Totschlagprozess in Aurich  Bruder der erstochenen Frau macht sich Vorwürfe

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 08.11.2024 11:04 Uhr | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein 32-jähriger Norder – hier mit Verteidiger Folkert Adler – steht wegen Totschlags vor Gericht. Foto: Archiv/Banik
Ein 32-jähriger Norder – hier mit Verteidiger Folkert Adler – steht wegen Totschlags vor Gericht. Foto: Archiv/Banik
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Die Nachbarn und der Bruder einer gewaltsam getöteten Hagerin haben vor Gericht als Zeugen ausgesagt. Der Bruder der 65-Jährigen macht sich Vorwürfe.

Aurich/Hage - Im Prozess um den gewaltsamen Tod einer 65-Jährigen in Hage sind am Donnerstag, 7. November 2024, vor dem Landgericht Aurich Nachbarn und der Bruder der Getöteten als Zeugen vernommen worden. Eine 56-jährige Freundin der Frau sagte, der Angeklagte habe sich ihr gegenüber nach dem Tattag anders verhalten als zuvor: „Er hat geblockt, war kurz angebunden.“ Gegenüber der Polizei hatte die Zeugin angegeben: „Ich glaube, dass er mehr weiß, als er sagt.“

Die 65-jährige Bewohnerin eines Reihenmittelhauses in Hage wurde am 21. oder 22. Januar 2024 mit elf Messerstichen umgebracht. Auf der Anklagebank sitzt ein 32-jähriger Norder, der an paranoider Schizophrenie leidet. Er stammt aus dem Obdachlosenmilieu und wohnte von Sommer bis Oktober 2023 übergangsweise bei der Getöteten. Danach übernachtete er noch gelegentlich bei ihr in seinem ehemaligen Zimmer im Obergeschoss. Der Angeklagte bestreitet den Tatvorwurf. DNA-Spuren weisen darauf hin, dass er sich am Tatort aufgehalten hat.

Gesundheitlich ging es abwärts

Die 56-jährige Zeugin wohnt seit mehr als 25 Jahren in derselben Straße wie die Getötete. Sie hatte sie beim Hundeausführen kennengelernt. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft. „Als ich gemerkt habe, dass sie nicht genügend zum Leben hat, habe ich sie mitversorgt“, sagte die Hagerin. Sie hätten auch über ihre Probleme gesprochen. Gesundheitlich sei es bei der 65-Jährigen abwärts gegangen, seit ihr Hund gestorben sei. Die starke Raucherin habe nicht mehr vernünftig Luft bekommen. Weil sie schlecht gehen konnte, habe sie ihr einen Rollator besorgt.

Den angeklagten Norder kannte sie: „Er war freundlich, nett, zuvorkommend.“ Ob die 65-Jährige von Ärger mit ihm erzählt habe, wollte der Vorsitzende Richter Björn Raap wissen. „Nein, sie war total zufrieden, dass er bei ihr wohnt. Und dass er sie mit Essen versorgt und etwas bezahlt“, antwortete die Zeugin.

„Mann das ist ja eine Scheiße“

Vor der Tat habe sie die 65-Jährige 14 Tage lang nicht gesehen. Am Montag nach dem Vorfall habe sie die Polizei wahrgenommen – „instinktiv war mir klar, dass es um die 65-Jährige ging“. Sie habe den Norder angeschrieben, aber er habe erst zwei Tage später per Sprachnachricht geantwortet. „Mann, das ist ja eine Scheiße. Als ich das gehört hab, hat es mich ein Stück umgehauen“, hieß es darin. Weiter erklärte er in dem Chat, er habe von der Polizei gehört, dass die Frau ermordet worden sei. Da sei doch nichts zu holen gewesen. Er wisse gar nicht, wann er sie das letzte Mal gesehen habe. Sein Fahrrad – ein graues Mountainbike mit zerfleddertem Sattel, „eigentlich Schrott“ – war der Zeugin schon am Sonntagvormittag aufgefallen, als es vor dem Haus gestanden habe. „Ich habe mich schon gewundert, dass er schon so früh bei ihr war“, erklärte sie.

Eine weitere Freundin, die die Frau zuletzt eine oder zwei Wochen vor ihrem Tod gesehen hatte, erklärte, sie sei damals über den neuen Mitbewohner „ein bisschen schockiert“ gewesen. Die 65-Jährige habe damals gesagt: „Der wohnt hier, bis seine Wohnung fertig ist.“ „Aber die hatten kein Verhältnis. Sie waren Freunde“, stellte die Zeugin klar. Im Januar habe der Angeklagte dort nicht mehr gewohnt.

„Ein ehrlicher Charakter“

Stress zwischen den beiden habe es nicht gegeben. „Das hätte sie mir erzählt“, ist die 40-jährige Hagerin überzeugt. Die 65-jährige beschrieb sie auf Nachfrage des Verteidigers Folkert Adler als „einen ehrlichen Charakter, nicht sehr diplomatisch“. Sie sei sehr, sehr ungepflegt gewesen und habe „oberflächlich verletzend“ sein können. Nach dem Auszug des Norders habe sie nicht mehr über ihn gesprochen – „er war kein Thema mehr“.

Der Bruder der Getöteten war ab Mitte Januar dabei, das hintere Haus zu renovieren. Der 64-jährige Hamburger und seine Schwester konnten nicht gut miteinander, wie er einräumte. Den Angeklagten habe er im Herbst 2023 erstmals gesehen. Einmal habe er ihm beim Öffnen der Garage geholfen und einen „sehr normalen“ Eindruck gemacht, danach habe er ihn nicht mehr gesehen. Eigentlich habe er den Bekannten seiner Schwester kennenlernen wollen, weil er in seinem Haus ein- und ausgegangen sei. Der Bruder hatte das Reihenmittelhaus an seine Schwester vermietet.

Vor ihrem Haus war Blut

Seine Schwester habe er am Samstagvormittag, 20. Januar 2024, zuletzt getroffen. „Wir haben normal, aber distanziert gesprochen“, sagte er. Es sei darum gegangen, dass sie immer bei den Renovierungsarbeiten hereingeplatzt sei und die Leute von der Arbeit abgehalten habe. Sonntagmorgen sei ihm aufgefallen, „dass vor ihrem Haus etwas Blut war und die Katzenklappe nicht in Ordnung war“. Er sei davon ausgegangen, dass die Katze die Klappe kaputtgemacht und sich verletzt habe. „Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht“, sagte er. „Ich mache mir den Vorwurf, dass ich nicht reagiert habe.“

Der Nachbar auf der Vorderseite hatte keinen engen Kontakt zu der Getöteten. „Wir waren nicht dicke“, sagte der 57-Jährige. Am Tat-Wochenende sei er nicht zu Hause gewesen. Das Opfer – eine schwierige, zurückgezogene Person – habe öfters mal Mitbewohner gehabt.

Der Prozess wird am 12. November 2024 um 9 Uhr in Saal 003 mit vier Zeugen aus dem Freundeskreis des Angeklagten fortgesetzt.

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