Bundesweiter Vorlesetag  Geschichten und Geborgenheit im Nieselregen

| | 17.11.2024 08:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Zum bundesweiten Vorlesetag besuchten die Kinder des Lese-Clubs der Buchhandlung am Wall den Waldkindergarten „Die Fliegenpilze“. Foto: Romuald Banik
Zum bundesweiten Vorlesetag besuchten die Kinder des Lese-Clubs der Buchhandlung am Wall den Waldkindergarten „Die Fliegenpilze“. Foto: Romuald Banik
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Vorlesen schafft Nähe, fördert die Kommunikation und beflügelt die Fantasie – gerade bei Kindern. Am bundesweiten Vorlesetag waren wir mit Vorlesern im Waldkindergarten zu Gast.

Aurich – Leichter Nieselregen fällt auf die Seiten des aufgeschlagenen Buches, die Buchstaben verschwimmen ein wenig. Während Lenis Augen über die Zeilen gleiten und sie die wilden Geschichten von Räubertochter Ronja vorliest, rückt Jannes noch ein Stückchen näher heran. Sein rechtes Ohr und auch der Rest von ihm sind ganz bei Leni und bei der Räubertochter. An diesem Tag kann man sie spüren, die Magie des Vorlesens, hier im Wald, auf dem Gelände des Waldkindergartens „Die Pfifferlinge“. Leni (11) ist Mitglied des Lese-Clubs der Auricher Buchhandlung am Wall und an diesem Vormittag mit Lucia (17), ebenfalls im Lese-Club, und der Buchhändlerin Katja Zimmer-Rapp in den Wald gekommen. Seit Jahren schon besteht diese Kooperation anlässlich des bundesweiten Vorlesetages.

Freude am Vorlesen nimmt wieder zu

Beim Vorlesetag machen die Initiatoren – unter anderem die Stiftung Lesen – auf die zentrale Bedeutung des Vorlesens für Kinder und die Gesellschaft aufmerksam. Durch Vorlesen lernten Kinder zum einen selbst leichter lesen und erhielten somit eine Grundfähigkeit für das gesamte (Bildungs-) Leben. Es stärke das Einfühlungsvermögen, lasse in andere Lebenswelten blicken, rege die Fantasie an und fördere den Umgang mit anderen. Dadurch lege Vorlesen den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft und ein verständnisvolles Miteinander. Nach einem Rückgang der Vorlesequote in den vergangenen Jahren, gehe es nun langsam bergauf.

Abtauchen in andere Welten: Beim Vorlesetag lauschten die Kinder des Waldkindergartens spannenden Geschichten. Foto: Romuald Banik
Abtauchen in andere Welten: Beim Vorlesetag lauschten die Kinder des Waldkindergartens spannenden Geschichten. Foto: Romuald Banik

Das zeigt der parallel erhobene Vorlese-Monitor. Derzeit lesen wieder ähnlich viele Eltern von ein- bis achtjährigen Kindern vor wie vor Beginn der Covid-19-Pandemie. Dennoch bekommt jedes dritte Kind nur selten oder gar nicht etwas vorgelesen. Auffällig war, dass bei ganz jungen Kindern im Vorkindergarten-Alter und bei den Kindern, die gerade selbst mit dem Lesenlernen beginnen, besonders selten vorgelesen wurde.

Buchhändlerin ist seit zehn Jahren aktiv in der Leseförderung

Eine Entwicklung, die auch Katja Zimmer-Rapp von der Buchhandlung am Wall in Aurich kennt. Seit mehr als zehn Jahren betreut sie in dem Geschäft in der Burgstraße die Kinder- und Jugendbuchabteilung und weiß, was das Besondere am Vorlesen ist. „Oft wird in vertrauter, gemütlicher Situation vorgelesen“, sagt sie. Ein Eindruck, den Lese-Kind Lucia bestätigt. „Ich erinnere mich an eine warme Decke auf dem Sofa oder im Bett, angekuschelt an Mama oder Papa und dann bin ich irgendwann immer eingeschlafen“, erinnert sich die heute 17-Jährige an die gemeinsamen Lesestunden mit ihren Eltern.

Buchhändlerin Katja Zimmer-Rapp macht sich seit mehr als zehn Jahren für das Vorlesen stark. Foto: Mieke Matthes
Buchhändlerin Katja Zimmer-Rapp macht sich seit mehr als zehn Jahren für das Vorlesen stark. Foto: Mieke Matthes

Das gemeinsame Anschauen und Betrachten von Büchern schafft Intimität und Gemeinschaft, ein Gefühl, das Kinder nicht vergessen. Heute gibt Lucia eben dieses Gefühl an die Kinder des Kindergartens weiter, liest Geschichten von Hasen und Igeln, von Superhunden und Katzen vor.

Kinder und Jugendliche für das Buch begeistern

Wenn Katja Zimmer-Rapp über das Vorlesen spricht, dann spürt man die Begeisterung und die Erfahrung. Kein Wunder, denn seit fast zehn Jahren bietet sie zum Welttag des Buches im April Buchvorstellungen für 5. und 6. Klassen an. Die Schüler kommen zu ihr in die Buchhandlung oder Zimmer-Rapp fährt zu ihnen an die Schulen, stellt Neuerscheinungen aus dem Kinder- und Jugendbuchbereich vor, liest Kapitel aus den Werken, kommt in Diskussion, spürt der Lese-Lust und dem Interesse der Jugendlichen nach. In diesem Jahr erreichte sie mit diesem Projekt fast 1000 Schüler aus Aurich und den umliegenden Gemeinden.

Geschichten für jeden Geschmack: In Buchhandlungen und Bibliotheken finden Leseratten und Vorleser jede Menge Material. Foto: Mieke Matthes
Geschichten für jeden Geschmack: In Buchhandlungen und Bibliotheken finden Leseratten und Vorleser jede Menge Material. Foto: Mieke Matthes

Einige von ihnen kann sie mit solchen Aktionen für ihren Lese-Club begeistern, ein Angebot, das sie ebenfalls seit fast zehn Jahren in der Buchhandlung durchführt. Kinder- und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren, so wie Lina und Lucia, treffen sich dabei einmal pro Monat in der gemütlichen oberen Etage der Buchhandlung. Sie sprechen über Bücher, die sie jüngst gelesen haben, nehmen neues Lesefutter mit, bestücken Schaufenster mit Lese-Tipps oder tüfteln an Gedichten für den lyrischen Pfad des Vereins Lesetoll.

So klappt es mit dem Vorlesen

Die Atmosphäre: Der Ort sollte gemütlich und einladend sein, so wie die Couch oder das Bett, ein Sessel oder ein Teppich mit vielen Kissen.

Die Vorlesezeit: Am besten klappt es, wenn die Kinder nicht zu aufgedreht sind.

Das Buch: Dem Alter und der Konzentrationsspanne des Kindes angepasst.

Die Stimme, Mimik und Gestik: Unterschiedliche Stimmen, Lautstärken und Gesten lassen die Geschichte lebendig werden.

Das Ritual: Findet das Vorlesen regelmäßig statt, wird es zu einem schönen gemeinsamen Moment.

Auch der bundesweite Vorlesetag hat seit Jahren einen festen Platz im Kalender des Leseclubs. Dabei lesen Jungen und Mädchen aus eigenen oder fremden Büchern vor – in diesem Jahr waren sie außer im Wald auch in der Pinguin-Kita und dem Sprachheilkindergarten zu Gast. „Das ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn Kinder Kindern vorlesen“, weiß Katja Zimmer-Rapp. Sie seien einfach näher dran, als Erwachsene.

Wortschatz erweitern, Fantasiewelten entdecken

Apropos Nähe. Die sei einer der Hauptaspekte beim Vorlesen, weiß die Buchhändlerin, und deswegen sei diese Aktivität bei Kindern auch so beliebt. Das Vertraute, die Nähe, das Kuschelige, welches eine Vorlese-Situation schaffe, mache es zu einer schönen Erfahrung. Gemeinsam könne man so ganz leicht abtauchen in die Fantasiewelten, komme manchmal über das Buch auch auf ganz andere Themen zu sprechen, öffne sich, käme ins Gespräch. Ganz nebenbei erweitere das Vorlesen zudem den Wortschatz der Kinder. „Sie hören die Worte, sehen die Buchstaben auf den Seiten, auch wenn sie sie noch nicht erkennen“, sagt Zimmer-Rapp. Für die Buchhändlerin sei das die beste Vorbereitung auf das spätere Lesenlernen, denn das „passiert nicht von allein“.

Dicht gedrängt und kuschlig: Beim gemeinsamen Lesen und Vorlesen spürt man Nähe und Vertrautheit. Foto: Romuald Banik
Dicht gedrängt und kuschlig: Beim gemeinsamen Lesen und Vorlesen spürt man Nähe und Vertrautheit. Foto: Romuald Banik

Den Einwand, dass man selbst nicht vorlesen könne, lässt Zimmer-Rapp nicht gelten. Vielmehr hat sie ein paar Tipps auf Lager, damit es mit dem Vorlesen auch klappt: „Am besten nimmt man erst einmal ein Buch, das man selber gerne mag, das ist dann schon die halbe Miete“, weiß sie. Denn das könne das Gegenüber spüren. „Dem Kind ist es außerdem total egal, ob man stockend oder flüssig, betont oder unbetont vorliest“, sagt Zimmer-Rapp. Und für diejenigen, denen das Lesen und Vorlesen schwer fällt, hat sie ebenfalls einen Tipp: „Es gibt inzwischen so wundervolle Bücher ohne Text. Bei denen erzählt man die Geschichte dann einfach über die Bilder - vielleicht sogar mit dem Kind zusammen“, sagt die Buchhändlerin.

Vorlesen vor großen Gruppen will gelernt sein

Zimmer-Rapp weiß, wovon sie spricht. Denn auch sie musste das Vorlesen erst ein bisschen lernen. Gut erinnert sie sich noch an eine besonders unangenehme Situation. Damals sollte sie einen romantischen Text bei einer Veranstaltung einer Schule vortragen. „Als ich anfing zu lesen, merkte ich, wie ich immer nervöser wurde und mir nach fünf Minuten die Stimme wegblieb“, erinnert sie sich. Der Kloß im Hals wurde immer dicker, sie musste gegen einen großen Widerstand ansprechen - ein unangenehmer Moment, den sie gemeinsam mit einer Logopädin aufarbeitete. Der Grund für den Stimmverlust war schnell gefunden: Nervosität und infolge ein verkrampfter Halsmuskel, der die Stimmbänder quetschte. Die Buchhändlerin atmete auf, eignete sich ein paar Strategien an und seitdem blieb die Stimme stets da, wo sie hingehört.

Im Waldkindergarten „Die Pfifferlinge“ versagt an diesem Vormittag bei niemandem die Stimme, höchstens vor Spannung, Konzentration und Faszination über die Magie der Geschichten. So ruhig wie beim gemeinsamen Schmökern am bundesweiten Vorlesetag ist es wohl selten in einem Kindergarten.

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