Hamburg  „Für meinen Nachnamen kann ich nichts“ – Wenn im Clan-Prozess keiner zum Clan gehören will

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 01.12.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Stade steht aktuell ein 34-Jährige aus dem sogenannten Miri-Clan vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Foto: dpa
In Stade steht aktuell ein 34-Jährige aus dem sogenannten Miri-Clan vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Foto: dpa
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Mitglieder von zwei bekannten Clans sind in Stade aufeinander losgegangen. Nach der Opfer-Familie weisen nun auch Angehörige des Angeklagten solche Bezeichnungen zurück – um dann zu beschreiben, wie man sich nach der Tat kurzerhand schwer bewaffnete.

In Stade läuft ein Mordprozess, der nicht grundlos weit über die Grenzen der kleinen Stadt hinaus bekannt ist. Hier stehen sich Mitglieder der Familien Miri und El-Zein gegenüber, deren monatelange Fehde im vergangenen Frühjahr tödlich endete. Ein Mitglied der El-Zeins starb, ein 34-Jähriger aus der Miri-Familie stach ihm ein Messer in den Kopf. Im Prozess wird es wohl vor allem darum gehen, ob das tatsächlich auch in Mordabsicht, mit „Heimtücke“ und „mit Vernichtungswillen“ geschah, wie es die Staatsanwaltschaft formuliert.

Die Namen Miri und El-Zein sind eng mit Clans und Clan-Kriminalität verbunden. Auch deswegen ist das Sicherheitsaufgebot rund um den Prozess immens. Doch geht es nach den Familien selbst, ist der Clan-Vorwurf gar nicht gerechtfertigt. „Für meinen Nachnamen kann ich nichts“, sagt ein 38 Jahre alter Bruder des Angeklagten ungefragt, bevor er vor Gericht aussagt. Als er selbst einst nach Stade zog, habe die Familie extra das für seine vielen Menschen mit Migrationshintergrund bekannte Viertel gemieden, führt er aus.

Die meisten Miris werden in Deutschland in Bremen verortet, von hier aus wurde der sogenannte Clan-Chef Ibrahim Miri 2019 nach 19 rechtskräftigen Verurteilungen und mit dem Status, eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit in Deutschland zu sein, in den Libanon abgeschoben.

Ein ähnlich hochrangiges Mitglied der Großfamilie, genannt Sammy Miri, wurde diesen Sommer nach dreijähriger Flucht in der Türkei festgenommen und nach Dortmund abgeschoben. Ihm sollen unter anderem wegen bandenmäßigen Kokain-Handels bis zu 15 Jahre Haft drohen

„Wir haben mit unserer eigenen Familie eigentlich sehr wenig zu tun“, sagt der 38-jährige Zeuge. Er war an jenem Tag der Eskalation dabei. Die acht Miri-Brüder aus Stade und Buchholz in der Nordheide hätten alle immer ganz anständige Leben geführt, so der 38-Jährige weiter, der nach eigenen Angaben Unternehmensberater ist. Der Angeklagte selbst betreibe als Logopäde gemeinsam mit einem Bruder ein Therapiezentrum, ein anderer führte jahrelang ein (während der Fehde zerstörtes) Sportgeschäft in Stade, wieder ein anderer betrieb nur deswegen einen kleinen Shisha-Laden, um sein Studium zu finanzieren. Kurzum: alles unbescholtene Bürger, Geschäftsmänner, Familienväter.

Eine weitere passende Anekdote des 38-Jährigen: Bei einem ersten Friedensgipfel zwischen den Brüdern und El-Zein-Mitgliedern aus Lüneburg, einer Art Ouvertüre des Konflikts, reisten zur Unterstützung auch viele Miris aus anderen Städten an. Zuvor war auf ein Gebäude der Brüder geschossen worden. „Die große Familie war geschockt“, sagt der Unternehmensberater. Geschockt, dass „auf uns Gebildete“ geschossen werde.

Das Opfer und auch einer seiner Brüder, der als Nebenkläger auftritt, hatten erwiesenermaßen schon Ärger mit dem Gesetz, vor mehr als zehn Jahren wurde der Getötete wegen Drogenhandels verurteilt, eine Oberstaatsanwältin damals bedroht. Doch auch hier ist die Lesart eher: Von Clan-Kriminalität könne nun wirklich nicht Rede sein.

Alaá El Sayed, Sprecher einer Moscheegemeinde in Essen, aus der damals zwei Imame zur Lageberuhigung nach Stade reisten, sagte unserer Redaktion: „Ich empfinde es als diskriminierend, dass das grauenhafte Verbrechen an dem jungen Mann nun vorschnell dem Bereich der Clan-Kriminalität zugeordnet wird“. Beiden Familien gehörten viele vollkommen unbescholtene Menschen an, und auch das Opfer habe nichts mit Clan-Kriminalität zu tun gehabt.

So legt es auch der 38 Jahre alte Miri-Bruder nahe – wenngleich er das Wort Clan dabei gar nicht benutzt. Was jedoch eher ungewöhnlich für derart kriminalitätsferne Bürger sein dürfte, ist das Waffenarsenal. Das Messer, das der Angeklagte am Tat-Tag aus der Mittelkonsole eines Wagens nahm, gehörte dem 38-jährigen Bruder. Man sei wegen der El-Zeins eben vorsichtig geworden, sagt er dazu. Die Schusswaffe, die der Angeklagte an diesem Tag einem anderen Bruder abnahm und im Auto noch dabei hatte, benutzte er nicht.

Und nach dem Tag des Messerstichs? Jenem Eskalationstag, an dem unter anderem auch der Laden der Miris zerstört wurde und der 38-jährige sich selbst eher als friedfertig darstellende Bruder zusammen mit dem Angeklagten ein El-Zein-Mitglied veprügelte?

Aus Angst vor Racheaktionen hätten seine Familie und die seines angeklagten Bruders erst einmal in einem Haus zusammengewohnt, sagt der 38-Jährige. Und haben sich dort schwer bewaffnet. Die Polizei fand bei einer Durchsuchung des Hauses unter anderem eine Automatik-Pistole in einem Keller-Lichtschacht, eine weitere Schusswaffe in einer Socke im Ankleideraum, ein Magazin in der Zwischendecke, einen Teleskop-Schlagstock im Blumenkübel. „Ja, wir waren bewaffnet“, sagt der Bruder. Wegen der Sorge vor Blutrache. „Es wurden Leute bezahlt, damit sie uns umbringen“, behauptet er.

Ein Vorgehen, das aus dem Phänomenbereich der Clan-Kriminalität durchaus bekannt ist. Doch ob der Angeklagte oder Mitglieder der Opfer-Familie wirklich kriminellen Clans angehören, ist im Prozess ohnehin nicht von Interesse. Clan-Kriminalität ist ein reiner Polizeibegriff. Niemand kann deswegen belangt werden. Ganz im Gegensatz zu Tötungsdelikten, Waffenbesitz und Körperverletzung.

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