Hamburg Chef-Ermittler packt aus: So haben wir illegale Callcenter in fünf Ländern zerschlagen
Die Telefonbetrüger, die hierzulande immer wieder Menschen abzocken, sitzen häufig im Ausland. Selten gelingt ihre Festnahme. Ein Ermittler aus Baden-Württemberg verrät im Interview, wie es Behörden gelang, ein großes internationales Betrüger-Netzwerk hochzunehmen.
Der Kampf gegen Telefon-Betrüger und ihre Betrugsmaschen ist nicht aussichtslos, aber mühselig. Nur selten gelingt es den deutschen Behörden, die Hinterleute vor Gericht zu bringen, die aus dem Ausland meist ältere Menschen mit perfiden emotionalen Geschichten um ihr Geld bringen. Auf deutschlandweit mehr als 100 Millionen Euro beläuft sich der Schaden mittlerweile jährlich.
Doch es gibt Erfolge: Vor knapp einem Jahr haben Ermittler aus Baden-Württemberg eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) mit dem Namen „Pandora“ gegründet. Monatelang waren Ermittler aus mehreren Bundesländern Telefonbetrügern auf der Spur, hörten live mit, wie falsche Polizisten, Anlagenbetrüger und Liebesschwindler ihre Opfer anriefen. Tausende Straftaten wurden verhindert, illegale Call Center in fünf Ländern zerschlagen. Mehrere Betrüger wurden bereits ausgeliefert, sitzen in Deutschland in Untersuchungshaft.
Oliver Hoffmann ist Leitender Kriminaldirektor des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg und fungierte bei diesem großen Schlag gegen die Telefonbetrüger als Einsatzleiter. Im Interview blickt er hinter die Kulissen der intensiven Ermittlungsarbeit – und erklärt, warum solche Erfolge so schwierig zu erreichen sind.
Frage: Herr Hoffmann, die „BAO Pandora” ist polizeiintern längst auch außerhalb Baden-Württembergs ein Begriff. Was steckte hinter dieser Ermittlungsgruppe?
Antwort: Pandora war wirklich eine große polizeiliche Lage, keine Frage. Überall in Deutschland, wussten die Kollegen, worum es geht, wenn „Pandora” anruft. Wir haben über mehrere Bundesländer hinweg mit vielen Staatsanwaltschaften zusammengearbeitet, am Ende waren mehr als 100 Beamte eingesetzt.
Frage: Scheitert die Strafverfolgung bei Telefonbetrügereien wie dem Enkeltrick sonst vor allem an mangelnden Kooperationen?
Antwort: Das kann man so nicht sagen, Pandora zeigt ja, dass es geht. Und ganz wichtig: Bei den Betrugsfällen, die bei uns aufgelaufen sind, war quasi alles dabei. Aber kein Enkeltrick und kein Schockanruf. Diese Maschen lassen sich auf der Täterseite eher in anderen Ländern verorten, als in jenen, in denen wir am Ende Call Center zerschlagen konnten.
Frage: Wie startete die BAO Pandora überhaupt?
Antwort: Kurz vor Weihnachten 2023 wäre eine ältere Dame beinahe auf einen falschen Polizeibeamten reingefallen und wollte auf der Bank eine erhebliche Bargeldsumme abholen. Aufgeflogen ist der Betrug dank der aufmerksamen Bankmitarbeiter. Den Freiburger Kollegen ist dann die Nummer aufgefallen, über die sich die Betrüger bei der Dame gemeldet haben…
Frage: … die Nummer war noch sichtbar?
Antwort: Ja, und das war unser Glück. Normalerweise werden die Nummern durch „Spoofing“ auf dem Display verändert, aber in diesem Fall erschien die echte deutsche Nummer, die die Betrüger bei einem deutschen Telefon-Provider angemietet haben. Die Freiburger haben dann diese Nummer überwacht und schnell gemerkt, wie viele Anrufe von dieser Nummer ausgehen. Innerhalb weniger Minuten kamen Tausende Anrufe zusammen, die alle von dieser einen Nummer stammten. Es war wirklich eine „Büchse der Pandora”. Technisch ist das durchaus möglich über das sogenannte Voice-Over-IP Verfahren, legale Call Center nutzen es durchaus auch, weil sie von vielen Standorten auf der Welt mit einer einheitlichen Nummer anrufen.
Frage: Dann haben das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft ein eigenes Call Center installiert, um die vielen Anrufe mitzuhören. Was soll so etwas bringen?
Antwort: Für uns war es eine einmalige Chance, Straftaten in hoher Zahl zu verhindern. Wir konnten endlich mal vor den Tätern am Tatort sein. Deswegen waren auch so viele Polizeidienststellen involviert. Wir haben gehört, wie Betrüger überall in Deutschland Geldübergaben mit Opfern verabredeten und haben dann schnellstmöglich die lokale Polizei informiert. Wir haben uns damit auch Zeit für die Ermittlungen gekauft. Wir wollten ja an die Hintermänner in den Call Centern heran, von denen die Anrufe ausgingen.
Frage: Das heißt, die Beamten haben eigentlich ununterbrochen telefoniert?
Antwort: Nicht ansatzweise so viel wie die Betrüger. Bis zum sogenannten „Action Day” sind bestimmt eine Million Anrufe von der Nummer ausgegangen.
Frage: Im April haben Sie dann mit den jeweiligen Behörden vor Ort Call Center in Serbien, dem Kosovo, Albanien, dem Libanon sowie Bosnien-Herzegowina zerschlagen. Klappt so eine Zusammenarbeit immer derart reibungslos?
Antwort: In diesem Fall hat es jedenfalls sehr gut geklappt. Wir konnten in den fünf Ländern über unsere Kontakte sehr schnell agieren und den ersten Schritt machen. Auch erste Auslieferungsgesuche gab es schon. Aber Pandora läuft ja weiter, da wird es bis zum Jahresende sicher noch einige Informationen geben.
Monate nach der großen Aktion haben das LKA Baden-Württemberg und die kosovarischen Behörden im Oktober erneut ein Call Center im Kosovo zerschlagen. Bei der Durchsuchung wurde der 26 Jahre Leiter des Centers festgenommen, Beweismittel und Schusswaffen sichergestellt. Die Masche hier: Die Betrüger riefen jene Menschen an, die schon mal auf eine Betrugsmasche hereingefallen sind und geben an, im Auftrag der Finanzbehörden das verlorene Geld zurückzuerstatten – gegen eine Provision. Mehr als eine halbe Million Euro sollen die Kriminellen im Kosovo durch die Masche eingenommen haben. Die entscheidenden Hinweise auf die Täter stammten aus den Ermittlungen der „BAO Pandora“, hieß es vom LKA.
Frage: Aber das behördliche Call Center gibt es nicht mehr.
Antwort: Nein, so etwas ist einfach nicht auf Dauer durchzuhalten. Vier Monate lang waren täglich rund 40 Beamte dafür abgestellt, der Aufwand war wirklich riesig. Da müssen wir uns zusammen mit den Telefondienstanbietern künftig auch etwas anderes überlegen. Deswegen wollten wir im April einen ersten Punkt setzen und diese Strukturen zerschlagen.
Frage: Spüren Sie denn nach einer großen Aktion wie Pandora einen Effekt? Nehmen die Betrugsversuche ab?
Antwort: Ja, zunächst wird es dann – zumindest bei einigen Maschen – ruhiger. Das ist dieses Mal bei Pandora so, das war auch in der Vergangenheit bei unseren Verfahren der Fall. Als wir gemeinsam mit dem LKA Bayern einen empfindlichen Schlag gegen den Miri-Clan in der Türkei gelandet haben, gingen die Zahlen bei diesem Phänomen auch erst einmal zurück. Aber sie verschwinden nicht, die Täter verlagern ihre Aktivitäten in andere Länder und nach einer gewissen Zeit bauen sie die Struktur wieder auf, oder wechseln auf eine andere Masche.
Frage: Es klingt danach, als wären die Betrüger den Ermittlern immer ein paar Schritte voraus. Während Sie sich noch an einer Masche abarbeiten und die Bevölkerung sensibilisiert, ist längst was Neues gestartet.
Antwort: Pandora zeigt doch, dass wir den Betrügern etwas entgegenzusetzen haben. Es kostet Aufwand und Zeit, aber wir kriegen es hin und sie können sich nicht verstecken. Auch nicht im Westbalkan, auch nicht im Libanon. Und wir haben etwa 7.500 Straftaten, also Betrugsversuche, aufgezeichnet und rund 6.000 dieser Taten in nur vier Monaten verhindert.
Frage: Und schaffen Sie es, diese ganzen Straftaten auch vor Gericht zu bringen.
Antwort: Ich bin sehr zuversichtlich, Mitarbeiter und auch Leitungen der Call Center der Justiz zuführen zu können. Ich gehe davon aus, dass wir schon bis zum Ende des Jahres mit der gesamten Beweisaufnahme fertig sind. Einige werden sicherlich in ihren Ländern vor Gericht stehen, andere kommen hier nach Deutschland und werden dann durch die Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe angeklagt. Mit den fünf genannten Ländern gibt es dahingehend auch keine Probleme.
Frage: Gehören sogenannte Abholer, als jene, die etwa als falsche Polizisten das Geld holen und mit am häufigsten erwischt werden, auch zu den Netzwerken oder stoßen sie eher von außen dazu?
Antwort: Das kommt auf das Phänomen an. Es können zum Beispiel clanartige-Strukturen sein oder man hat wegen der gemeinsamen Herkunft aus dem Heimatland eine Verbundenheit. Oftmals werden die Abholer aber auch einfach in kriminellen Milieus angeworben.
Antwort: Man kann aber sagen: Etwa 20 falsche Polizisten also Abholer sind uns während der Aktion ins Netz gegangen, aber darauf lag nicht unser Hauptaugenmerk. Und man kann sagen, dass sich deren Job mal so gar nicht lohnt. Die kriegen den kleinsten Anteil und tragen das höchste Risiko. Und die Gerichte sprechen auch regelmäßig hohe Haftstrafen für solche Abholer aus.
Frage: Haben Sie bei der ganzen Aktion eine Erkenntnis zu den Strukturen bekommen, den Sie vorher noch nicht hatten?
Antwort: Der genauen Arbeitsweise und Methodik war man sich nicht so konkret bewusst. Aber es ist vor allem die Masse an Anrufen, die da tagtäglich auf Deutschland niederprasselt. Viele Versuche werden ja gar nicht angezeigt, das Hellfeld ist also klein. Wir haben im Verfahren Pandora einmal einen Einblick bekommen, wie allein bei einer Nummer in vier Monaten mehr als eine Million Anrufe in Deutschland und Europa ankommen. Zehntausende Anrufe pro Tag! Diese Dimension war mir neu. Dass es derart viele Anrufe sind, erklärt auch, wieso die Betrüger gute Beute machen, obwohl nur wenige Menschen auf sie hereinfallen. Nach unserer Statistik fällt unter ein Prozent auf die Täter rein, aber auch das eine Prozent verursacht eine große Schadensmenge
Frage: Wenn der Betrug trotz aller Aufklärung nie ganz verhindert werden kann: Wie soll die Prävention denn dann aussehen?
Antwort: Wir arbeiten bereits mit den Telefonbetreibern zusammen, denn man diese Straftaten am Ende nur wohl technisch stoppen. Die Polizei kann noch so viel Präventionsarbeit leisten, am Ende werden die Betrüger aufgrund der schieren Masse an Anrufen Leute erwischen, die ihnen ihre Vermögenswerte übergeben.