Hamburg  Prozess in Stade: Späteres Mordopfer erfuhr durch Polizeifunk von Clan-Attacke

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 13.11.2024 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der erste Prozesstag am Landgericht in Stade wurde von zahlreichen Polizisten begleitet. Foto: Tim Prahle
Der erste Prozesstag am Landgericht in Stade wurde von zahlreichen Polizisten begleitet. Foto: Tim Prahle
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Während der Stader Mordprozess in die nächste Runde geht, werden neue Details zu der entscheidenden Clan-Auseinandersetzung bekannt. Das spätere Mordopfer wurde offenbar bei einer Polizeikontrolle über die Auseinandersetzung der beiden Familien informiert.

Erst ein Preiskampf zwischen zwei Clan-Familien, dann Randale, am Ende ist ein 35-Jähriger, der dem El-Zein-Clan zugerechnet wird, tot. Ein Messer wurde ihm in den Kopf gerammt. Der mutmaßliche Mörder: Ein Mitglied aus dem rivalisierenden Miri-Clan. So viel war bereits vor dem Mordprozess in Stade klar. Doch die penibel zusammengestellt Klageschrift hält weitere Details bereit, was in der Kleinstadt an jenem Freitag im Frühjahr genau passiert ist.

Allerdings setzt die auf Clan-Kriminalität spezialisierte Schwerpunktstaatsanwaltschaft Stade noch ein paar Monate früher an, 38 Kilometer Luftlinie von Stade entfernt. Im Herbst 2023 wurden Mitglieder des El-Zein-Clans bereits in Buchholz in der Nordheide angegriffen. Sie hatten offenbar einen Shisha-Laden in der 40.000-Einwohner-Stadt nördlich der Lüneburger Heide eröffnet. Dem dortigen „Platzhirsch“ passte das nicht.

Im Oktober wurden die neuen Betreiber bei einer Auseinandersetzung teilweise schwer verletzt. Unter den Angreifern sollen auch Mitglieder der Miri-Familie gewesen sein, heißt es von der Staatsanwaltschaft knapp ein Jahr später beim Prozess. Die Familien riefen einen Imam nach Buchholz, nach eigenem Gutdünken wurde Frieden geschlossen.

Eine Ouvertüre und ein Frieden, der nur kurz hielt: Ein Post der Miri-Familie auf Instagram brachte neuen Zündstoff. Sie kündigte an, das Angebot eines Geschäftes für Sportbekleidung zu erweitern. Mit Shisha-Pfeifen, Vapes und Tabak. Eine Retourkutsche? In Stade hatte der El-Zein-Clan bis dato einen wohl gut laufenden Shisha-Laden.

Monatelang tobte ein legaler Preiskampf, bis die Situation an jenem Freitag im März eskalierte. Der Bruder des späteren Mordopfers, der im Prozess auch als Nebenkläger auftreten wird, und ein Miri-Vertreter beschimpfen sich zunächst gegenseitig in Sprachnachrichten. Dann laufen Mitglieder der El-Zeins vor dem Sportgeschäft auf, Shisha-Pfeifen fliegen, Scheiben gehen zu Bruch. Die Angreifer ziehen beim ersten Klang einer sich nähernden Polizeisirene wieder ab. Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Miri-Angehörige sinnen wohl auf Rache, suchen die Wohnung des späteren Opfers auf, wie es in der Anklage weiter heißt. Der 35-Jährige ist gar nicht zu Hause, randaliert wird dennoch. Der später Getötete ist beim Shisha-Laden der El-Zeins, weil dort die Polizei vor der Tür steht. Ob wegen der vorangegangenen Randale oder aus anderen Gründen geht aus der Anklageschrift nicht genau hervor.

Was die Staatsanwältin jedoch am ersten Prozesstag bereits ausführte: Im Gespräch mit den Polizisten hört er über den Polizeifunk von der Randale an seiner Wohnadresse – und macht sich auf den Weg dahin. Auch deshalb wird er wohl später am Tatort, einer Brücke, die zur Innenstadt führt, auftauchen. Dorthin hat sich die Auseinandersetzung mittlerweile verlagert. Mehrere Mitglieder beider Familien sind involviert. Und hier war es auch, wo der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft zugestochen hat.

Diesen Mittwoch ist der zweite Verhandlungstag für den aufsehenerregenden Prozess angesetzt. Ein Fall, der Stade über die Grenzen Norddeutschland hinaus zu unrühmlicher Bekanntheit verhalf. Geplant sind unter anderem erste Zeugenanhörungen. Beim Auftakt waren Dutzende Angehörige des El-Zein-Clans zum Gericht gekommen. Der Angeklagte ließ durch seinen Verteidiger angeben, sich erst einmal nicht äußern zu wollen.

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