Hamburg  Räum- und Streupflicht: Ist die Sicherheit von Autofahrern wichtiger als die von Schulkindern?

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 01.12.2024 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Spätestens um 6.50 Uhr muss das Schippen beginnen, sonst drohen in vielen Gemeinden Strafen. Foto: Imago images/onemorepicture
Spätestens um 6.50 Uhr muss das Schippen beginnen, sonst drohen in vielen Gemeinden Strafen. Foto: Imago images/onemorepicture
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Schon der kurze Weg zum Bäcker oder der Schulweg können im Winter zur Schlitterpartie werden. Denn Gemeinden übertragen die Pflicht zum Räumen von Gehwegen gerne auf die Anwohner. Das ist eine fahrlässige Gefährdung zulasten von Kindern und Hochbetagten.

Fußgänger zu sein, ist nichts für schwache Gemüter. Es mag am Mangel an Technik, Knautschzone und Geschwindigkeit liegen, dass alle, die mindestens zwei Räder unter sich haben, Passanten an das untere Ende der Verkehrs-Nahrungskette verbannen. Dort gilt nicht „Fressen und gefressen werden“, sondern „Rette sich, wer kann!“. 

Selbst in seinem natürlichen Habitat, auf dem Fußgängerweg, kann sich der durchschnittliche Flanierer nur bedingt sicher fühlen. Raudi-Radler verhalten sich auf dem Gehweg gegenüber den Fußgängern so, wie sie es Autos gerne vorwerfen: ohne Rücksicht auf Verluste oder Abstandsregeln. Für spektakuläre Hechtsprünge – ob vor Bikern oder aus Ausfahrten schießenden Fahrzeugen – bleibt kaum Platz, wenn Autos, Kleintransporter und Lastenräder den Gehweg als Parkbucht interpretieren. 

Gleichwohl lauern die wahren Gefahren für Fußgänger jenseits der Bordsteinkante: 437 Fußgänger starben 2023 im Straßenverkehr, 28.470 wurden verletzt. Ja, auch Fußgänger können Unfallverursacher sein: 2023 war dies jedoch gerade mal bei 2,8 Prozent aller Unfälle der Fall (8112 von insgesamt 291 890 Unfällen). Aggressoren im Straßenverkehr sind Kindergartenkinder, Eltern mit Buggy, Menschen mit Rollator oder Jogger definitiv nicht.

Wagemutiger als Fußgänger zu sein ist es nur, Fußgänger im Winter zu sein. Zunächst, weil die Dunkelheit marschierende Mantelträger schneller frisst, als man “Achtung” schreien kann. Des Weiteren, weil unfreiwillige Duschen aus dreckigen Spritzwasserpfützen einen Tag selten besser gemacht haben. Vor allem jedoch, weil Schnee und Eis den Gehweg schnell in eine Schlittschuhbahn verwandeln – nur ohne Schlittschuhe, Festhaltepinguin und Spaß. Obwohl der Winterdienst auf öffentlichen Straßen und Wegen eigentlich Aufgabe der Städte und Gemeinden ist, können diese per Satzung die Verpflichtung auf die Anlieger übertragen. Diese tragen nun die Verantwortung, den Bürgersteig zu räumen und zu streuen. Ob sie das tun, ist eine andere Sache.

Denn die Satzungen fordern von Anwohnern viel: häufig schon ab sieben Uhr morgens und bei starkem Schneefall bitte mehrmals am Tag einen mindestens 1,20 Meter breiten Weg räumen und streuen. Welcher Berufstätige soll das leisten können? In der Mittagspause nach Hause rasen zum Schneeschippen – wer macht sowas? Oder wurden Sie von verreisten Freunden schon einmal gebeten, sich nicht nur um Pflanzen und Post zu kümmern, sondern auch die Verkehrssicherheit des Gehwegs zu gewährleisten? Selbst hochbetagte Hausbesitzer sollen in der Dunkelheit um 6.50 Uhr schippen, wollen sie nicht Gefahr laufen, eine in manchen Gemeinden dreistellige Geldbuße zahlen zu müssen.

Nein, selbst mit den lautersten Absichten, die ich doch den allermeisten unterstellen möchte, sind Bürgersteige im Winter bestenfalls rutschig von Laubresten, schlimmstenfalls halsbrecherisch gefährlich – und das nur, weil die Städte und Gemeinden die Fürsorge lieber outsourcen: Verkehrssicherheit der Autofahrer ist ihnen offensichtlich wichtiger als die der Schulkinder. Es tut mir leid, aber Fußgänger sind keine Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse und verdienen ordentlich geräumte Gehwege!

Ich hoffe jedenfalls, dass das Modell, den Bürgern zur Entlastung der Gemeindekasse öffentliche Aufgaben aufzubürden, nicht Schule macht. Oder soll ich bald, wenn ich eh zu Fuß unterwegs bin, Parksünder melden oder Zebrastreifen nachmalen? Vielleicht sollte ich das besser nicht zu laut vorschlagen – nicht, dass jemand auf Ideen kommt.

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