Boomer-Rente trifft Ostfriesland  Wenn das Know-how in Rente geht

| | 30.11.2024 14:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auf der Zielgerade zum Ruhestand: Die Generation „Baby-Boom“ geht in den kommenden Jahren in Rente und hinterlässt eine Personallücke in vielen Unternehmen. Foto: dpa
Auf der Zielgerade zum Ruhestand: Die Generation „Baby-Boom“ geht in den kommenden Jahren in Rente und hinterlässt eine Personallücke in vielen Unternehmen. Foto: dpa
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Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er Jahre gehen in den Ruhestand. Und sie hinterlassen nicht nur eine Personallücke. Wie Betriebe der Region damit umgehen.

Aurich – „Mit der Verrentung von langjährigen Arbeitnehmern geht ein Wissensverlust einher“, sagt Jörg Thoma vom Arbeitgeberverband für Ostfriesland und Papenburg. Ein Abfluss an Know-how, der Unternehmen durchaus schmerzt. „Betriebe sind darauf angewiesen, dass Wissen und Erfahrung weitergegeben werden“, sagt Thoma. Auch deshalb sei es wichtig und sinnvoll, ältere Arbeitnehmer länger im Unternehmen zu halten. Dies könne auch in Teilzeit etwa in einem Mentoren-Programm umgesetzt werden. Mit solchen Strategien wollen Unternehmen nicht nur dem Verlust von Know-how, sondern auch der drohenden Personallücke durch die Verrentung der Generation Babyboom zuvorkommen.

Denn mit der bereits begonnenen Verrentungswelle der Boomer nimmt dieser Trend zu. Als Baby-Boomer gilt, wer Mitte der 1950er- bis Ende der 1960er-Jahre geboren wurde. Besonders stark war der Jahrgang 1964. Noch arbeiten viele von ihnen, aber in den kommenden Jahren erreichen viele Babyboomer das Rentenalter.

Im Landkreis Aurich waren einer Statistik des Data Lab des Südwestrundfunks im Jahr 2023 von 62.578 Beschäftigten 9,5 Prozent (5.945) über 60 Jahre alt – das sind 3,5 Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. Ähnlich sieht es aktuell in Emden mit 9,9 Prozent und dem Kreis Leer mit 10 Prozent aus. Den angehenden Ruheständlern stehen dabei zu wenig nachwachsende Fachkräfte entgegen - der demografische Wandel macht sich bemerkbar. Laut einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) steht den bundesweit 19,5 Millionen Babyboomern, die bis 2036 vollständig das Renteneintrittsalter erreicht haben, ein Zugang junger Personen zum Arbeitskräftepotenzial in Höhe von etwa 12,5 Millionen gegenüber.

Verrentungswelle hat begonnen

„Die Welle der Babyboomer, die in den Ruhestand gehen, hat bereits begonnen“, sagt Jörg Thoma vom Arbeitgeberverband für Ostfriesland und Papenburg. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer weiß: Die bundesweite Entwicklung macht auch vor Ostfriesland nicht Halt. „Viele Betriebe auch in unserem Bereich können die Stellen der Fachkräfte bereits jetzt nicht adäquat nachbesetzen.“ Besonders in der Logistikbranche fehlte es an Personal, wie etwa Kraftfahrern.

Vor allem im Bereich Logistik klafft mit der Verrentung der Babyboomer eine große Fachkräftelücke. Foto: dpa
Vor allem im Bereich Logistik klafft mit der Verrentung der Babyboomer eine große Fachkräftelücke. Foto: dpa

Auch IHK-Hauptgeschäftsführer Max-Martin Deinhard hat das Thema Babyboomer auf dem Schirm. „Der demografische Wandel ist eine der zentralen Herausforderungen für die regionale Wirtschaft in Ostfriesland und Papenburg. Mittlerweile kann nur noch jedes dritte Unternehmen alle seine Ausbildungsplätze besetzen – und das bei einem steigenden Personalbedarf. Als IHK registrieren wir pro Jahr rund 2000 neu eingetragene Ausbildungsverhältnisse. Tendenz sinkend. Die Verrentung der Babyboomer verstärkt die Fachkräftelücke, die viele unserer Mitgliedsunternehmen bereits seit Jahren spüren“, sagt er auf Nachfrage dieser Redaktion. Besonders in einer Region mit starkem Mittelstand sei die Sicherung von Fachkräften aber essenziell, um die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft zu gewährleisten. „In Ostfriesland und Papenburg sind vor allem Branchen betroffen, die auf praktisch ausgebildete Fachkräfte angewiesen sind“, so Deinhard weiter. Neben dem Transport- und Logistikgewerbe sei dies vor allem die Gastronomie. Rund 50.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiteten in der Branche im IHK-Bezirk – und die Nachbesetzung werde schwieriger.

Ruheständler halten, Fachkräfte ausbilden

Während die Babyboomer in den Ruhestand gehen, wachsen zu wenig neue Fachkräfte nach. Die dann klaffende Lücke wollen und müssen Unternehmen mit verschiedenen Strategien schließen. „Im Bereich der Logistik geschieht dies einerseits über eine zunehmende Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen“, sagt Jörg Thoma vom Arbeitgeberverband. Darüber hinaus bildeten die Betriebe vermehrt selbst aus, um so Fachkräfte zu generieren. „Die Unternehmen investieren dabei viel“, so Thomas, etwa durch finanzielle Anreize, wie die Zahlung des Führerscheins bei Antritt einer Ausbildung. Ein weiterer Baustein der Strategie sei die gezielte Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland – ob durch Agenturen oder qualifizierte Zuwanderung.

Jörg Thoma vom Arbeitgeberverband für Ostfriesland und Papenburg sieht ein großes Problem im Abfluss von Wissen und Erfahrung. Foto: Archiv
Jörg Thoma vom Arbeitgeberverband für Ostfriesland und Papenburg sieht ein großes Problem im Abfluss von Wissen und Erfahrung. Foto: Archiv

Auch die Industrie- und Handelskammer setzt auf gezielte Maßnahmen. „Unsere Mitgliedsunternehmen setzen zunehmend auf innovative Ansätze, um die Fachkräftesicherung zu stärken. Dazu zählen gezielte Investitionen in die Ausbildung, die Förderung älterer Beschäftigter und die Qualifizierung von Quereinsteigern. Als IHK unterstützen wir unsere Mitglieder bei der Weiterbildung ihrer Fachkräfte mit rund 350 Online-Seminaren und noch einmal rund 150 Präsenzseminaren und Lehrgängen“, so Max-Martin Deinhard. Auch die Ausbildungsmesse, auf der jährlich 130 Unternehmen mit mehr als 1000 Schülern und Schülerinnen zusammengebracht würden, sei ein sehr stark nachgefragtes Recruiting-Instrument.

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