Stade/Hamburg  Vor ihren Augen erstochen: Wie eine junge Polizistin die Clan-Bluttat von Stade erlebte

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 14.11.2024 16:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Während beim Clan-Prozess im Landgericht eine Polizistin die entscheidende Minuten bei der Messertat in Stade schilderte, sperrten ihre Kollegen draußen abermals die Straßen ab. Foto: Tim Prahle
Während beim Clan-Prozess im Landgericht eine Polizistin die entscheidende Minuten bei der Messertat in Stade schilderte, sperrten ihre Kollegen draußen abermals die Straßen ab. Foto: Tim Prahle
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Eher zufällig gerät eine Streifenpolizistin mit ihren Kollegen in die Prügelei zweier Clan-Familien. Dann bekommt ein Mann vor ihren Augen ein Messer in den Kopf gerammt. So schildert sie die Ereignisse.

Mit festem Blick und klarer Stimme beantwortet die 36-jährige Polizistin die Fragen vor Gericht. Vorerst. Doch dann stellt der Richter die nächste Detail-Frage, will ganz genau wissen, was da wann an jenem Freitag im März in Stade geschah. Der Tag, an dem ein Konflikt zwischen den Clan-Familien Miri und El-Zein vollends eskalierte. Wo sie stand, als ein Mann vor ihren Augen ein Messer in den Kopf gerammt bekam und zusammenbrach?

Da fällt die sachlich-höfliche Fassade kurzzeitig zusammen, kurz ist die Beamtin den Tränen nah. „Ich weiß nicht, ob Sie so etwas schonmal gesehen haben, aber es war ganz schön krass und ich stand bestimmt Millisekunden mit offenem Mund da“, sagt sie mit brüchiger Stimme.

Nichts habe sie vom Täter gesehen, außer die Hand mit dem Messer, die plötzlich vor ihren Augen auftauchten und die Klinge in den Kopf ihres Gegenübers rammte.. Danach habe sie sich nur um das Opfer gekümmert. „Mein Gedanke war nur, ihm irgendwie zu sagen, dass Hilfe kommt. Ich war komplett auf ihn fixiert und mich hat gar nicht interessiert, wer da noch irgendwo hingelaufen ist.“

Es waren am Ende nur wenige Minuten, die die Polizeibeamtin so schnell nicht vergessen wird. Gerade erst war sie mit einem Kollegen und einer jungen Praktikantin zu einem Nachbarschaftsstreit gerufen worden. Dann hört sie über Funk, dass im „Altländer Viertel“, östlich der Innenstadt, jemand vor einem Hauseingang randaliert.

Die Polizisten machen sich auf den Weg und müssen dann jäh stoppen. Nahe einer kleinen Brücke hat es einen Unfall mit drei Fahrzeugen gegeben. Die Polizistin steuert das Polizeiauto dahinter, ist „komplett im Unfallaufnahmemodus“. Doch kaum ausgestiegen „brach die Hölle los” wie sie später bei einer Vernehmung sagen wird.

Mehrere Männer rennen zum Polizeifahrzeug, beginnen dort wie wild aufeinander einzuschlagen. Der Kollege der 36-Jährigen versucht, die Männer zu trennen, gleichzeitig kommen zwei weitere Polizisten –ebenfalls zufällig – dazu. Ob sie noch einen Funkspruch absetzen konnte, weiß die Zeugin gar nicht mehr. Auch nicht, wann die Praktikantin, eine Polizeioberschülerin, sich auf die Rückbank des Polizeiautos zurückgezogen hat. Nur, dass vor ihr plötzlich ein weiterer Mann steht, der offenbar ebenfalls bei der Schlägerei mitmischen will.

Daran will sie ihn wiederum hindern. Doch noch bevor sie ihn festhalten kann, tauchen die Hand und das Messer auf, geführt von jemandem, der sich im Rücken der Beamtin nähert. Vor ihren Augen wird dem Mann die Klinge in den Kopf gerammt und er bricht zusammen. Es werden noch ein paar weitere Minuten vergehen, in denen die Polizistin neben dem Opfer kniet und darauf achtet, dass zunächst niemand an ihn herantritt. 

„Komplett surreal“ sei alles gewesen. Wegen des Lärms muss sie in ihr Funkgerät brüllen, um die Rettungskräfte anzufordern und bleibt mit den Kollegen bis zum Ende ihrer Schicht am Tatort. Sie konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal wissen, dass sowohl der Randalierer im „Altländer Viertel“, als auch der absichtlich herbeigeführte Unfall und die Schlägerei Teile einer langen Kette an Clan-Auseinandersetzungen an diesem Tag sind. 

Außer Täter und Opfer dürfte niemand so nahe an der Bluttat gewesen sein, wie die Stader Polizeibeamtin. Seit dem Anfang November läuft vor dem Landgericht Stade der Mordprozess gegen ein Mitglied der Miri-Familie, das den 35 Jahre alten Mann aus dem El-Zein-Clan umgebracht haben soll. 

Am zweiten Prozesstag ist auch der Angeklagte das erste Mal zu hören. Vor Gericht aussagen will er nicht, doch das Video seiner Haftprüfung dürfe gezeigt werden. Dort schildert der 34-jährige Familienvater den Tag aus seiner Sicht. Den Preiskampf, den sich die Familien eine Zeit lang mit ihren Shisha-Läden lieferten, den Angriff der El-Zeins auf das Shisha-Geschäft der Miris. Die Randale im „Altländer Viertel“. Und vor allem die Tat selbst, die er unter Tränen einräumt. „Krokodilstränen“, wird der Bruder des Opfers und Nebenkläger danach sagen. Er glaubt dem Angeklagten das Schauspiel nicht.

Laut dem Angeklagten war er „wie in Trance“, als er sah, wie mehrere Männer auf der Brücke auf seinen eigenen Bruder einschlugen. Er habe das Messer genommen, sei einfach in Richtung Getümmel. Er und das Opfer hätten sich noch angesehen, dann stach er zu und floh. Messer seien eigentlich gar nicht so seins, schluchzt der Angeklagte im Video weiter. Er sei im Nachgang auch überzeugt gewesen, dass er mit dem Tod des 35-Jährigen nichts zu tun habe.

Er hat gedacht, ihm in die Schulter gestochen zu haben, bekräftigt er. Während die Mutter des Angeklagten im Besucherraum – durch Justizbeamte von den anderen vielen Angehörigen des Opfers abgeschirmt – schluchzt, grinst der Nebenkläger weiter. Wohl wegen des aus seiner Sicht unwürdigen Schauspiels. Er selbst war bei der Prügelei dabei, wird womöglich auch noch als Zeuge aussagen müssen.

Das Gericht wird an den kommenden Verhandlungstagen klären müssen, wie viel von der Version des Angeklagten stimmt – und ob das reicht, um vom Mord-Vorwurf der Staatsanwaltschaft abzusehen. Für die 36 Jahre alte Polizeibeamtin ist der Prozess nach mehr als einer Stunde vorbei. Erschöpft und erleichtert verlässt sie den Saal.

Wie die Männer aus dem Clan-Milieu eigentlich reagiert haben, als da plötzlich die Polizei vor ihnen steht, will der Vorsitzende noch wissen. „Weder positiv noch negativ“, sagt die Polizistin. Man habe sie und die Kollegen erst gar nicht richtig wahrgenommen. „Es war, als wären wir gar nicht von der Polizei.“

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