Hamburg/Osnabrück  Hunderte Kinder erhalten keinen Platz: Warum katholische Schulen so beliebt sind

Marie Busse, Raphael Steffen
|
Von Marie Busse, Raphael Steffen
| 09.11.2024 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Katholische Schulen erfreuen sich großer Beliebtheit. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Katholische Schulen erfreuen sich großer Beliebtheit. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Artikel teilen:

Die Kirchenbänke bleiben leer, während sich die Klassenzimmer füllen: Die Plätze an den Schulen sind so begehrt, dass hunderte Schüler keinen Platz bekommen. Wie passt das zusammen?

Die katholische Kirche verliert Jahr für Jahr hunderttausende Mitglieder, katholische Schulen erfreuen sich hingegen großer Beliebtheit. Die Kirche ist nach dem Staat der größte Schulträger. In Deutschland besuchen rund 360.000 Kinder und Jugendliche eine der mehr als 900 katholischen Schulen.

Und es könnten sogar noch mehr sein: Im Bistum Osnabrück etwa können die Schulen die Nachfrage gar nicht bedienen. Mehr als 700 Kinder erhielten dieses Jahr Absagen für einen Schulplatz, teilt die Schulstiftung des Bistums mit. In anderen norddeutschen Bistümern zeichnet sich eine ähnlich hohe Nachfrage ab: So hat sich die Zahl der Fünftklässler an katholischen Schulen in Hamburg um 27 Prozent erhöht.

Warum sind die Schulen so beliebt? Für die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) ist die Sache klar: „An katholischen Schulen steht das christliche Menschenbild im Mittelpunkt. Es geht nicht ausschließlich um Wissensvermittlung, sondern auch um die Vermittlung und das Leben von Werten“, sagt die Bundesvorsitzende Anne Embser im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Lehrkräfte hätten sich daher bewusst für diese Schulen entschieden. „Sie sehen nicht nur die Schüler, sondern fördern die Kinder insgesamt und stehen ihnen in schwierigen Situationen bei“, sagt sie.

Das sieht auch Thomas Weßler von der Schulstiftung im Bistum Osnabrück so: „Niemand soll bei uns durchs Raster fallen.“

Die Lehrkräfte bestätigen diesen Ansatz: „Viele Eltern schätzen das Menschenbild, das an diesen Schulen vermittelt wird. Es geht darum, den ganzen Menschen in den Blick zu nehmen – nicht nur das kognitive Lernen“, sagt Marcus Hoffmann, Vorsitzender des Bundesverbands katholischer Religionslehrer an Gymnasien. „Dieser Ansatz, der auf Respekt und einer christlichen Wertehaltung beruht, ist für viele Eltern auch dann attraktiv, wenn sie selbst keine enge Bindung mehr zur Kirche haben.“

Die Lehrereinstellung ist ein wesentlicher Unterschied zu öffentlichen Schulen. Diese melden ihren Lehrerbedarf beim Staat an und die Länder regeln die Einstellung. Lehrer können zwar ihre Wunschschulen mitteilen, aber es gibt keine Garantie, dass sie dort eine Stelle bekommen. An katholischen Schulen hingegen bewerben sich die Lehrer ohne diesen Umweg und die Schulleitung sucht die besten Bewerber aus.

Das ist nicht der einzige Unterschied: An katholischen Schulen gibt es regelmäßig Gottesdienste und in einigen Bundesländern werden Schulgeld und Kosten für den Transport fällig. Trotz religiöser Rituale und den Kosten sind die Schulen aber längst nicht nur für katholische Familien attraktiv. Evangelische, muslimische, jüdische und konfessionslose Schüler lernen dort. „An den Schulen wird Toleranz gelebt und sie haben einen guten Ruf. Das macht sie für Familien mit ganz unterschiedlichen Hintergründen attraktiv“, sagt KED-Vorsitzende Embser.

Die Missbrauchsskandale, die immer neue Austrittswellen in der Kirche auslösen, haben den Schulen bislang nicht geschadet. Für Winfried Verburg, langjähriger Chef der Schulstiftung Osnabrück und Vorstandsmitglied in der KED, liegt die Erklärung auf der Hand. Die Schulen agierten an der Basis – weit weg von der Institution und könnten so schneller reagieren.

„Die Schulen sind seit jeher darauf angewiesen, ein attraktives Angebot in der Region zu schaffen. Sie verändern sich ständig, um das passende Angebot zu schaffen“, sagt Verburg. Eltern vertrauten den Schulen, so Verburg, auch, weil es eine katholische Schule – das Canisius-Kolleg in Berlin – gewesen sei, an der 2010 Fälle sexualisierter Gewalt öffentlich gemacht worden seien; damit sei ein Prozess in Gang gesetzt worden, die bitter nötigen Änderungen des Umgangs mit Betroffenen und Tätern in der katholischen Kirche anzugehen.

Engagierte Lehrkräfte, ein christliches Menschenbild und kirchliche Basisarbeit – ist das das Erfolgsrezept für katholische Schulen? Nicht ganz, denn der Staat spielt bei der Finanzierung der Schulen und der Bezahlung der Lehrkräfte eine wichtige Rolle. Weitere kleinere Säulen sind Eigenmittel der Kirchen und Spenden sowie das Schulgeld.

Durch die ausbleibende Kirchensteuer infolge sinkender Mitgliederzahlen sind Schulplätze trotz hoher Nachfrage bedroht. „In Bremen, wo der Bedarf an katholischen Schulen enorm ist, mussten zum Beispiel schon Plätze aus finanziellen Gründen abgebaut werden“, sagt Verburg. An anderen Standorten müssten Schulen Schulgeld einführen oder anheben.

Der Elternverband sieht den Staat in der Pflicht: „Die Schulen übernehmen staatlichen Aufgaben und müssen dafür die gleiche Finanzierung erhalten wie öffentliche Schulen, auch weil die Eltern als Steuerzahler das gesamte Schulwesen mitfinanzieren,“ sagt Verburg. 

Das Bistum Osnabrück, in finanzielle Schieflage geraten, will seinen Schulen in den nächsten Jahren fast die Hälfte der Zuschüsse kürzen. Stiftungsvorstand Weßler setzt deswegen auf eine staatliche Kompensation. Von Schulschließungen ist jedenfalls nicht die Rede: An Standorten mit weniger Nachfrage, wie etwa dem Mariengymnasium im emsländischen Papenburg, das lange ein reines Mädchengymnasium war, habe man reagiert. Mittlerweile dürfen auch Jungen die Schule besuchen – und der Standort sei insofern gesichert, teilt die Schulstiftung mit.

Ähnliche Artikel