Hamburg Was die SPD jetzt braucht – und noch nicht wahrhaben will
Verteidigungsminister Boris Pistorius führt seit Monaten die Beliebtheitsskala an, obwohl er scheinbar unpopuläre Dinge sagt. Dabei müsste die SPD jetzt mehr Pistorius wagen, um ihre traditionelle Wählerklientel zurückzugewinnen.
Wenn die SPD bei der nächsten Bundestagswahl noch einen Blumentopf gewinnen will, dann mit Leuten wie Boris Pistorius. Obwohl es Verteidigungsminister traditionell schwer haben im Amt, führt er seit Monaten die Liste der beliebtesten Politiker an – das muss man erst einmal schaffen. Wie er das macht? Er sagt den Leuten, was ist. Das sind oft keine guten Nachrichten: Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden ist so ein Pistorius-Satz. Er flog ihm aus der Parteilinken umgehend um die Ohren – seiner Beliebtheit geschadet hat er nicht. Pistorius bedient – wie übrigens auch Lars Klingbeil – die gute, alte SPD-Klientel, die sich zuletzt immer weniger wiederfand in ihrer Partei. Aber wer sind diese Leute?
Die SPD hat immer dann Wahlen gewonnen, wenn ihre Kandidaten nah am Bürger waren. Man kann das an plakativen, praktischen Dingen festmachen: Aufstieg durch Bildung hilft. Currywurst essen ohne schlechtes Gewissen (Schröder) auch. Abfällige Bemerkungen über Pinot Grigio für fünf Euro (Steinbrück) schaden – ebenso wie eine allzu starke Fokussierung auf identitätspolitische Themen.
Übersetzt in Politik bedeutet das: Die SPD-Klientel überzeugt, wer eine gesunde Mischung aus sozialpolitischer Verantwortung für die Schwachen und der Belohnung von Leistung hinbekommt. Wer wirtschafts- und innenpolitische Stabilität garantiert. Auch gegen eine starke Bundeswehr haben viel weniger Genossen etwas einzuwenden als ein Rolf Mützenich denken mag – sie leben nämlich gern in Sicherheit vor Bedrohungen von außen.
Kurzum: Vernunft, Realismus und Verantwortung sind die Zutaten für eine gelungene Wahl. Das trauen die Bürger Pistorius zu. Den schon in der letzten Scholz-Kampagne versprochenen Respekt setzen sie ohnehin voraus.