Osnabrück Ein Opfer namens Politik: Was Annalena Baerbocks Ehe-Aus über unser Land sagt
Nach Annalena Baerbocks Ehe-Aus werden die sozialen Netzwerke mit Häme geflutet. Natürlich kann man Politiker, die für ihren Dienst am Gemeinwesen ihre gesamte Existenz einsetzen, dafür auch noch bepöbeln. Über eines darf man sich dann aber nicht wundern.
Noch im Moment der privatesten Ausnahmesituation ist Verlass auf den Hass. Seit Annalena Baerbock und ihr Ehemann via „Bild“-Zeitung ihre Trennung bekannt gegeben haben, füllen sich die sozialen Medien mit frischer Häme gegen die Grünen-Politikerin. Das Spektrum reicht von Gags über aus dem Ruder gelaufene Styling-Ausgaben bis zu Rabenmutter-Anwürfen. So weit, so niederträchtig.
Der Fall Baerbock mag dabei in gewisser Weise eine Besonderheit sein, weil kaum eine Person im politischen Berlin die Emotionen so stark triggert wie sie: Nach dem weit verbreiteten Neid auf eine junge erfolgreiche Frau entlädt sich nun eine verquere Art von Genugtuung darüber, sich am Scheitern dieser jungen erfolgreichen Frau zu weiden, und sei es am Scheitern ihrer Ehe.
In erster Linie ist die Baerbock-Trennung aber gerade kein Einzelfall, sondern zahlt ein auf eine traurige Routine.
Jede Ehe, jede feste Partnerschaft ist ein Wagnis, aber Politikerehen und -partnerschaften sind regelrechte Himmelfahrtskommandos. Während in der Gesamtgesellschaft die Zahl der Scheidungen seit Jahren drastisch sinkt und zuletzt auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung lag, reißen in der Politik die Meldungen von gescheiterten Beziehungen nicht ab. Baerbock, Özdemir, Pistorius, Lauterbach, Lemke, Lindner, Geywitz: Allein im Kabinett der Ampel-Regierung hatte zuletzt je nach Zählung fast jeder zweite der 16 Ressortchefs schon mindestens eine Trennung oder Scheidung hinter sich. Und das ist kein Wunder.
Die Politik ist nicht der einzige Bereich, in dem Menschen fleißig sind und selten nach Hause kommen. Aber einer der brutalsten. Weil zum schieren Arbeitspensum diese toxische Mischung aus internem Hahnenkampf und öffentlicher Social-Media-Knochenmühle kommt, die irgendwann alles gefährden kann, die körperliche und seelische Gesundheit sowieso, aber eben auch Familie und Beziehung. Ja, das ist ein selbstgewähltes Schicksal, und die, die es wählen, können auf üppige Kompensationen für ihren persönlichen Einsatz hoffen, Macht und Ruhm zum Beispiel. Baerbocks Ehe-Aus erinnert aber daran, dass sie dafür bisweilen gewaltige Opfer zu bringen haben. Man kann Menschen für diese Opferbereitschaft natürlich bepöbeln. Nur darf man sich nicht wundern, wenn es irgendwann keine mehr davon gibt.