Volkstrauertag in Aurich Einander als Menschen sehen
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Aurich appellierte der Bürgermeister an Empathie und Mitmenschlichkeit in Zeiten der Krisen.
Aurich - Mit Kranzniederlegungen wurde am Sonntag in vielen Ortsteilen von Aurich den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Bei der zentralen Veranstaltung am Ehrenmal an der Von-Jhering-Straße richtete Aurichs Bürgermeister Horst Feddermann einen klaren Appell an die Anwesenden. „Lassen Sie uns heute den Mut finden, über unsere eigenen Grenzen hinauszudenken. Lassen Sie uns einander sehen als Menschen, die denselben Planeten teilen, dieselben Hoffnungen haben und oft dieselben Ängste“, sagte er.
Für ihn seien Krisen wie der Ukraine-Krieg oder die Spannungen im Nahen Osten Anlass, um an die Menschen zu denken, die aktuell inmitten von Unsicherheit und Angst lebten. Er betrachte den Gedenktag aber auch als Einladung, um über Verantwortung nachzudenken. Verantwortung, die jeder auch im Kleinen trage. „Frieden ist keine abstrakte Idee, die nur zwischen Staatsoberhäuptern verhandelt wird. Er ist eine Aufgabe, die bei den Menschen beginnt“, sagte Feddermann. Etwa in der Art und Weise, wie man mit seinem Nachbarn, seinem Kollegen, seinen Mitmenschen umgehe. Feddermann wisse, dass sich hinter jeder Krise eine tiefe, universelle Herausforderung auftue: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, die auf Gerechtigkeit, Empathie und Gleichberechtigung beruht? Eine weitere Herausforderung sei auch der erstarkende Populismus.
Respektvoller Dialog statt Ausgrenzung
Feddermann warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „Sie“, in ein „die da oben“ oder „die da draußen“.
In Zeiten eines erstarkenden Populismus suchten die Menschen nach einfachen Antworten auf komplexe Themen und würden sich politischen Führern zuwenden, die klare aber gefährlich polarisierende Lösungen anböten. „Doch der Weg zu Wohlstand und Frieden liegt nicht in der Ausgrenzung und Abwertung anderer, sondern im respektvollen Dialog und der Bereitschaft, Unterschiede zu überwinden“, so Feddermann.
Globale Herausforderungen ernst nehmen
Als Gemeinschaft – auch in der Stadt Aurich – habe man eine Verantwortung, nicht nur für das eigene Wohlergehen, sondern auch für die Zukunft, die man gemeinsam mit allen anderen gestalte, so Feddermann weiter. Denn Herausforderungen wie der Klimawandel, die digitale Revolution und auch die Krisen in vermeintlich weit entfernten Ländern, würden uns früher oder später erreichen.
Der oftmals empfundenen Machtlosigkeit des Einzelnen setzte Feddermann entgegen: „Jede große Veränderung beginnt immer mit einem kleinen Schritt.“ Ein friedliches Miteinander entstehe nicht in den Räumen großer politischer Verhandlungen, sondern in der Art, wie man sich vor Ort begegnete. „Lassen Sie uns daran glauben, dass wir die Welt, wie wir sie uns wünschen, mitgestalten können, indem wir Frieden als unser gemeinsames Erbe und unsere gemeinsame Aufgabe betrachten“, schloss Feddermann.
Gedenken auch an Kriegsgräbern
Nach der Kranzniederlegung durch Reservisten der Kreisgruppe Ostfriesland und Soldaten des Luftwaffengeschwaders 71 „Richthofen“ Wittmund las Ortsbürgermeisterin Claudia Stolte das Totengedenken und es ging über die Allee des Auricher Friedhofs zum Kriegsgräberfeld, wo Männer der Auricher Feuerwehr zwei weitere Kränze niederlegten und Superintendent Tido Janssen zum Abschluss das Gebet der Vereinten Nationen sprach.
Am Volkstrauertag gedenkt Deutschland der Toten von Krieg und Gewaltherrschaft. Er findet jeweils zwei Sonntage vor dem ersten Advent statt und ist ein sogenannter stiller Feiertag. Mit Kranzniederlegungen und weiteren Veranstaltungen will man zur Versöhnung und Völkerverständigung beitragen. Vor öffentlichen Gebäuden wehen die Flaggen an diesem Tag auf halbmast.