Berlin  Zwischen Todesangst und Freiheitsdrang: So lebt Clan-Aussteigerin Latife Arab

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 12.11.2024 17:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Neun Jahre lang lebte Latife Arab weitgehend unentdeckt von ihrer Familie in Berlin Foto: Tim Prahle
Neun Jahre lang lebte Latife Arab weitgehend unentdeckt von ihrer Familie in Berlin Foto: Tim Prahle
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Mit ihrem Ausstieg aus einer bekannten Clan-Familie wollte Latife Arab anderen Frauen Mut machen. Doch nach einem brutalen Angriff steht sie erneut vor dem Nichts. Über ein Leben in ständiger Todesangst.

Nachdenklich starrt sie auf die Milchschaumreste in ihrer kleinen Kaffeetasse. „Wie es mir geht?“, wiederholt Latife Arab die Frage, deren Einfachheit sie offenbar überrascht. Es sei alles ein bisschen anstrengend gerade. Die zierliche Frau kurdischer Abstammung ist auffällig unauffällig gekleidet. Turnschuhe, Jeans, Wollpullover. Nur die mehrfarbige, etwas abgewetzte Jacke ist ein Blickfänger. In irgendeiner Rolle habe Bruce Willis mal so eine getragen, sagt Latife Arab, ein seltenes Lächeln blitzt hervor.

Schnell legt sich wieder eine schmale Sorgenfalte auf die Stirn. Vor wenigen Wochen musste sie wegen der psychischen Belastung ihren Bürojob aufgeben, Ehrenämter, etwa als Dolmetscherin in der Flüchtlingsunterkunft, schafft sie nicht mehr. Am liebsten hält sie sich draußen auf. Doch aktuell traut sie sich da kaum noch hin. Sie wurde verprügelt und mit Benzin übergossen. Die Vorstellung, bei lebendigem Leib angezündet zu werden, verfolgt sie: Nach dem erneuten Angriff durch Familienmitglieder im September ist die Furcht größer geworden als ihr Freiheitsdrang.

Ihre ersten 28 Jahre erlebte Latife Arab vor allem eines: Unfreiheit und ständige Gewalt. Erst bei ihren Eltern, dann ab dem 19. Lebensjahr bei ihrem Ehemann. Nach der Zwangsverheiratung war es vor allem die ständige Kontrolle, die der Deutsch-Kurdin zu schaffen machte. Latife Arab ist nicht ihr echter Name. Mit ihrem Buch „Ein Menschenleben zählt nichts“ wurde die Clan-Aussteigerin unter dem Pseudonym deutschlandweit bekannt. Schonungslos schildert sie darin die Brutalität und die Verachtung für den Staat in ihrer Familie, die zu einem berüchtigten Clan gehört.

Ging sie einkaufen, wurde das Geld vorher genau abgezählt, Arztbesuche waren nur dann möglich, wenn schon viele andere Frauen aus der Familie dorthin gingen und die Familie mit dem Mediziner einverstanden war. In der Schule stand sie unter ständiger Beobachtung der eigenen Cousinen. Wohl kein Wunder, dass der heute 44-Jährigen ihre hart erkämpfte Freiheit besonders wichtig ist.

Als eine entfernte Cousine wegen ihrer westlichen Lebensweise ermordet wurde, nahm die damals 28-Jährige Reißaus. Aus Angst wurde Todesangst, der Wunsch, selbstbestimmt leben zu können, immer größer. Nach ihrer Flucht vor der Familie hielt sich Latife Arab zunächst immer wieder in Frauenhäusern auf. Dort hatte sie das erste Mal wirklich Kontakt zu Deutschen und fing an, die Sprache zu lernen. Holte der Clan „die Abtrünnige“ zurück, behielt Latife Arab dieses erste kleine Stück Freiheit bei sich.

Im Supermarkt, an der Kasse oder auch im Kindergarten beim Abholen der Kinder: Kurze Gespräche mit Kassierern und anderen Eltern waren endlich möglich. Sie habe „Deutschland heimlich kennengelernt”, sagt sie. 23 Jahre, nachdem sie mit der Familie aus dem Libanon ins Ruhrgebiet gekommen war.

2010 folgte dann der endgültige Absprung – und so etwas wie ihr zweites Leben. Ständige Umzüge mit drei Kindern, ein deutscher Lebenspartner an ihrer Seite. Schon das ein Affront für ihre Familie: Nach deutschem Recht ist Latife Arab von ihrem ersten Mann geschieden, der sie regelmäßig schlug und missbrauchte. Für die drei gemeinsamen Kinder habe er sich erst nach ihrer Flucht interessiert – regelmäßig musste sie ihrem Peiniger auf Vermittlung des Jugendamts wieder begegnen, erzählt sie. Obwohl sie sich auch vor ihm versteckte, hatten die Behörden dem Vater ein Besuchsrecht eingeräumt. Nicht nur deshalb hat die Frau noch immer wenig Vertrauen zu deutschen Behörden.

Dem neuen Lebenspartner habe die Familie dann ebenfalls das Leben schwer gemacht. „Sie haben ihn terrorisiert, bedroht, alles getan, damit er sich verzieht. Aber er war konsequent und ließ sich nicht einschüchtern.“ Was ihm zugutekam: „Er hat sich aus allem herausgehalten, sich nicht für die Familie interessiert und wurde damit als ungefährlich eingeschätzt.“ Das „deutsche Kind“, der gemeinsame Sohn von der Aussteigerin und ihrem neuen Lebenspartner, sei dem Clan glücklicherweise von Beginn an egal gewesen.

Latife Arab hat mittlerweile die türkische Staatsbürgerschaft abgelegt, ebenso ihr Kopftuch und ihren islamischen Glauben. Für sie persönlich waren das alles kleine Befreiungsschläge, ehe 2024 mit der Veröffentlichung ihres Insider-Buches der ganz große folgte. Wenngleich sie dadurch neuen Hass des Clans auf sich zog.

Ihre drei mittlerweile erwachsenen Kinder aus erster Ehe (zwei Töchter, ein Sohn) hätten wiederum einen ganz unterschiedlichen Umgang mit der Clan-Familie gehabt. Besonders für den Sohn sei die Distanzierung schwierig gewesen, sagt die Mutter heute: „Als Junge hatte er einen ganz anderen Bezug zur Familie.“ Doch vor rund zwei Jahren habe er den Kontakt zum Clan dann komplett abgebrochen. Auch sie selbst habe nur noch wenig Kontakt zu ihrem Kind. „Das ist schon okay.“

Der Sohn hat einen Schlussstrich gezogen, zu dem seine Mutter lange nicht fähig war. Trotz Flucht und Verfolgung hatte sie „über Ecken“ immer Kontakt zu Familienmitgliedern. Als ältestes Kind von zehn Geschwistern sei ihr das auch wichtig gewesen. „Jeder Mensch hat eine Sehnsucht nach der Familie und der Herkunft.“

Es ist ein schwieriger Spagat: Auch für die Zukunft ihrer Kinder hat sie ihre alte Familie verlassen. Dennoch könne deren ganz normales jugendliches Verhalten schnell zum Sicherheitsrisiko werden. So sei sie längst nicht immer damit einverstanden, was die Töchter in sozialen Netzwerken zeigen und teilen. „Aber ich kann und will ihnen auch nicht verbieten, da unterwegs zu sein.“

Das Gefühl der Unfreiheit, das die Mutter durchweg begleitet, soll sich auf die Kinder nicht übertragen. „Mir war wichtig, ihnen ein möglichst normales Leben zu geben. Und heute bin ich stolz darauf, was sie machen.“ Sie stockt. Was genau die Kinder machen, erzählt sie lieber nicht. Alle Informationen wollen immer sorgsam abgewogen werden. Nur so viel: „Wären wir noch in der Familie, wären sie wohl kriminell geworden“, sagt sie.

Knapp neun Jahre wohnte Latife Arab ohne größere Zwischenfälle in der Metropole – nachdem sie 2015 überfallen und liegengelassen in einem Waldstück beinahe gestorben wäre. Sie verdiente endlich ihr eigenes Geld, engagierte sich ehrenamtlich im Pflegeheim, übersetzte in Flüchtlingsunterkünften und begleitete die Menschen bei Behördengängen. „Mir war es immer wichtig, meine Freiheit wirklich zu nutzen.“

Doch jetzt der erneute Rückschlag. Nach dem brutalen Angriff vor einigen Wochen sah sich Latife Arab gezwungen, zu Hause auszuziehen. Aktuell ist sie nach eigenen Angaben in einer Schutzwohnung außerhalb der Hauptstadt untergetaucht, trifft den Partner und die Kinder nur noch an öffentlichen Orten.

Die Angst ist zurückgekehrt, begleitet die Clan-Aussteigerin wieder ständig. Die Straße, an der ihre Angreifer ihr im Herbst auflauerten, war Teil ihrer Joggingstrecke. Ein Leben in Freiheit scheint wieder in unerreichbare Ferne gerückt. Dennoch ist Latife Arab entschlossen, sich davon wieder etwas zurückzuholen. Stück für Stück.

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