Hamburg  Für den Familienfrieden? Darum schicken Eltern ihr Kind auf‘s Internat

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 21.11.2024 16:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Janka Zöller hat als Schülerin das Internat Schloss Salem besucht. Mittlerweile berät sie Eltern bei der Suche nach der richtigen Privatschule. Foto: dpa/Felix Kästle
Janka Zöller hat als Schülerin das Internat Schloss Salem besucht. Mittlerweile berät sie Eltern bei der Suche nach der richtigen Privatschule. Foto: dpa/Felix Kästle
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Schloss Salem oder lieber Luisenlund? Janka Zöller berät Eltern, die nach einem Internat für ihr Kind suchen. Die 39-Jährige hat selbst Abitur auf einem deutschen Eliteinternat gemacht. Ein Gespräch über Vorurteile, Abschiedstränen und hohe Schulgebühren.

Riesige Gebäude, endlose Flure, Schüler in Uniform: Wer das Wort Internat hört, hat schnell Klischees und Stereotype im Kopf. Sind die meist teuren Privatschulen ein Sammelbecken für Hochbegabte oder jene, die ihre Eltern zu Hause zur Verzweiflung bringen?

Janka Zöller ist Geschäftsführerin der Beratungsagentur „Töchter und Söhne“ und selbst ehemalige Internatsschülerin. Sie begleitet Familien intensiv durch den Dschungel der vielen Häuser im In- und Ausland und weiß, wann ein Kind dort besser nicht hingehen sollte.

Frage: Frau Zöller, Sie haben selbst das renommierte Internat Schloss Salem besucht. Wie war diese Zeit?

Antwort: Ich war von der 5. Klasse bis zum Abitur auf dem Internat Salem. Sicherlich eine der schönsten Zeiten in meine Leben. Ursprünglich war das gar nicht geplant. Mein Vater, damals in der Werbung tätig, hatte einen Kunden, der Internate betreute. Da wir gerade von Wiesbaden nach Stuttgart gezogen waren, hatte ich noch nicht richtig Anschluss gefunden und besuchte in den Sommerferien zwei Wochen lang ein sogenanntes „Summercamp” in Salem. Danach wollte ich unbedingt dorthin. Für meine Eltern war das anfangs ein Schock. Meine Mutter war nicht berufstätig und ich bin Einzelkind. Aber sie ließen es mich ausprobieren.

Frage: Gab es auch schwere Momente?

Antwort: Natürlich. In neun Jahren Schulzeit ist nicht immer alles nur schön. Der Moment des Abschieds war immer schmerzhaft. Ich habe auch mal abends im Bett gelegen und meine Eltern vermisst. Meine Mutter hat oft geweint, wenn Sie mich nach den Ferien hingebracht haben. Sie wusste auch, dass es Kinder gab, die aus ganz anderen Gründen dort waren wie ich. Eine meiner Zimmernachbarinnen hatte gerade ihre Mutter verloren, eine andere war wegen Mobbing-Erfahrungen auf ihrer alten Schule dort. Meine Eltern haben aber auch gesehen, wie ich von der Zeit profitiert habe und wie sie mich geprägt hat: Ich habe gelernt, in einer Gemeinschaft zu leben, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu sein.

Frage: Wie konnten Ihre Eltern sich die Internatsgebühren leisten?

Antwort: Meine Eltern waren keine schwerreichen Wirtschaftsbosse. Mein Vater hatte ein gutes Gehalt, aber wir mussten auf Urlaube verzichten, um die Schule zu finanzieren. Ab dem zweiten Jahr habe ich ein Teilstipendium bekommen, da ich immer engagiert war, etwa im Chor und bei Musicals oder als Gästehelferin. Schloss Salem und viele deutsche Internate bieten solche Stipendien an, um Familien zu entlasten.

Frage: Welchen Vorurteilen sind Sie als Internatsschülerin begegnet?

Antwort: Als Kind habe ich keine Vorurteile erlebt, dafür war ich zu jung. Ich bin in eine Blase eingetaucht und dort auch lange geblieben. Für meine Mutter war es am schwersten, denn sie musste sich rechtfertigen und wurde – hauptsächlich von anderen Müttern – angefeindet: „Wie kannst du dein Kind weggeben?“, war eine häufige Frage. Für mich war das Internat aber eine bewusste Entscheidung und kein „Wegschicken“. Später kam dann das Klischee vom „Elite-Internat“, aber ich bin irgendwann davon abgekommen, mich rechtfertigen zu wollen. Die Internatszeit hat mir viel gegeben, und ich habe gelernt, dass diese Entscheidung nicht für jeden passend ist – das ist völlig in Ordnung.

Antwort: Mittlerweile beraten Sie mit Ihrer Agentur Eltern bei der Suche nach dem richtigen Internat für ihr Kind. Was sind die Beweggründe der Eltern, die sich bei Ihnen melden? 

Antwort: Wir unterscheiden zwischen Chancen- und Problem-orientierten Familien. Wir haben teilweise sehr begabte Kinder, die sich unterfordert fühlen und eine akademische Herausforderung im In- oder Ausland suchen. Mal geht es dabei nur um einen Auslandsaufenthalt, mal um eine Abschlussperspektive. Andere Schüler sind hingegen im öffentlichen System, mit großen Klassen und viel Lehrerausfällen, überfordert. Ihnen fehlt es an Struktur und Motivation. Pubertierende Schüler geraten wegen übermäßigem Computerspiel oder fehlender Bereitschaft zum Lernen ständig mit ihren Familien aneinander. So etwas kann man im Internatskontext sehr gut auffangen: Dort gibt es Regeln, an die alle sich zu halten haben. Der Tagesablauf ist klar strukturiert. 

Frage: Was kostet ein Internatsbesuch im In- und Ausland?

Antwort: In Deutschland liegen die Jahresgebühren bei Internaten mit guten Freizeitmöglichkeiten, motivierten Lehrkräften und gutem Essen bei mindestens 35.000 Euro. Luisenlund oder Salem liegen bei über 50.000 Euro. Es gibt natürlich auch Internate, die staatlich subventioniert werden oder in kirchlicher Trägerschaft sind. Viele deutsche Internate bieten Stipendien an, sodass auch Familien mit mittleren Einkommen Zugang haben. Im Ausland sind die Kosten oft höher: In England beginnen sie bei 40.000 Euro jährlich. Die extremste Kostenstruktur gibt es in der Schweiz mit bis zu 120.000 Franken Jahresgebühren.

Antwort: Und die Beratung bei Ihnen?

Antwort: Ein erstes Kennenlerngespräch ist kostenlos. Für Internate im europäischen Raum berechnen wir 550 Euro, für Nordamerika fallen 950 Euro an. Geht es um ein Internat innerhalb Deutschlands, bleibt die Beratung kostenfrei. Die genannten Kosten sind eine „commitment fee“, decken aber nicht die vielen Stunden an Arbeit ab, welche bei solch einer Beratung über viele Monate hinweg anfallen. Unsere Familie begleiten wir immer durch den kompletten Bewerbungsprozess und auch während des Internatsaufenthalts. Das geht nur, da wir durch die Internate provisioniert werden. In der Beratung lernen wir die Familien und Kinder intensiv kennen: Sprechen über Stärken, Schwächen, Interessen und sehen uns die letzten drei Zeugnisse an– all das fließt in die Suche nach dem passenden Internat ein. Wir stellen die Kinder dann auch dort vor.

Frage: Wann ist ein Kind ungeeignet für ein Internat?

Antwort: Wenn ein Kind nicht selbst hinter der Entscheidung steht, macht es keinen Sinn. Internate sind keine Gefängnisse, sondern bieten Chancen. Wenn das Kind die Perspektive nicht sieht, wird es schwierig. In solchen Fällen raten wir von einem Wechsel ab.

Frage: Die steigende Zahl von Privatschulen in Deutschland entfacht immer wieder eine Debatte um Chancenungleichheit und soziale Spaltung. 

Antwort: Ich persönlich sehe natürlich, dass gesellschaftliche Ungerechtigkeiten bestehen. Ich glaube aber nicht, dass die Welt weniger ungerecht wäre, wenn man Privatschulen abschafft. Viele Internate bemühen sich durch Stipendien, auch weniger privilegierten Kindern Zugang zu ermöglichen. Bildung ist eine der besten Investitionen, die Eltern für ihre Kinder tätigen können, und Internate vermitteln nicht nur Wissen, sondern auch Werte wie Verantwortung. Natürlich ist es auch wichtig, dass Eltern ihren Kindern bewusst machen, dass eine private Schulbildung ein großes Privileg ist. 

Frage: „Töchter und Söhne” klingt elitär. Warum haben Sie sich für diesen Namen entschieden?

Antwort: Der Name „Töchter und Söhne“ hat tatsächlich keinen elitären Hintergrund. Er entstand ganz pragmatisch: Es geht bei unserer Arbeit um die Zukunft von Kindern – eben den Töchtern und Söhnen. Meine Eltern, die die Agentur gegründet haben, wollten einen Namen, der den Fokus klar auf die Kinder legt. Für uns hat sich der Name bewährt: Er ist einprägsam und spiegelt wider, worum es uns geht – um die nächste Generation und ihre Chancen.

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