London  Churchills Vermächtnis: Wie sich die britisch-amerikanischen Beziehungen unter Trump verändern könnten

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 28.11.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Winston-Churchill-Statue und die britischen Flaggen auf dem Parliament Square. Angesichts der weltpolitischen Umbrüche steht Großbritanniens Rolle zwischen EU und USA auf dem Prüfstand. Foto: dpa/Dominic Lipinski
Die Winston-Churchill-Statue und die britischen Flaggen auf dem Parliament Square. Angesichts der weltpolitischen Umbrüche steht Großbritanniens Rolle zwischen EU und USA auf dem Prüfstand. Foto: dpa/Dominic Lipinski
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Die bevorstehende Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus wirft Fragen zur transatlantischen Partnerschaft zwischen Großbritannien und den USA auf. Und welche Rolle wird die EU einnehmen? Auf London kommt ein Balanceakt zwischen Diplomatie und sicherheitspolitischen Interessen zu.

Im August 1941 bestieg Winston Churchill die vor der Südostküste Neufundlands ankernde U.S.S. Augusta, um mit dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt ein Gespräch zu führen, das in die Geschichtsbücher eingehen sollte.

Der britische und der amerikanische Regierungschef diskutierten über die mögliche Gestaltung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu ihren Prinzipien für eine bessere Zukunft gehörten unter anderem Selbstbestimmung der Nationen, freier Welthandel und der Verzicht auf territoriale Aggression.

Die Atlantik-Charta, wie die Erklärung schließlich genannt wurde, war der Vorläufer vieler Zusammenschlüsse, darunter der Vereinten Nationen und der NATO. Beide Länder fühlten sich diesen Institutionen jahrzehntelang verpflichtet und betonten immer wieder ihre besonderen Beziehungen zueinander.

Die bevorstehende zweite Präsidentschaft von Donald Trump stellt nun viele Gewissheiten erneut infrage. Wie steht es vor diesem Hintergrund um die Partnerschaft zwischen den Nationen?

Gegenüber einem unberechenbaren US-Präsidenten, der hohe Importzölle angekündigt hat, befindet sich der britische Premier Keir Starmer in einer schwierigen Lage. Schließlich steht seine im Sommer gewählte Regierung angesichts der multiplen Krisen im Land vor großen finanziellen Herausforderungen, weshalb es für diese besonders wichtig ist, Wachstum zu schaffen.

„Großbritannien wird versuchen, eine Balance zwischen seinen Beziehungen zur EU und zu den USA zu finden“, sagt Joël Reland von der Denkfabrik UK in a Changing Europe gegenüber dieser Redaktion. Das könnte dazu führen, dass es sich zwar weiterhin, aber womöglich langsamer an Brüssel annähert, um Trump, der die EU einst als „Feind“ bezeichnete, nicht zu verärgern.

Möglicherweise sei es für Großbritannien etwas leichter als für andere Länder, Zugang zu den Entscheidungsträgern in Washington zu bekommen. Hier könne insbesondere König Charles III. eine diplomatische Rolle spielen. Schließlich habe Trump immer wieder betont, dass er ein Fan der Royals sei.

„Tatsächlich sind Großbritannien und die USA durch ihre gemeinsame Sprache und Geschichte enger miteinander verbunden als andere europäische Länder mit den USA“, so Reland.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hätten britische Regierungen ihre Strategien in den Bereichen Geheimdienst, Sicherheit und Verteidigung mit denen der USA verknüpft, so Richard Whitman, Politikwissenschaftler an der University of Kent. „Dies wurde als großer Vorteil für Großbritannien angesehen“, habe aber auch die Autonomie des Königreichs eingeschränkt.

Die Entscheidungen und Maßnahmen einer neuen Trump-Präsidentschaft seien deshalb für das Königreich von besonders großer Tragweite. So habe der Republikaner den Wert des NATO-Bündnisses und die weitere Verteidigung der Ukraine gegen Russland infrage gestellt und versichert, den Konflikt innerhalb von 24 Stunden beenden zu wollen. „Diese Positionen stehen jedoch in krassem Gegensatz zu denen, die die Labour-Regierung vertritt.“

Starmer habe deutlich gemacht, dass er die NATO als Eckpfeiler der nationalen Sicherheit und das Bündnis als Fundament der europäischen Sicherheit betrachte. Die diplomatische und militärische Unterstützung für Kiew im Kampf gegen die russische Invasion wurde verstärkt.

Großbritannien wolle angesichts der sich abzeichnenden neuen Lage nun so gut wie möglich als Brücke zwischen den USA und Europa fungieren und seine Verbindungen in Washington nutzen, um zu vermitteln, sagt Reland. So könnte London zum Beispiel anstreben, EU-Staaten zu höheren Verteidigungsausgaben zu bewegen. „Großbritannien wird versuchen, seine Führungsrolle in diesem Bereich zu unterstreichen.“

Angesichts der Gefahr eines Angriffs vonseiten des Kreml, nachdem Großbritannien der Ukraine erlaubt hatte, zur Verfügung gestellte Langstreckenwaffen auch gegen Ziele innerhalb Russlands einzusetzen, kündigte Starmer an, er werde „den Weg weisen“, um die Verteidigungsausgaben auf 2,5 Prozent des Nationaleinkommens zu erhöhen.

Dies sei jedoch keine überzeugende Abschreckung, sagen Kritiker. Wenn es nicht gelinge, eine wirklich harte Botschaft an den Kreml zu senden, bestehe die Gefahr, dass Russland Großbritannien zunehmend als verwundbar wahrnehme, kommentierte die britische Journalistin Deborah Haynes. Und das, obwohl Großbritannien eine Atommacht und Mitglied der NATO ist.

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