Hamburg „Akzentfrei? Die sprechen sogar mit Dialekt!“ – Das System hinter den Telefon-Betrügern
Telefon-Betrüger erbeuten Millionen, Ermittler und Behörden kommen bei den Maschen kaum hinterher. Doch wie funktioniert das System der Kriminellen? Wie sind sie ausgebildet? Und wie gelangt das Geld von Deutschland ins Ausland? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Deutschlandweit fallen jede Stunde etwa zwei Menschen auf Telefon-Betrüger herein. Trotz aller Aufklärung bleiben die Kriminellen wohl schon aufgrund der schieren Masse der Anrufe erfolgreich, erbeuteten mehr als 100 Millionen Euro alleine 2023.
Doch wie funktioniert das System der Telefon-Betrüger, und wieso schaffen sie es mit ihren Betrugsmaschen immer wieder, Menschen um ihr gesamtes Erspartes zu bringen? Hier gibt es die Antworten auf die wichtigsten Fragen zum System der Telefon-Betrüger.
Anrufe, die in Deutschland eingehen, stammen häufig aus Staaten außerhalb der EU. Bei einer großen internationalen Aktion wurden etwa Callcenter in mehreren Balkanländern und im Libanon aufgedeckt. Auch in der Türkei und in Polen schlagen Behörden immer wieder zu. Im Nachbarland wurden erst vergangenes Jahr zwei Callcenter hochgenommen. Deutsche und europäische Ermittler haben auch schon ein illegales Callcenter in London.
Polizei und Staatsanwaltschaft allein aus Deutschland hätten bei den international vernetzten Banden wenig Chancen, zu komplex sind die Strukturen. Doch die Täter sitzen nicht immer im Ausland: „Wir haben auch Erkenntnisse, dass es in Deutschland solche Callcenter gibt, von dort aus werden aber wiederum Straftaten im Ausland begangen“, sagt Oliver Hoffmann vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Denn Telefon-Betrugsstraftaten gebe es in vielen Ländern. Der deutschsprachige Raum gelte jedoch als besonders attraktiv, da Kriminelle hier besonders viel Beute vermuten.
Wie viele „Mitarbeiter“ in einem solchen illegalen Callcenter sitzen, kommt ganz auf die Masche an. Beim Schockanruf rufen häufig zuerst die angeblichen Angehörigen die Opfer an, dann wird der Hörer an eine falsche Amtsperson, etwa einen Staatsanwalt, übergeben. Manchmal gehören zu einem Callcenter neben der Leitung nur eine Handvoll „Keiler“, wie die Telefonisten genannt werden.
„Wir haben im vergangenen Jahr ein Callcenter in Serbien zerschlagen, da hingen 200 Arbeitsplätze dran“, sagt Ermittler Hoffmann. Dort seien die Betrüger ihrer Arbeit nachgegangen wie einem normalen Job und hätten im Schichtbetrieb gearbeitet. „Die Frühschicht rief Geschädigte in Australien an, die Tagesschicht in Europa und die Spätschicht in Kanada“, so Hoffmann.
Das ist unterschiedlich. Häufig werden ganze Datensätze an Nummern im Darknet gekauft. Szenekenner berichten davon, wie die Nummern stumpf nacheinander abtelefoniert werden. Das ist auch der Grund, wieso eine einzige Betrugsmasche dann gehäuft in einer einzigen Region, also in Haushalten mit der gleichen Vorwahl auftaucht.
Lange durchsuchten Betrüger in Deutschland auch Online-Verzeichnisse wie die „Gelben Seiten“ nach Vornamen, die als typisch für ältere Menschen galten. Der Herausgeber vieler Telefonbücher, die Deutsche Tele Medien GmbH, will dem einen Riegel vorschieben. Vergangenen Sommer kündigte das Unternehmen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ an, die Suche nach Vornamen gar nicht mehr zuzulassen.
Bezogen auf Kriminelle, die in Deutschland anrufen, sind die Täter – und Täterinnen, wie Hoffmann betont – nicht selten auch in Deutschland aufgewachsen und beherrschen die Sprache besonders gut. Das ist ungemein wichtig, wenn man die Opfer nur mit der Stimme überzeugen will und dabei zum Beispiel einen Staatsanwalt spielt.
Dabei sprächen die Täter nicht einfach nur akzentfreies Deutsch. „Die sprechen sogar mit Dialekt“, bekräftigt LKA-Mann Oliver Hoffmann. Er war Einsatzleiter bei der Aktion „Pandora“, bei der Ermittler Tausende Betrugsanrufe live mithörten. „Da war der Hamburger Dialekt dabei, bayerischer Dialekt, schwäbischer Dialekt, sächsischer Dialekt“, sagt er. Immer passend, je nachdem, wo die Betrüger anrufen.
Er vermutet, dass die Betrüger in Deutschland aufgewachsen sind und dann im Ausland angeworben wurden. Entweder weil sie da Urlaub machten, ausgewandert sind oder auch ihre Familie besuchten. Gerade in den Balkan-Ländern gebe es viele legale Callcenter von deutschen Unternehmen, in denen deutschsprachige Mitarbeiter beschäftigt sind. „Wenn jemand kommt und eine gute Verdienstmöglichkeit für ein bisschen Herumtelefonieren offeriert, beißen ein paar halt auch mal an“, so Hoffmann.
Immer wieder werden Callcenter-Betrüger auch mit kriminellen Clan-Strukturen in Verbindung gebracht, die grenzübergreifend agieren. Aufsehenerregend war die Verurteilung mehrerer Mitglieder eines kurdisch-arabischen Clans im türkischen Izmir zu insgesamt 1.100 Jahren Haft im Jahr 2022. Sie hatten ihre Opfer in Deutschland um rund 120 Millionen Euro betrogen. Der sogenannte Clan-Boss Amar S. sollte sich einst in Bremen unter anderem wegen Einbruchdiebstahls vor Gericht verantworten, wie einige andere floh er aber wohl vor den deutschen Behörden in die Türkei.
Die Köpfe solcher Strukturen leben nicht selten in purem Luxus, bei den einfachen „Mitarbeitern“ ist das nicht unbedingt so. „Es ist sicherlich über dem Durchschnittslohn der jeweiligen Länder“, sagt Experte Hoffmann, der sich jedoch mit konkreten Zahlen zurückhält. Lediglich im Callcenter im Libanon habe er mit den Kollegen festgestellt, dass die Kriminellen einen festen Lohn bekommen.
Zumeist würden die Betrüger aber anteilig bezahlt, den Löwenanteil bekomme die Callcenter-Leitung. Rund ein Viertel der Beute bleibe jedoch schon im komplexen Geldwäsche-Netzwerk hängen.
Neben Anrufern und Abholern gehören zum System der Telefontrick-Betrüger häufig auch „Logistiker“. Sie fahren die teils beträchtlichen Beutesummen über die Grenzen, tauschen Bargeld in Gold und Silber ein oder waschen es auf andere Art und Weise. „Autos sind derzeit eine beliebte Masche, die wir insbesondere aus dem Balkan kennen“, sagt Oliver Hoffmann, der sich seit Jahren schon in der internationalen Polizeivereinigung IPA (International Police Association) engagiert. „Da ist Slowenien immer ein Thema.“ Von dem erbeuteten Geld würden in Deutschland hochwertige Autos gekauft und dort wieder verkauft. Nur eine Möglichkeit, wie die Geldwäsche aussehen kann.
Neben diesem analogen Weg gebe es zudem diverse digitale Transaktionsmöglichkeiten. „Hawala-Banking“ gilt als beliebtes Modell von kriminellen Clans und anderen Organisationen. Längst versuchen die Bundesfinanzaufsicht Bafin und das Bundeskriminalamt gemeinsam dagegen vorzugehen. Beim seit Jahrzehnten praktizierten Hawala-Modell werden – verkürzt – auf der Sender- und auf der Empfänger-Seite des Geldes Mittelsmänner eingesetzt, das Geld wechselt ohne Spuren und Belege den Besitzer.
Für Ermittler Oliver Hoffmann ist das Finanzagenten-Netzwerk, das in Deutschland zur Geldwäsche eingesetzt wird, eines der größten Übel bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Unter anderem in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hatten Behörden unter Führung des LKA Baden-Württemberg vor wenigen Wochen Hausdurchsuchungen bei Geldwäschern durchgeführt.
Sogenannte Finanzagenten werden über soziale Netzwerke und Kleinanzeigenportale in die Illegalität gelockt. Etwa mit einem „leichten Nebenverdienst in Homeoffice-Tätigkeit“. „Diejenigen, die ihr Konto zur Verfügung stellen, sind meist nicht mal kriminell und rutschen da rein. Aber wenn ich mehrere tausend Euro auf mein Konto bekomme und es dann auf ein Konto im Ausland weiterleite, kann ich schon darauf kommen, dass das nicht ganz legal sein kann“, sagt Oliver Hoffmann.