Berlin Leah Weigand: „Der sterbende Patient hat meine Hand gehalten“
Pflegerin, Dichterin und bald Ärztin: Leah Weigand spricht im Interview über Arztserien, Weihnachtsgeschenke für Pflegekräfte und über den Tod auf der Station.
Ein Leben zwischen Schreibstube und Stationszimmer: Mit ihrem Gedicht „Ungepflegt“ bringt Leah Weigand in 137 Versen auf den Punkt, was sie als Krankenpflege-Azubi erlebt hat. Der Beifall Hundertausender Youtube-Fans zeigte, wie sehr die Mittzwanzigerin Pflegenden und Angehörigen aus dem Herzen spricht. Wir haben mit Leah Weigand darüber gesprochen, was seit dem poetischen Erfolg passiert ist. Im Interview verrät sie auch, ob wirklich alle Arztserien schlecht sind, an welchem Wochentag Krankenhausessen schmeckt und über welches Weihnachtsgeschenk sich die Kollegen in der Klinik wirklich freuen.
Frage: Frau Weigand, vor zwei Jahren sind Sie mit einem einzigen Gedicht zur öffentlichen Person geworden. Können Sie – für alle, die es verpasst haben – nochmal zusammenfassen, was da passiert ist?
Antwort: Ich versuch’s! Ich trete schon lange bei Poetry Slams auf. Vor zwei Jahren habe ich im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater das Gedicht „Ungepflegt“ vorgetragen, das ich zum Ende meiner Pflegeausbildung geschrieben hatte. Der Auftritt landete im Internet. Und innerhalb von Tagen konnte ich mitansehen, wie er hundertausendfach angeschaut und geteilt wurde. Dann begann eine verrückte, aufregende und überfordernde Zeit. Ich bekam ungeheuer viele Zuschriften, die meisten positiv, und wurde in Talkshows eingeladen. Verlage haben auch angefragt und seit diesem Jahr gibt es mein Buch.
Frage: Gedichte sind eine sehr subjektive Textform. Ihres hat Sie über Nacht zu einer Art Sprecherin der Pflegeberufe gemacht. Meinen Sie das mit der Überforderung?
Antwort: Genau. Ich bin plötzlich in die Rolle einer Pflegeaktivistin reingerutscht, was ich gar nicht geplant hatte. Vorher war ich einfach eine Künstlerin, die ab und zu auch politisch wird. Auf einmal wurde ich ganz anders eingeordnet und stand für das Anliegen der riesigen Pflege-Community. Damit musste ich erstmal umgehen und mich fragen: Wer will ich jetzt eigentlich sein?
Hier können Sie Leah Weigands Auftritt mit dem Gedicht „Ungepflegt“ ansehen:
Frage: Wer denn?
Antwort: Jemand, der mit seiner Kunst Räume öffnet – aber nicht die Person, die dann auch die Kämpfe ausficht. Ich ermutige aber jeden gern, selbst die Stimme zu erheben.
Frage: Gab es Vereinnahmungsversuche? Wollten Ministerien oder Verbände aus dem Gesundheitsbereich Sie für ihre Sache gewinnen?
Antwort: Es kamen und kommen immer mal wieder Anfragen. Aber ich will nicht für eine bestimmte Seite einstehen. Manches mache ich trotzdem gern. Für einen Podcast habe ich zum Beispiel mit Bayerns Gesundheitsminister gesprochen, mit ihm – aber nicht für ihn.
Frage: In Ihrem Buch kommt viermal das Wort „Pudding“ vor. Das hat mich an meine eigene Zeit als Pflegehelfer erinnert, wo der Milchbrei zum Frühstück der Höhepunkt des Tages war. Kennen Sie vergleichbare Inseln in der Routine?
Antwort: So routiniert war mein Pflegealltag gar nicht. Auf die Frühstückspause konnte man da schon mal bis 12 Uhr warten. Aber unabhängig von der Uhrzeit: Wenn man im Frühdienst einen Schnitt machen kann, wenn man einmal in allen Zimmern war und alle Patienten gesprochen hat, dann kommt auf jeden Fall ein Moment des Durchatmens. Auf Milchbrei kam es mir dabei weniger an als auf den Austausch. Es ist wichtig, einmal zusammenzusitzen, zu lachen und sich die kleinen Geschichten von der Station zu erzählen.
Frage: Liegt das auch daran, dass Ihnen – wie so vielen – das Klinikessen einfach nicht schmeckt?
Antwort: Die Erfahrung habe ich leider auch gemacht: Klinikessen ist in der Regel nicht so gut. Ich würde mir wünschen, dass man da mehr Wert drauf legt. Essen gehört zum Gesundwerden dazu. Ich freue mich also, wenn wenigstens Ihnen der Milchbrei schmeckt.
Frage: Gibt es Gerichte, von denen Krankenhausköche besser die Finger lassen, und andere, die schmecken?
Antwort: Bei uns gab’s freitags Eintopf. Der war immer sehr gut. Alle Patienten haben sich darauf gefreut. Eher schwierig waren die Fleischgerichte. Mein Verdacht ist, dass für diese Massen an Portionen einfach kein gutes Fleisch ausgewählt wird. Ich selbst esse sowieso keins. Aber ich glaube, dass auch unsere Patienten die Suppe lieber mochten als Fleisch. Zumindest als Klinik-Fleisch.
Frage: Wenn Sie in Talkshows Ihr Pflege-Gedicht vortragen, kämpfen die Leute mit den Tränen. Auf Station herrscht dagegen ein pragmatischer, hemdsärmeliger Ton. Oder erleben Sie auch stille Momente?
Antwort: Das wäre mein großer Wunsch: dass man eine Sprache findet für das, was uns bewegt. Auf den Stationen schafft man es nur selten, aus dem Alltag rauszuzoomen. Natürlich braucht man Witze und Humor. Wenn man länger im Beruf ist, kippt das aber leicht in Sarkasmus und Zynismus. Gerade bei den älteren Pflegekräften habe ich eine sehr herbe, manchmal fast lieblose Sprache bemerkt. Das finde ich schade. In der Klinik erlebt man jeden Tag Grenzsituationen. Für uns ist das Alltag, aber für die Patienten sind es absolut keine Alltagssituationen. Es wäre schön, wenn man das benennen könnte. Wenn man sagen könnte, wie besonders es ist, dass man gerade ein Kind beim ersten Atemzug begleitet hat oder einen alten Menschen beim letzten. Dass man mit einem Patienten geweint oder ihn getröstet hat.
Frage: Würden Sie eine Situation schildern, in der ein Patient oder Sie selbst weinen mussten?
Antwort: Also, ich erinnere mich an eine Situation während der Corona-Beschränkungen, die für mich sowieso ganz schlimm waren. In Krankenhaus-Situationen braucht man soziale Kontakte. Damals hatte ich einen Patienten mit einem Aneurysma im Kopf. Das war ein Routine-Eingriff, aber es kam zu einem Zwischenfall. Und dieser Mann – ein Vater, der rüstig und mobil reingelaufen war – lag plötzlich auf der Intensivstation, konnte sich kaum bewegen und nicht mehr sprechen. Das war so ein enormer Einschnitt in sein Leben. Erst durften seine Frau und die Kinder gar nicht zu ihm, dann plötzlich doch. Es war eine muslimische Familie und die Ehefrau wollte für ihn beten. Da habe ich gesagt, dass ich auch bete, zu meinem Gott. Und dann standen wir zusammen am Bett und ich musste weinen. Plötzlich war eine starke Verbindung da. Da brauchte es gar keine Worte. Es war einfach so ein Zusammen-da-sein und auch ein Zusammen-traurig-sein über die ganze Situation.
Frage: Glauben Sie an Gott?
Antwort: Ja, schon. Ich habe ein Glauben an Gott und das gibt mir Kraft und Hoffnung.
Frage: In Ihrem Gedicht klingt an, dass Sie im Krankenhaus auch mit dem Tod konfrontiert waren. Was haben Sie erlebt? Und wie wird man als Auszubildende in so einer Situation geschützt?
Antwort: Da wird man gar nicht geschützt. Man soll es ja auch lernen. Ich erinnere mich vor allem an einen Mann. Ich hatte Nachtdienst und mir wurde schon bei der Übergabe gesagt: Sein Zustand ist präfinal: Er würde wahrscheinlich noch in der Nacht sterben. Ich war also vorbereitet und habe viel Zeit bei ihm verbracht. Er wollte nicht, dass ich aus dem Zimmer gehe, obwohl ich natürlich auch zu anderen Patienten musste. Er hat dann immer meine Hand festgehalten und da habe ich gemerkt, wie sehr wir einander brauchen, wir beide, jeder den anderen und bis zuletzt.
Frage: Ihr Gedicht antwortet auf einen Satz, den Pflegekräfte oft hören: „Das könnte ich nicht!“ Irgendwas bringt ja wirklich fast jeder nicht über sich. Kann man sich bei schwierigen Aufgaben einfach abwechseln?
Antwort: Ja, und solche Team-Situationen liebe ich. Was man kann und was man gar nicht kann, diese Frage ist unter Pflegekräften ganz üblich. Erbrochenes können viele einfach nicht riechen. Die übergeben sich dann gleich daneben. Mir selbst liegt das auch nicht besonders. Also übernimmt das Saubermachen jemand, dem das nichts ausmacht. Bei anderen sind Exkremente schwierig. Oder alles Schleimige, was mit dem Absaugen von Nase und Rachen zu tun hat. Da konnte ich zum Beispiel immer gut einspringen.
Frage: In der Pflege können Flüchtigkeitsfehler gravierende Folgen haben. Haben Sie schon mal einen gemacht?
Antwort: Man macht ja dauernd irgendwas falsch, gerade in der Ausbildung. Einmal war ich mit einer Kollegin allein auf der Station, sie war Springerin und kannte sich bei uns nicht gut aus. Und ich war neu. Es war ein Chaos-Tag und wir hatten in benachbarten Zimmern zwei Patienten, die fast denselben Namen hatten. Bruck und Bruckner oder so. Und dann habe ich dem einen die Medikamente des anderen gegeben. Glücklicherweise war es nichts, das schlimme Folgen haben konnte. Trotzdem konnte ich danach nicht schlafen. Ich habe mir die ganze Nacht ausgemalt, was alles hätte passieren können.
Frage: Sie sind jetzt aus der Pflege ins Medizinstudium gewechselt – voller Überzeugung? Oder auch mit einem weinenden Auge, weil Ihnen mit der Pflege etwas verloren geht, das Sie als Ärztin nicht mehr haben werden?
Antwort: Beides. Es war ein langer Prozess. Und es war keine Entscheidung gegen die Pflege, sondern eine für die Medizin. Ich wollte weiterlernen: die Anatomie, die Therapie. Das war meine Motivation. Vielleicht sage ich eines Tages, dass ich doch wieder in die Pflege gehe. Ob das überhaupt möglich wäre – als Ärztin in die Pflege –, weiß ich allerdings nicht.
Buchautorinn dank viralem Hit: Seit diesem Jahr ist Leah Weigands „Ein wenig mehr Wir“ auf dem Markt.
Frage: Parallel dazu haben Sie noch den Beruf der Autorin. Mir fällt auf, dass Sie selbst das Wort nicht gebrauchen, sondern lieber „Sprachkünstlerin“ sagen.
Antwort: Nachdem ich jetzt ein Buch rausgebracht habe, sage ich auch mal Autorin. Aber ich bin eben nicht nur eine Autorin, die Wörter schreibt, sondern auch ein Spoken-Word-Artist. (Zu Deutsch: eine Künstlerin des gesprochenen Wortes, Anm. d. Red.) Für mich gehört es dazu, dass ich meine Texte auf der Bühne vortrage. Das ist eine Dimension, die immer noch dazukommt: die Arbeit mit der Stimme und dem Körper.
Frage: Ich glaube, man merkt es den Texten auch an, dass sie für den Vortrag geschrieben sind.
Antwort: Bei den längeren Texten gilt das auf jeden Fall. Einige der kürzeren habe ich extra fürs Buch geschrieben. Da habe ich darauf geachtet, dass man sie gut lesen kann, ohne sie zu hören.
Frage: Bislang war das Publikum Ihr einziges Korrektiv. Beim Verlag hatten Sie jetzt ein Lektorat. Wie war diese Umstellung?
Antwort: Ich hatte sehr viel Glück mit meiner Lektorin, die mir ganz viel Freiheit gelassen hat. Trotzdem war das Ganze für mich eine völlig neue Welt. Auf der Bühne verändern die Texte sich auch immer noch ein bisschen. Viele Bühnenkünstler schreiben nach jedem Auftritt um. Das ist bei mir nicht so. An meinen Texten wird lange geschliffen, bevor ich sie zum ersten Mal auf die Bühne bringe. Was ich anpasse, ist nur meine Vortragsart. Wenn Sätze nicht gut rüberkommen, ändere ich die Betonung. Und da spielt die Publikumsresonanz eine große Rolle.
In ihrem Gedicht „Vergessenslücken“ beschäftigt Leah Weigand sich mit dem Thema Demenz:
Frage: „Ungepflegt“ haben Sie nicht für die Bühne geschrieben, sondern für das Team zum Abschluss der Ausbildung. Waren Sie da aufgeregter als vor einem Publikum, das gezielt zum Poetry Slam kommt?
Antwort: Ja, voll. Ich war sehr, sehr aufgeregt. Der Vortrag war dann auch sehr emotional. Ich hatte Tränen in den Augen, weil das noch so frisch aus mir rauskam. Einige wussten zum Glück schon vorher, dass ich schreibe. Aber viele eben auch nicht: Die Lehrer, Praxisanleiter und etwas entferntere Kollegen waren ziemlich überrascht.
Frage: Wenn man den ganzen Tag in der Klinik ist – guckt man dann abends eigentlich noch Arztserien? Was taugt das Bild der Pflege im Fernsehen?
Antwort: Schön, dass Sie das ansprechen! Arztserien regen mich auf und das fast täglich. Ich muss nämlich zugeben, dass ich wirklich sehr viele davon gucke. Und ich habe noch keine einzige entdeckt, in der die Pflege wahrheitsgemäß dargestellt wird. Pflegefachkräfte sind im Fernsehen nur die kleinen Helferlein von Ärzten. Die laufen im Hintergrund rum, die bringen irgendwas, die notieren weise Arztworte in Kladden. Ich frage mich in jeder Szene, was die da eigentlich machen. Was Fernsehpflegekräfte tun, hat nichts mit dem wirklichen Beruf zu tun. Und das, was wir wirklich machen, das tun im Fernsehen dann alles die Ärzte. Am liebsten würde ich den Sendern Briefe schreiben: Leute, ihr habt eine Verantwortung! Unser Bild in der Öffentlichkeit leidet auch daran, dass das Fernsehen mit uralten Klischees arbeitet.
Frage: Gucken Sie deutsche Serien oder amerikanische? Und vor allem: Warum gucken Sie überhaupt, wenn es Sie doch so ärgert?
Antwort: Ich gucke alles, von „In aller Freundschaft“ bis „Grey’s Anatomy“. Und deutsche Serien sind noch viel schlechter, wenn ich das mal so sagen darf. Da müssen am Ende alle wieder heiter und gesund sein. Die amerikanischen setzen mehr auf den Spannungsfaktor, da stirbt dann wenigstens auch mal jemand. Warum gucke ich das? Das ist, glaube ich, ein bisschen wie ein Unfall. Ich kann nicht weggucken, weil es so schlimm ist.
Frage: In der Weihnachtszeit möchten Angehörige Pflegekräften gern eine Freude machen. In Stationszimmern häufen sich dann Weihnachtsmänner, Kaffeepackungen und „Merci“-Schokolade. Was davon kommt wirklich gut an? Und was können die Kollegen nicht mehr sehen?
Antwort: Danke, dass das mal einer fragt! Also ich würde sagen: Bitte kein Merci! Das kann wirklich keiner mehr sehen. Kaffee ist immer willkommen, vor allem, wenn‘s ein guter ist. Schlechter Kaffee ist der Kummer jeder Station. Alle freuen sich, wenn man zwischendurch mal einen besseren in die Tasse bekommt. Gutes Essen wird auch gern genommen, auch einfach frisches Obst. Und gute Worte sind auch ein Geschenk. Wenn jemand eine Karte schreibt, in der er seine Gefühle in Worte fasst, dann ist das die größte Wertschätzung, die es gibt!