesem Jahr bereits geboten hätten, um sie zu präsentieren. Landschaftsdirektor Dr. Matthias Stenger fasste die Maßnahmen und Budgets anschließend in Zahlen. So werde der ursprünglich für das Jahr 2024 angesetzte Etat von 5,2 Millionen Euro im Laufe des Jahres durch zusätzlich eingeworbene Fördermittel auf voraussichtlich 5,8 Millionen Euro klettern. Die Zuwendungen der Trägerkommunen und des Landes Niedersachsen sind demnach um 2,8 Prozent gestiegen. Der Ergebnisplan für 2024 sei ausgeglichen und so sehe es auch für 2025 aus. Gute Nachrichten für die Ostfriesische Landschaft, die am Sonnabend zeigte, wie Tradition auf Moderne trifft.