Norder Krimi- und Gruseltage  Die unermüdliche Suche nach der Wahrheit

| | 19.11.2024 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Klaus Püschel zeigt auf ein Bild vom mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann. Bis heute lässt ihn dieser Fall nicht los. Foto: Rebecca Kresse
Klaus Püschel zeigt auf ein Bild vom mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann. Bis heute lässt ihn dieser Fall nicht los. Foto: Rebecca Kresse
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Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel sprach im Ostfriesischen Krimimuseum in Norden über den Serienmörder Klaus-Werner Wichmann und die Göhrde-Morde. Bis heute sind viele Fälle ungeklärt.

Norden - Lustig ist das Thema von Prof. Dr. Klaus Püschel eigentlich nicht. Denn der bekannte Rechtsmediziner spricht vor allem über den Tod. Trotzdem gab es bei seinem Vortrag im Rahmen der Krimi- und Gruseltage im Ostfriesischen Krimimuseum in Norden für die Zuhörer immer wieder etwas zu lachen. Sein Vortrag über die Göhrde-Morde sorgte allerdings vor allem für Fassungslosigkeit – selbst bei einem Auricher Mordermittler.

Bis auf den letzten Platz gefüllt und darüber hinaus: Mehr als 100 Besucher wollten den Vortrag von Dr. Klaus Püschel im Ostfriesischen Krimimuseum hören. Foto: Rebecca Kresse
Bis auf den letzten Platz gefüllt und darüber hinaus: Mehr als 100 Besucher wollten den Vortrag von Dr. Klaus Püschel im Ostfriesischen Krimimuseum hören. Foto: Rebecca Kresse

Püschel spricht über Leichenflecken, beginnende Fäulnis am menschlichen Körper und hat ein Abbild seines eigenen Schädelknochens dabei. Damit konnte er die mehr als 100 Zuhörer der restlos ausverkauften Veranstaltung aber nicht schocken. Interessiert folgten sie dem Rechtsmediziner auch durch die verschiedenen Bilder der Leichen. Wohl dosiert setzte Püschel seinen schwarzen Humor ein – und erntete Lacher. Dann nämlich, wenn die Leichenflecken als Sterbeort die Klobrille offenbaren. Oder wenn der Waffenabdruck auf dem Rücken eines Totes durch die Leichenflecken sogar für den Laien erkennbar ist, der Arzt, der die erste Totenschau gemacht hat, aber einen natürlichen Tod bescheinigt hatte. Die männlichen Zuhörer warnte Püschel, beim Angeln im Stehen in einen See zu urinieren. Es komme nicht selten vor, dass es beim Urinieren zu einem Herzstillstand oder einer Bewusstlosigkeit komme. „Dann ist es dumm, wenn man beim Zusammenbruch ins Wasser fällt, weil man dann gleich ertrinkt“, so Püschel. Das sei auch der Grund, warum man klassisch Angler tot im Wasser mit geöffneter Hose finde. „Frauen, die sich hinter einen Busch setzen, kann das nicht passieren. Die kippen vielleicht um, aber dann kommt der Kreislauf zurück“, sagte Püschel, der damit den nächsten Lacher auf seiner Seite hatte.

Püschel: Hälfte der Todesbescheinigungen sind falsch

Erschreckend für die Zuhörer waren hingegen andere Aussagen Püschels: „Die Hälfte der Todesbescheinigungen sind falsch“, so der Rechtsmediziner. In Deutschland würden nur zwei Prozent der Toten untersucht. Als er selbst studierte, habe die Obduktionsfrequenz bei 30 Prozent gelegen. So viel brauche man eigentlich auch, für eine Qualitätssicherung im Gesundheitswesen. Püschel geht sogar noch weiter: „Wir müssen alle Toten aufschneiden, damit wir wissen, was los ist. Ich will Fortschritte in der Medizin und ich will von den Toten lernen“, sagte er.

Erika Ehl (von links), ihre Cousine Gaby Faßbender und Freundin Renate Heinze sind eigens für die Krimi- und Gruseltage von Krefeld aus für zehn Tage nach Norden gekommen. Foto: Rebecca Kresse
Erika Ehl (von links), ihre Cousine Gaby Faßbender und Freundin Renate Heinze sind eigens für die Krimi- und Gruseltage von Krefeld aus für zehn Tage nach Norden gekommen. Foto: Rebecca Kresse

Eigens aus Krefeld zu den Krimi- und Gruseltagen nach Norden angereist waren Erika Ehl, ihre Cousine Gaby Faßbender und Freundin Renate Heinze. Zehn Tage haben sich die Damen im Hotel eingebucht, um so viele Veranstaltungen wie möglich von den Krimitagen zu erleben. Und sie sind begeistert. „Wir wollen unbedingt, dass die Veranstaltung jetzt jedes Jahr in Norden stattfindet“, sagte Gaby Faßbender. „Dann sind auch die sonst eher langweiligen Novembertage super ausgefüllt“, ergänzte Erika Ehl lachend. Klaus Püschel hatten die Damen zuvor noch nicht live erlebt, waren aber schon nach der ersten Hälfte des Vortrags Feuer und Flamme.

Serienmörder Wichmann lässt Püschel bis heute nicht los

Ebenfalls im Publikum, ein Zuhörer vom Fach. Ein Todesermittler der Kripo Aurich hörte Püschel genau zu. Zwar sei er aus privatem Interesse da, wie er sagte. Trotzdem bleibe auch bei einem solchen Vortrag immer etwas hängen, das vielleicht mal beruflich wichtig werden könnte. Grundsätzlich freute er sich, dass er „nicht der Einzige mit dem Krankheitsbild“ Interesse am Tod sei, sagte er lachend. Normale Menschen stießen das Thema Tod eher von sich. Sein Credo sei „mitfühlen ja, mitleiden nein“, so der Beamte. Es sei die technische Komponente am Tod, die ihn auch im Vortrag sehr interessierte.

Gabi Holten will ihrem Vater ein Buch von Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel schenken. Foto: Rebecca Kresse
Gabi Holten will ihrem Vater ein Buch von Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel schenken. Foto: Rebecca Kresse

Nach der Pause – in der Püschel zahlreiche Bücher verkaufte und signierte – ging es dann um einen Fall, der den Rechtsmediziner bis heute nicht loslässt: der mutmaßliche Serienmörder Kurt-Werner Wichmann. Der lebte überwiegend im Raum Lüneburg. Er hat im Jahr 1993 im Alter von 43 Jahren im Gefängnis Suizid begangen. Püschel selbst stieß auf den Fall, Ende der 1980er Jahre. „1989 werden in einem Wald bei Lüneburg zwei Paare ermordet, im Abstand von wenigen Monaten – das sind die sogenannten Göhrde-Morde“, erklärte Püschel. Der Hamburger Rechtsmediziner hat die Paare mit seinem Team obduziert.

Kurz danach verschwindet nördlich von Lüneburg Birgit Meier. Die Mutter einer Teenagertochter war weg – ohne Abschiedsbrief, ohne alles. Das Mädchen ruft den Bruder von Birgit Meier an, ihren Onkel. Das ist niemand geringerer als Wolfgang Sielaff, damals als Leiter der Landespolizeiinspektion oberster Polizist der Hansestadt Hamburg und der stellvertretende Polizeipräsident. Doch das half Sielaff laut Püschel gar nichts. Im Gegenteil. „Die Polizeibeamten sagte ihm damals: ,Nun bleiben Sie mal in Hamburg, Sie sind in Lüneburg nicht zuständig, wir sind erfahrene Polizeikräfte, wir wissen, was wir tun, Sie können ja in ein paar Tagen mal nachfragen oder uns Bescheid sagen, wenn Ihre Schwester wieder auftaucht.’“, so Püschel.

27 Jahre verschwunden

Von diesem Moment an sollte es 27 Jahre dauern, bis das Verschwinden von Birgit Meier aufgeklärt wurde. Nicht von der Polizei, sondern von einer Gruppe Personen, die Wolfgang Sielaff um sich gescharrt hatte, damit sie ihm helfen. „Das sind alles Senioren, die Sielaff kannte, Kriminalbeamte und Juristen, wie der bekannte Rechtsanwalt Dr. Gerhard Strate aus Hamburg und der Rechtsmediziner Klaus Püschel – das sogenannte Seniorenteam“, so Püschel.

2003 – nach zahlreichen Pannen der Polizei in Lüneburg, befassen sich diese Senioren weiterhin mit dem Fall von Birgit Meier. Sie schreiben Dossiers darüber, warum Kurt-Werner Wichmann ihrer Überzeugung nach der Entführer und Mörder von Birgit Meier ist und auch, warum sie davon überzeugt sind, dass eben dieser Wichmann auch der Göhrde-Mörder ist. Die Polizei bekommt die Dossiers. Einzige Reaktion der Polizei laut Püschel: „Ihr alten Männer lest zu viele Krimis. Lasst mal die Kriminalbeamten ihre Arbeit machen und stört nicht die Polizei.“ Diese wiederholte Missachtung des geballten Sachverstandes der Seniorengruppe ist etwas, das Püschel besonders zu schaffen machen scheint.

Ermittlungen noch nicht vorbei

Am Ende waren es eben diese Senioren, die die Leiche von Birgit Meier fanden – einbetoniert in einer Vertiefung in der Garage von Kurt-Werner Wichmann. Bis heute habe sich niemand von der Polizei Lüneburg bei der Familie oder den Ermittlern entschuldigt. Die Art und Weise, wie in dem Fall insgesamt ermittelt wurde, nennt Püschel an diesem Abend „völlig hirnrissig“.

Doch mit dem Fund der Leiche ist das Thema Wichmann für die Senioren nicht vorbei. Sie machen weiter. Im Raum Lüneburg gibt es insgesamt 24 ungeklärte Frauenmorde aus der Zeit von Klaus-Werner Wichmann. Eine Zeit lang lebte Wichmann in Süddeutschland. Auch dort ereigneten sich in der Zeit mehrere Frauenmorde, die bis heute ungeklärt sind. Als Wichmann zurück nach Lüneburg kam, gab es im Elbe-Weser-Raum rund 15 ungeklärte Frauenmorde. Davon sind die Hälfte der Frauen verschwunden, bis heute nicht gefunden. Überwiegend waren es Anhalter nach einem Discobesuch. Alleine im Norden von Bremerhaven sechs Frauen in sechs Jahren, die alle verschwunden sind. Die zuständige Kripo glaubt nicht an eine Serie. Anders als die Senioren. Es gibt weitere Fälle auch in Cuxhaven. Die Senioren finden heraus, dass Wichmann Verkaufsfahrer war, der von Lüneburg aus in eben diesen Orten Molkereiprodukte ausgefahren hat. Auch in Köln und Münster schreiben die Senioren ihm Frauenmorde zu. Am 22. November in Schwerin werden Püschel und seine Senioren zum ersten Mal über einen neuen Aspekt berichten. Es geht wieder um zwei Frauenmorde, für die ebenfalls Wichmann in Betracht kommt. Nach Untersuchungen der Senioren halten sie Wichmann für rund 90 Frauenmorde für schuldig. Einen Hinweis bekam der Rechtsmediziner am Abend übrigens auch über zwei Frauenmorde in der fraglichen Zeit in Norden. Die Arbeit wird weiter gehen.

Für Dr. Püschel soll auch der Besuch in Norden nicht der Letzte gewesen sein. Schon im nächsten Jahr will er wiederkommen – dann unter anderem zum Thema Störtebecker.

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