Berlin Bildungsexperte erklärt: Wie eine Schule ohne Noten funktionieren kann
Es ist schon ein wenig schwer, es sich vorzustellen: Eine Schule ohne Noten. Björn Nölte macht sich für diese radikale Reform stark. Im Interview verrät er, wie die notenfreie Schule gelingen kann.
Was er fordert, ist radikal: Eine Schule, in der Schüler keine Noten mehr bekommen. Diesen Traum möchte Björn Nölte real machen. Darum hat der Berliner mit einigen Mitstreitern das Institut für zeitgemäße Prüfungskultur gegründet, das mittlerweile sogar Kultusministerien berät. Zudem hat der ehemalige Lehrer zu dem Thema zusammen mit Phillippe Wampfler das Buch „Eine Schule ohne Noten“ veröffentlicht.
Nachdem Nölte jahrzehntelang Deutsch, Politische Bildung und Geschichte unterrichtet hat, ist er mittlerweile hauptberuflich für die Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz tätig. Im Interview erklärt Nölte, wie eine Schule ohne Noten funktionieren kann:
Frage: Herr Nölte, Sie wollen Schulnoten komplett abschaffen. Wie kommen Sie auf so eine Idee?
Antwort: In der besten aller denkbaren Welten würde man darauf komplett verzichten. In meiner Zeit als Lehrer habe ich mitbekommen, dass Noten das Geschehen in der Schule maßgeblich bestimmen. Wenn man sich genauer damit beschäftigt, sieht man, dass Noten für viele Schüler eigentlich ziemlich schädlich sind. Aber nur mit ihrer Abschaffung ist es natürlich nicht getan. Zuerst muss sich die Lernkultur verändern.
Frage: Wodurch wollen Sie Noten ersetzen?
Antwort: Es ist auf jeden Fall nicht damit getan, dass man die Noten durch Smileys oder Sternchen ersetzt. Im Moment sind Noten vor allem gefragt, wenn man einen Ausbildungsabschnitt abgeschlossen hat und zum nächsten übergehen will. Von der Grundschule zur weiterführenden Schule und von der weiterführenden Schule in die Uni oder die Lehre zum Beispiel. Das klappt aber auch ohne Noten ganz gut. Das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam achtet zum Beispiel bei der Auswahl von Studierenden nicht auf den Notenschnitt und ist einer der begehrtesten Studienorte für Informatik in ganz Deutschland. Dort weiß man, dass der Notendurchschnitt relativ wenig aussagt. Viel wichtiger ist, ob die Kompetenzen zum Studiengang passen. Das wird mit einem Eignungstest festgestellt.
Frage: Gibt es nicht einen gewissen Wert darin, dass man unmissverständlich gespiegelt bekommt, wenn einem gewisse Bereiche nicht so gut liegen?
Antwort: Wie gut oder schlecht ein Schüler in einem Fach ist, ist aber so differenziert, dass man das nicht einer Ziffer angeben kann. Eine Drei in Geschichte gibt zum Beispiel keine Information darüber, wo meine Schwächen liegen. An unseren evangelischen Schulen versuchen wir zum Beispiel eine viel gezieltere Rückmeldung zu geben. Da können wir den Schülern dann genau sagen, in welchen Bereichen sie gut oder schlecht sind. Außerdem sind die Anforderungen ja in jedem Bundesland anders. Noten suggerieren also eine Vergleichbarkeit und Eindeutigkeit, die so ohnehin nicht vorhanden ist. Die Rückmeldung, die Sie fordern, ist also unbedingt nötig, aber Noten sind nicht der richtige Weg, das zu liefern.
Frage: In vielen Bundesländern sind Noten für ganz junge Schüler ja schon vielerorts abgeschafft. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?
Antwort: Hier in Berlin dürfen die Eltern in der dritten Klasse darüber abstimmen, ob Noten gegeben werden oder nicht. Eine ausführliche verbale Bewertung ermöglicht es den Eltern ganz anders, mit ihren Kindern über ihre Lernfortschritte zu sprechen. Je näher es an die Abschlussprüfung geht, desto schwieriger wird es natürlich, solche Maßnahmen zu etablieren, weil man natürlich den Ansprüchen dieser Prüfungen genügen muss. Aber prinzipiell sind solche Modelle auch in höheren Jahrgangsstufen anwendbar.
Frage: Sie haben angedeutet, dass es quasi einen Systemwechsel bräuchte, damit eine Schule ohne Noten funktioniert. Wie sähe das aus?
Antwort: Wir vom Institut für zeitgemäße Prüfungskultur beraten Schulministerien bei solchen Veränderungen. Etwa bei der Reformierung von Abschlussprüfungen. Das ist auch ein Signal für die Lernphasen vor diesen Prüfungen. Es muss darum gehen, dass mehr und nachhaltiger gelernt wird, anstatt nur den prüfungsrelevanten Stoff zu büffeln. Wo diese Ideen umgesetzt wurden, lässt sich sagen: Die Schüler leisten mehr und nicht weniger.
Frage: Haben Sie konkrete Beispiele aus dieser Beratungspraxis?
Antwort: Im Saarland wurde zum Beispiel eine neue Verordnung geschaffen, die offener mit Leistung umgeht. An die Abschlussprüfungen traut man sich dort noch nicht heran, aber dafür an die Klassenarbeiten auf dem Weg dahin. Man ist dort auf der Suche nach anderen Prüfungsformaten. So wird in Zukunft etwa mehr auf kollaborative Leistungen als auf Klassenarbeiten gesetzt.
Frage: Was heißt das konkret?
Antwort: Es werden weniger Klassenarbeiten geschrieben und dafür mehr Teamarbeit gemacht, die dann bewertet wird. Da muss ein gewisser Eigenanteil dabei sein.
Frage: Wenn auf Noten verzichtet wird, wird es aber doch für Außenstehende sicher schwerer, die Leistungen eines Schülers zu beurteilen. Das ist für Eltern, Universitäten und potenzielle Arbeitgeber dann doch komplizierter zu vergleichen?
Antwort: Nein. Das ist ja das Problem mit Noten. Diese Zahlen von eins bis sechs gaukeln eine gewisse Vergleichbarkeit vor. Schüler mit einem besonders strengen Lehrer haben zum Beispiel schlechtere Noten, als wenn dieser nachsichtiger ist. Und Eltern reden dann am Ende mit ihren Kindern über die Noten und nicht über die Lerninhalte. Das finden wir falsch, aber wer kann es ihnen verdenken? Studienplätze werden über die zweite Nachkommastelle des Notenschnitts vergeben und Kurse gewählt, die die besten Noten versprechen, auch wenn sie mit dem eigentlichen Studienziel nichts zu tun haben. Das sind schädliche Effekte, die wir in Kauf nehmen, obwohl es keinen Grund gibt, Schülerinnen und Schüler auf diese Art und Weise zu vergleichen. Wir müssen dafür sorgen, dass die geeignetsten Personen an die geeignetsten Studienplätze kommen. Das hat nur wenig mit Noten zu tun.
Frage: Kritiker dieser Ideen merken an, dass es bei offenen Bewertungsformen weniger Potenzial für Erfolgserlebnisse gibt und es schwerer zu spüren ist, wenn die Leistungen nicht ausreichend sind.
Antwort: Ich habe jahrzehntelang erlebt, dass Schüler einfach hingenommen haben, dass sie nun mal ein Vierer-Schüler in Mathe oder ein Fünfer-Schüler in Deutsch sind. In allen Fächern sind so viele unterschiedliche Kompetenzen gefragt, dass man gar nicht wirklich sagen kann, dass jemand in allen davon schlecht oder gut ist, und das schon gar nicht mit einer einzelnen Ziffer messen kann. Noten verhindern mit ihren Pauschalurteilen den differenzierten Blick auf die Fähigkeiten der Schüler.
Frage: Sie haben auch lange als Lehrer gearbeitet. Welche Praxiserfahrungen haben Sie mit diesen offeneren Bewertungsformen gesammelt?
Antwort: Bis 2020 habe ich Deutsch und Geschichte unterrichtet und die Methoden des „formativen Assessments“ angewandt. Dabei bekommen Schüler eine komplexe längerfristige Schreibarbeit. Während dieses Schreibprozesses gibt es mehrmals die Möglichkeit, sich Feedback einzuholen und das entstehende Produkt zu verbessern. Da wussten die Schüler am Ende ohne Noten auch ganz gut, wo sie standen. Die Klausuren mussten wir natürlich trotzdem schreiben, wie der Lehrplan sie vorsah. In einem meiner Oberstufenkurse ist die Durchschnittsnote dabei zum Beispiel von 9,7 auf 12,3 Punkte gestiegen.
Frage: Von einer Drei plus auf eine Zwei plus also. Kein Pappenstiel.
Antwort: Viel wichtiger ist mir aber der Reflexionsgewinn der Schüler. Die haben selbst gesagt, dass sie viel genauer erfahren haben, was sie gut können und was weniger gut klappt. Die Noten waren ihnen dann gar nicht mehr so wichtig und die Inhalte sind viel mehr in den Fokus gerückt.
Frage: Können Sie den Unterschied zwischen diesem formativen Assessment und einer herkömmlichen Klassenarbeit erklären?
Antwort: Bei einer Klassenarbeit habe ich eine Chance, die entsprechende Leistung zu bringen und dann ist sie entweder gut oder nicht. Beispielsweise ein Aufsatz über die Bismarck‘sche Außenpolitik. Beim formativen Assessment gebe ich den Aufsatz ab, bekomme Feedback und habe dann eine Chance, meinen Aufsatz zu verbessern. So habe ich mehrere Gelegenheiten, mich zu verbessern. Dieses Feedback während des Prozesses ist deutlich sinnvoller.
Frage: Sind diese Bewertungen positiver als klassische Noten?
Antwort: Es ist vor allem viel anschlussfähiger. Das Einzige, was eine Note kommuniziert, ist, ob die Leistung reicht oder nicht. Ein individuelles Feedback hilft sehr viel mehr dabei, Stärken auszubauen und Schwächen zu beseitigen.
Frage: Kann man mit diesem System denn ein ähnliches Erfolgserlebnis schaffen wie mit Noten?
Antwort: Mit der Note ist der Lernprozess ja abgeschlossen, weil sie notwendigerweise erst vergeben werden, wenn die Behandlung des Inhalts abgeschlossen ist. Gerade in der Oberstufe wird vor allem auf Note gelernt und das Abschließen des Projekts spielt nur eine untergeordnete Rolle. Viele Schüler, die nur ein notenbasiertes System kennen, sehen keine Alternative. Sie denken, dass sie sich ohne Noten keine Mühe geben würden. Schüler, die eine geringere Notenfixierung erlebt haben, sehen das aber ganz anders.