Osnabrück Ich mag Bücher ohne Filter: Plädoyer gegen die Flut der Trigger-Warnungen
Trigger-Warnungen nehmen Überhand. In vielen Büchern finden sich inzwischen Warnhinweise. Aber was soll Literatur noch sein, wenn vor ihren Inhalten ständig gewarnt wird?
Wie geht der Roman aus? Natürlich mit einem Happy End. Schade, jetzt hat Ali Hazelwood schon alles verraten. Und schiebt vor dem Text ihres Buches gleich noch nach: „Aber es spielen darin auch einige ernste Themen eine Rolle und ich wollte Euch vorwarnen, damit ihr wisst, was Euch erwartet.“ Musste das sein? „Not in Love. Die trügerische Seite der Liebe“, so lautet der Titel des Buches. Ich lege es gleich zur Seite.
Sicher, dieses Genre von Romanen ist ohnehin nicht meine Sache. Aber Hinweise auf angeblich belastende Inhalte oder Motive eines Romans finde ich überhaupt vollkommen unangebracht. Sie verleiden mir die Lektüre. Vor Literatur möchte ich nicht gewarnt werden. Ich möchte sie erfahren. Ich mag Bücher – am liebsten ohne Filter.
Dabei sind Trigger-Warnungen groß in Mode. Das zitierte Buch von Ali Hazelwood gehört zum Genre der New Adult-Literatur. Bei diesen Büchern für die Lesergruppe junger Erwachsener zwischen 18 und 25 Jahren geht um erste Liebe, echte oder falsche Freunde oder um Feinde, die zu Liebespartnern werden. Emotion pur, möchte man sagen. Und Trigger-Warnungen in fast jedem Buch.
Was ich seltsam finde: Warum wird vor starken Gefühlen gewarnt, wenn es doch um nichts Anderes gehen soll und Leser doch genau die in einem Buch suchen? Das betrifft übrigens nicht allein die Romane für die Zielgruppe New Adult. Wahre Literatur führt immer wieder in die Ausnahmemomente des Lebens.
Dabei nehme ich den Begriff Trigger schon ernst. Er kommt aus der Trauma-Therapie und bezeichnet Reize, die eine erneute traumatische Erfahrung auslösen können. Mir scheint der Begriff allerdings so inflationär verwendet zu werden wie das Wort Trauma selbst. Wenn aber jede Störung gleich als traumatisierend bezeichnet wird, schwindet die Aufmerksamkeit für wirklich belastende Erfahrungen.
Einen anderen Punkt finde ich noch wichtiger. Literatur ist Literatur – und nicht das Leben selbst. Literatur ermöglicht es doch gerade, sich mitten in Gefühlsexplosionen oder Gefahrenlagen zu begeben, ohne sie am eigenen Leibe – und der eigenen Seele – erfahren zu müssen. Literatur rückt auf Distanz, was als reale Erfahrung bedrängt. Das ist eine ihrer Stärken.
Genau deshalb sage ich mir beim Lesen immer wieder: Das Leben ist schön! Und verstehe diejenigen nicht, die vor einem Text warnen, anstatt die Erfahrungsräume zu betreten, die er eröffnet. Über das, was einem bei der Lektüre begegnet, lässt sich dann ja immer noch reden.
Ich finde es seltsam genug, dass inzwischen vor ungefähr allem gewarnt wird, was die große Literatur zu bieten hat, von William Shakespeares Dramen bis zu Otfried Preußlers Kinderbüchern. Wann mündet Trigger-Warnung in eine neue Zensur? Die Frage lohnt das Nachdenken.
Wenn es um Literatur geht, triggert mich übrigens nur eines – das Buch aufzuschlagen und lesend eine Welt zu betreten, die ich ohne den Text wahrscheinlich niemals kennengelernt hätte.