Sydney  Erneute Anhörung im Fall Simone Strobel: Wer hat die Deutsche in Australien getötet?

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 16.11.2024 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eine Unterstützerin umarmt Christina Strobel (links), die Schwester von Simone Strobel. Foto: dpa/Bianca De Marchi
Eine Unterstützerin umarmt Christina Strobel (links), die Schwester von Simone Strobel. Foto: dpa/Bianca De Marchi
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Fast 20 Jahre sind seit dem Tod der jungen Erzieherin Simone Strobel vergangen. Die deutsche Rucksacktouristin war im Februar 2005 in Australien ermordet worden. Wer sie getötet hat, ist bis heute nicht gelöst. Eine neue Anhörung sollte diese Woche Klärung bringen, warf jedoch mehr Fragen auf.

Simone Strobels Lieblingsgedicht ist auf einer Granitbank in einem Park in der Nähe des Zeltplatzes eingraviert, in dem die junge Rucksackreisende einst mit ihren Freunden abstieg. Nur wenige Schritte entfernt von hier wurde im Februar 2005 ihr nackter, lebloser Körper gefunden. Das tragische Schicksal der Erzieherin hat die Gemeinde Lismore, eine Kleinstadt über 700 Kilometer nördlich von Sydney, schwer erschüttert.

„Lismore wird Simone niemals vergessen“, schreibt eine Anwohnerin auf der Facebook-Seite der Gemeinde. Simone war erst 25 Jahre alt, eine der zahlreichen Backpacker, die nach Schule, Ausbildung oder Studium durch Australien reisen, bevor der Ernst des Lebens beginnt.

Langjährige Ermittlungen, eine Anklage, die später fallen gelassen wurde – nichts hat bisher zur Aufklärung des Verbrechens geführt, in dessen Zentrum seit Jahren der Ex-Freund der jungen Erzieherin steht.

Eine neue Anhörung versuchte diese Woche erneut, Licht in die Angelegenheit zu bringen – jedoch erneut ohne definitive Ergebnisse. Obwohl der zuständige Polizeibeamte Dave Mackie, der seit 2012 an dem Fall arbeitet, vor Gericht aussagte, dass er es für „wahrscheinlich“ halte, dass ihr damaliger Freund sie in einem Wohnwagen getötet habe.

Die nackte Leiche von Strobel war im Februar 2005 unter Palmwedeln hinter einem Sportplatz in Lismore entdeckt worden. Die junge Erzieherin aus dem Landkreis Würzburg hatte zum Zeitpunkt ihres Todes zusammen mit ihrem damaligen Freund, dessen Schwester und einem weiteren Freund auf einem Campingplatz in der Nähe übernachtet.

Die Gruppe soll einen feuchtfröhlichen Abend verbracht haben: Alkohol wurde getrunken, Cannabis geraucht. Irgendwann soll ein Streit zwischen Strobel und ihrem Freund ausgebrochen sein, kurz vor Mitternacht stürmte die junge Frau angeblich vom Zeltplatz in die dunkle Nacht.

So erzählen es ihre Freunde, die sie danach nicht wieder lebend sehen sollten. Noch in der Nacht wollen sie nach der jungen Frau gesucht haben – jedoch vergeblich. Als sie auch am nächsten Morgen nicht zurückkehrte, meldeten sie die Freundin als vermisst.

Sechs Tage durchkämmte die Polizei die Stadt, bis die Leiche der jungen Frau schließlich – nur etwa 90 Meter vom Campingplatz entfernt – entdeckt wurde. Eine eindeutige Todesursache konnte da schon nicht mehr festgestellt werden. 2007 kam ein Gerichtsmediziner aber zu dem Schluss, dass Strobel höchstwahrscheinlich mit einem Kissen oder einer Plastiktüte erstickt worden sei.

Zunächst sympathisierte die Bevölkerung mit den Freunden der Toten, sammelte sogar Geld, um den Rückflug nach Deutschland zu zahlen. Doch die Drei verstrickten sich in ihren Aussagen immer mehr in Widersprüche.

Vor allem der damalige Freund Strobels geriet ins Visier der australischen und deutschen Polizei, die den Fall ebenfalls untersuchte. „Strobel vom Freund erstickt‘“, „Die Freunde der toten Rucksacktouristin haben gelogen“, „Backpacker stritt sich mit seiner Freundin, bevor sie starb‘“, betitelte die australische Tageszeitung „Sydney Morning Herald“ Artikel zu dem Fall.

Der Freund der Deutschen galt über Jahre als tatverdächtig, obwohl er selbst stets seine Unschuld beteuerte. Eine Klage gegen den Deutschen, der inzwischen mit einer australischen Frau verheiratet ist und in Westaustralien lebt, wurde wegen mangelnder Beweise im letzten Jahr fallen gelassen und eine Entschädigungszahlung angeordnet.

Auch Mackie musste bei der erneuten Anhörung eingestehen, dass es weder DNA-Beweise noch ein Geständnis oder Fingerabdrücke gebe, die den Mann mit dem Tod seiner damaligen Freundin in Verbindung bringen würden.

Auch direkte Zeugen gibt es keine, auch wenn mehrere Personen berichteten, in der Nacht die Schreie einer Frau gehört zu haben. Die Schwester wie auch der weitere Freund streiten wie Strobels früherer Partner jede Beteiligung am Tod wie auch an der Entsorgung des Körpers der jungen Frau ab.

Die Polizei versuchte in den vergangenen Jahren mit verschiedensten Methoden, dem Deutschen ein Geständnis zu entlocken. Während der Anhörung kam heraus, dass – nachdem die Polizei im Jahr 2020 eine Belohnung von einer Million Australischen Dollar (rund 613.000 Euro) für Hinweise ausgesetzt hatte – eine Undercover-Beamtin namens „Sophie“ Kontakt mit dem Deutschen aufgenommen habe. Sie erzählte ihm, ihr Bruder habe Krebs und habe nur noch zwei Monate zu leben. Er wolle den Mord gestehen, damit seine Familie die Belohnung bekomme.

Strobels einstiger Freund erwiderte darauf, dass der Plan Strobels Familie keinen Frieden bringen und die Verantwortlichen weiterhin auf freiem Fuß lassen würde. „Es würde den Fall nicht lösen“, sagte er in dem aufgezeichneten Gespräch.

Mackie berichtete, dass mehrere solche verdeckte Operationen durchgeführt worden seien. Aus einigen dieser Aufzeichnungen sei jedoch ziemlich deutlich hervorgegangen, dass sich der Mann sehr bewusst darüber sei, dass diese Gespräche „wahrscheinlich aufgezeichnet werden würden“.

Gleichzeitig kam in der Anhörung zur Sprache, dass die Gegend „ein ziemlich gefährlicher Ort für eine Frau zu dieser Nachtzeit“ gewesen sei, und dass die erwiesenen Lügen der drei Deutschen die Ermittlungen in ihre Richtung beeinflusst hätten.

Einige der neuen Personen von polizeilichem Interesse sollen angeblich sogar zugegeben haben, sie getötet zu haben, darunter ein Mann, der der Polizei zuvor bekannt war. Dass die Anhörung nun jedoch zu einem endgültigen Ergebnis, einer offiziellen Schuldzuweisung oder auch einer Art „Absolution“ führen wird, scheint eher unwahrscheinlich. Und so wird Strobels tragisches Ende am anderen Ende der Welt vermutlich auch dann noch ungelöst bleiben, wenn es sich im Februar zum 20. Mal jährt.

Die Geschwister der Ermordeten – Christina und Alexander Strobel – die extra aus Deutschland angereist waren und auf Antworten hofften, reisen mit vielen offenen Fragen zurück in die Heimat.

Christine Strobel sagte bei der Anhörung am Freitag, dass der Tod ihrer Schwester das Leben ihrer Familie „auf radikalste Weise“ für immer verändert habe. „Meine Eltern wurden zu bloßen Schatten ihrer selbst und versanken immer tiefer in Verzweiflung“, sagte sie unter Tränen.

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