So ist die Lage Hochwasser in Greetsiel und weiteren Teilen Ostfrieslands
In Greetsiel schwappt das Wasser bereits über die Kaimauern, am Großen Meer mussten Stauwehre geschlossen werden. Der Emder Entwässerungsverband ist in Habachtstellung.
Greetsiel - Das Wasser steht im Greetsieler Hafen derzeit höher als normal. Teilweise schwappt es sogar über die Kielmauer. „Land unter“ ist zwar noch nicht, doch viele Passanten wundern sich über den hohen Wasserstand. Wie Reinhard Behrends, Obersielrichter des 1. Emder Entwässerungsverbands, Donnerstagvormittag, 28. November 2024, auf Nachfrage sagte, seien die Mitarbeiter des Entwässerungsverbands seit Mittwochabend in Habachtstellung, um die Systeme zu überprüfen. Es gebe eine „kleine Hochwassersituation“, die aber weder besorgniserregend noch außergewöhnlich sei. „Aktuell läuft alles einwandfrei.“
Am Sperrwerk Leysiel gibt es keine Pumpen. Wenn es, wie aktuell, hohe Niederschlagsmengen und eine leichte Sturmflut gibt, ist dort kein Sielen nach außen möglich. Das Wasser staut sich dann hinter der Schleuse im Speicherbecken Leyhörn und im Hafen – dieser wiederum ist so ausgelegt, dass er das Wasser bis zu einer bestimmten Menge aufnehmen kann. „Das ist Teil des Systems“, sagte Behrends.
Durchschnittlicher Jahresniederschlag bereits jetzt übertroffen
Im Speicherbecken Leyhörn landet dann das Wasser aus dem gesamten Norder Verband sowie unter Umständen auch das Wasser aus dem gesamten Emder Verband, wenn an der Knock wegen Hochwassers oder Sturmflut nicht gepumpt werden kann. Das sei auch Donnerstagvormittag der Fall gewesen: Es gab eine leichte Sturmflut, sodass Behrends und seine Kollegen nicht „gegenanpumpen“ konnten. Der Binnenwasserstand sei im gesamten Verbandsgebiet durch den vielen Regen in den vergangenen Tagen gestiegen. Auch am Großen Meer, wo es in den vergangenen Jahren im Bereich der Feriensiedlung zu Überflutungen kam, wurden deshalb bereits die Stauwehre geschlossen.
„Dieses Jahr ist wirklich herausfordernd“, sagte der Obersielrichter. „In Moordorf und an der Knock haben wir schon jetzt über 1000 Millimeter Jahresniederschlag. Normal wären 800 Millimeter.“ Regen gibt es seit einigen Jahren vor allem in den Wintermonaten, während die Sommermonate immer trockener werden. Das stellt die Entwässerungsverbände vor große Herausforderungen, weil es in den Wintermonaten vermehrt zu Kettenereignissen mit Tidehochwasser, Sturmflut und Regenfällen kommen kann. Entsprechend gespannt blickt der Fachmann auf die kommenden Monate. „Hoffen wir, dass die Technik durchhält“, sagte Reinhard Behrends.
Das fordert der Entwässerungsverband für die Zukunft
Die in die Jahre gekommene Infrastruktur kritisiert der Entwässerungsverband schon seit Langem. Der Verband fordert unter anderem die Installation von Pumpen am Sperrwerk Leysiel, um das Nadelöhr zu entlasten. „Das wird wohl nicht so schnell passieren wie wir uns das wünschen“, so Behrends. Auch die vorhandene Infrastruktur müsse dringend erneuert und erweitert werden – Behrends hatte zuletzt von Museumspumpen gesprochen. Hinzu kommt, dass fast jede Pumpe ein Unikat ist, für das es keine Ersatzteile gibt.
Welche Herausforderungen es für den Binnenhochwasserschutz der Zukunft gibt, war zuletzt im Rahmen der sogenannten Klever-Risk-Studie der Universität Oldenburg und der Jade-Hochschule Wilhelmshaven untersucht. Mit den sich veränderten Umweltbedingungen nehmen die Anforderungen an das Binnenhochwassermanagement deutlich zu – auch die Forschenden waren sich einig, dass die Pumpkapazitäten erneuert und ausgebaut werden müssen. Außerdem sollen weitere Ausweichflächen geschaffen werden, die im Falle eines Hochwassers kontrolliert geflutet werden können. So können die Entwässerungsbedarfe entzerrt und die Schöpfwerke entlastet werden. Auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Trockenperioden ergibt das aus Sicht der Forschenden Sinn, da in Zukunft etwa für die Industrie oder für die Landwirtschaft vermutlich mehr Süßwasser gebraucht werden wird als bisher.