Flucht nach Aurich  „Heimweh werde ich immer haben“

| | 06.11.2024 12:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Integration über Engagement und Sprache: Hawazen Khouri flüchtete mit ihren beiden Töchtern aus Syrien und fand in Aurich eine neue Heimat. Foto: Mieke Matthes
Integration über Engagement und Sprache: Hawazen Khouri flüchtete mit ihren beiden Töchtern aus Syrien und fand in Aurich eine neue Heimat. Foto: Mieke Matthes
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Drei Menschen aus Syrien haben uns ihre Fluchtgeschichte erzählt und davon, wie sie in Aurich Halt und ein neues Leben fanden. Intensiv, offen und sehr persönlich.

Aurich - Sie flohen vor Bomben und Bedrohung und suchten Sicherheit und Frieden für sich und ihre Lieben. Hawazen Khouri, Nesrin Khalil und Muath Alkahamiz kamen im Zuge der großen Flüchtlingswelle vor einigen Jahren aus Syrien nach Aurich. Inzwischen haben sie sich hier eine Zukunft aufgebaut, Ausbildungen gemacht, Familien gegründet. Trotz allem erinnern sie sich auch heute noch mehr als deutlich an den Moment, in dem ihre Flucht begann und sich ihr Leben für immer änderte.

Hawazen Khouri, Damaskus/Syrien

Hawazen Khouri sucht Schutz und Sicherheit, als sie während des Bürgerkriegs in Syrien erst innerhalb des Landes und später über nach Europa flieht. An einem ganz normalen Morgen war der Krieg in den Alltag der kleinen Familie eingebrochen. Kurz zuvor hatte Hawazen ein Haus in Damaskus gekauft, arbeitete als private Englischlehrerin und Übersetzerin. Ihre Töchter besuchten die Schule. „Meine Kinder sind morgens aus dem Haus gegangen und warteten draußen auf den Bus zur Schule“, erinnert sich Hawazen. Plötzlich seien die Mädchen zurückgekommen. „Mama draußen ist ein komischer Onkel, der sagt wir sollen wieder reingehen“, hätten ihre Töchter gesagt. Hawazen blickt aus der Haustür, sieht Militär und Panzer die Straße entlangrollen. Der Beginn einer einmonatigen Ausgangssperre.

Flucht aus Angst um ihre zwei Teenager-Töchter

Hawazens Vater rät ihr nach Latakia zu ziehen. Dort sei es ruhiger. Die junge Mutter lässt alles zurück - Möbel, Kleidung, Erinnerungsstücke. Knapp fünf Jahre wird sie in Latakia bleiben, nur einmal in dieser Zeit noch zurückkehren nach Damaskus, um nach ihrem geliebten Haus zu schauen. Als sie sich durch die Sicherheitsposten gekämpft hat, bietet sich ihr ein schreckliches Bild. „Auf der Straße lagen Leichen, manchmal auch nur ein Kopf“, erzählt sie. In der Mietwohnung in Latakia geht das Leben derweil weiter und die Mädchen zur Schule. Drumherum verschärft sich der Konflikt im Land, die Spannungen, auch die religiösen, nehmen zu. „Ich hatte als Christin enorme Angst um meine Mädchen“, erinnert sie sich. Ihre Töchter Zaen und Haneen sind damals 13 und 14 Jahre alt. Der Beschluss das Land zu verlassen nimmt Form an.

Verschleiert und mit verstecktem Schmuck auf der Flucht in die Türkei

Hawazens Flucht beginnt mit dem Anruf eines Schleusers morgens um 6 Uhr. „Die Stimme am Telefon sagte: Wir sind da, kommt raus, es geht los“, erinnert sie sich. Wer dort draußen auf sie und ihre Töchter wartet, weiß die alleinerziehende Mutter zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Schleuser bringt sie zunächst nach Idlib, 20 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt und damals eine Hochburg der Islamisten. Um nicht aufzufallen, müssen die Christin und ihre Töchter sich vollverschleiern, eine Burka tragen. Vor allem für die bislang liberal aufgewachsenen Kinder im Teenageralter eine Herausforderung.

Für die weitere Flucht näht Hawazen ihre Kette mit dem christlichen Kreuz-Symbol in den BH ein, auch das Geld und die Papiere trägt sie stets am Körper. Von Idlib geht es zu Fuß über die Grenze. Auch Hawazen gelingt es erst beim zweiten Versuch in die Türkei zu gelangen, sie berichtet von Stunden voller Angst - um sich und ihre Töchter. Von der Türkei geht es weiter nach Griechenland, wo ihr Lebensgefährte auf sie wartet, der bereits drei Jahre zuvor die Flucht nach Deutschland gewagt hat. Er organisiert die Weiterreise. Ende August, nach drei Monaten auf der Flucht, landen Hawazen und ihre Töchter in Deutschland, in Sicherheit.

Als Sprachmittlerin hilft Hawazen Flüchtlingen und bildet sich fort

Für die Englischlehrerin geht es kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland mit den Sprachkursen los. Schnell macht sie Fortschritte, lässt sich auch von der Coronapandemie nicht ausbremsen. Als die Kurse pandemiebedingt pausieren, lernt sie autodidaktisch zuhause weiter. Diese Zielstrebigkeit zahlt sich aus. Im Jahr 2021 erhält die zweifache Mutter einen Anruf mit einem Jobangebot beim Jobcenter Aurich. Seitdem ist sie als Sprachmittlerin tätig und betreut die Sprach- und Integrationskurse.

Parallel stapeln sich auf ihrem Esstisch derzeit dicke Ordner mit Gesetzestexten. Hawazen macht neben dem Job eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten. Die gebürtige Syrerin ist augenscheinlich angekommen, hat ihr Leben im Griff und im Blick. Vermisst sie ihre Heimat? „Heimweh werde ich immer haben“, sagt sie. Und Thema sei die Situation in der Region rund um Syrien eh täglich. Der Bruder ihres Lebensgefährten lebt in Beirut, einem der aktuellen Krisenherde im Konflikt Israels und der Hisbollah. Angst und Sorgen um das eigene Leben und das ihrer Kinder hat Hawazen in Syrien zurück gelassen, aber sie leben weiter mit ihr. Das ist etwas, das immer bleiben wird.

Gemeinsam mit ihrem Mohammed flüchtete Nesrin vor dem Bürgerkrieg in Syrien. In Aurich haben sie sich ein neues Leben aufgebaut. Foto: Privat
Gemeinsam mit ihrem Mohammed flüchtete Nesrin vor dem Bürgerkrieg in Syrien. In Aurich haben sie sich ein neues Leben aufgebaut. Foto: Privat

Nesrin Khalil, 39 Jahre, Hadadd/Syrien

Nesrin Khalil kann sich genau an den Moment erinnern, der ihr Leben, so wie sie es bislang in Syrien geführt hatte, beendete. Am 14. April 2013 fällt in ihrem Heimatort Haddad eine Bombe. Mitten am Tag, als sie gerade ihre Klasse in der dortigen Schule unterrichtet. Der Einschlag tötet zehn Menschen, darunter Nesrins fünfjährigen Neffen. Sie versuchen den schwerverletzten Jungen noch ins Krankenhaus zu bringen. Er überlebt die einstündige Fahrt nicht. „Da floss viel Blut aus ihm heraus“, erinnert sich die heute 39-Jährige und blickt auf ihre Hände. Das Erlebte hat sich ins Gedächtnis eingebrannt. Nach diesem Tag verlässt die gesamte Familie den Ort, sucht Schutz in Dänemark und der Schweiz. Nesrins Eltern bleiben in Syrien, ziehen um in eine andere Stadt.

Mit Baby und Mann zu Fuß über die Grenze zur Türkei

Für Nesrin hingegen steht im Sommer 2013 fest: Sie, ihre siebenmonatige Tochter Leraz und ihr Mann Mohammed müssen raus aus Syrien. Nicht nur die Bombe auf ihr Heimatdorf, auch der offene Protest ihres Ehemannes gegen das Assad-Regime, machen das Bleiben für die kleine Familie gefährlich. In Qamischli, einer Stadt in Grenznähe, bereiten sie sich vor. „Ich habe eine Tasche mit den wichtigsten Dingen für unser Baby und den Dokumenten getragen, mein Mann trug Leraz vor der Brust“, erinnert sich Nesrin. Als es dunkel wird, laufen sie los, gemeinsam mit rund 90 anderen Menschen auf der Flucht geht es durch unwegsames Gelände Richtung Türkei. „Meine Tochter hat nicht geweint, war ganz ruhig“, erzählt Nesrin. Als hätte das Kind gespürt, dass sie unentdeckt bleiben müssten.

Ein Sehnsuchtsort: Nesrins Heimatdorf Haddad vor der Bombardierung und ihrer Flucht. Foto: Privat
Ein Sehnsuchtsort: Nesrins Heimatdorf Haddad vor der Bombardierung und ihrer Flucht. Foto: Privat

Dennoch scheitert der erste Versuch, Grenzpolizisten erwischen die Gruppe. Nesrin verliert ihre Tasche, findet sie später wieder. Die Bekleidung fehlt, die Dokumente sind noch da. Die drei unternehmen einen zweiten Versuch, schaffen es in die Türkei, dann über die Balkanroute bis nach Großefehn, wo ein Bruder Mohammeds lebt. Für Nesrin bedeutet dieser 29. Dezember 2013 den Beginn eines neuen Lebens, der zugleich ein schwerer Abschied ist. Ihre Eltern bleiben in Syrien zurück - sie wird sie über zehn Jahre bis zu ihrem Tod vor einigen Monaten nicht wiedersehen. Eine schmerzhafte Erinnerung.

Beruflicher Neuanfang und soziale Integration sind wichtig

Für die heute 39-Jährige war die Deutsche Sprache eine Herausforderung und ist es immer noch. „Ich spreche kein gutes Deutsch“, sagt sie von sich selbst. Aber Nesrin ist ehrgeizig und bleibt dran. Als Lehrerin – so wie in ihrer Heimat – kann sie in Deutschland nach der Flucht nicht arbeiten. Nach der Geburt ihres dritten Kindes beginnt sie eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin in der Montessori-Kita und dem Katholischen Kindergarten Aurich. Dort findet sie in den Leitungen Jana Holz und Tina Hardy und ihrer Berufsschullehrerin Astrid Müller-Eschen vertrauensvolle und motivierende Unterstützer. Sie schließt ihre Ausbildung ab, arbeitet seitdem in einer städtischen Kindertagesstätte. Das Thema Integration ist Nesrin wichtig. „Deutschland hat uns die Tür geöffnet, wir sind hier nicht nur zu Besuch“, sagt sie. Sie findet es wichtig, dass Geflüchtete die Sprache lernen, arbeiten gehen und so zur Gemeinschaft beitragen.

Als 17-Jähriger kam Muath Alkhamis nach Ostfriesland. Hier lebt er nun gemeinsam mit seiner Frau Sara und dem zweijährigen Sohn Ahmed. Foto: Privat
Als 17-Jähriger kam Muath Alkhamis nach Ostfriesland. Hier lebt er nun gemeinsam mit seiner Frau Sara und dem zweijährigen Sohn Ahmed. Foto: Privat

Muath Alkhamis, 27 Jahre, Damaskus/Syrien

Eine Nacht im Juli 2014 ändert für den damals 17-jährigen Muath Alkhamis aus der Nähe von Damaskus alles. Seit Tagen ist das Heimatdorf des Syrers von Polizisten umstellt, es gibt kein Wasser, keinen Strom, stattdessen eine Ausgangssperre. Muath und seine Familie warten. Warten darauf, dass etwas passiert. Sie hören Schüsse und in der Ferne Detonationen. Dann beginnt die Räumung des Dorfes und mit ihr die Verhaftungen. Schließlich klopfen die Sicherheitskräfte auch an die Tür von Muaths Elternhaus. Alle männlichen Bewohner, die älter als 15 Jahre alt sind, sollen sich an die Wand stellen. Der Teenager fühlt eine tiefe Angst, als er neben seinen Brüdern und dem Vater steht. „Ich wusste nicht, ob sie gleich zu uns sagen, dass wir uns umdrehen sollen und dann...“ Muath macht die Geste für eine Schusswaffe. Die Polizisten sammeln die Ausweise ein, checken die Daten per Laptop. Dann verlassen sie das Haus. Niemand wird verhaftet. Zurück bleiben Furcht und Verunsicherung. Nach dieser Sommernacht beschließt die Familie: „Wir müssen gehen.“

Flucht über das Drehkreuz Aleppo

Gemeinsam mit seiner Mutter und zwei Brüdern geht es für den 17-Jährigen vom Heimatort aus nach Aleppo, Vater und Schwester bleiben vorerst zurück, kommen später nach Deutschland nach. Aleppo gilt in diesen Tagen als Sprungbrett in die Türkei. Muath und seine Familie finden ein Auto, das sie mitnimmt. „Das war gar kein Problem, überall auf den Straßen wurde das angeboten“, erinnert sich der heute 27-Jährige. Von der Türkei aus geht es für die Geflüchteten zu Fuß, mit dem Auto und dem Schiff über Mazedonien, Bosnien und Ungarn bis nach Deutschland. Zwei seiner Brüder leben bereits damals seit Jahren in dem Land, in dem sich Muath und seine Eltern Sicherheit für die Familie wünschen. Ihr Wunsch nach einer Unterkunft in der Nähe von Wolfsburg, nah bei ihrem Verwandten, erfüllt sich nur bedingt. Sie landen in Aurich, rund drei Stunden Autofahrt von der Autostadt entfernt.

Deutschlernen im Alleingang und Familiengründung mit Frau Sara

Seine erste Zeit in Ostfriesland beschreibt Muath rückwirkend als „sehr schwer“. Der 17-Jährige spricht die Sprache nicht, hat wenig Kontakt zu Deutschen, kann ohne Ausweispapiere nicht arbeiten. Ein Zustand, der den jungen Mann hilflos macht. In Syrien hatte er kurz zuvor die Schule abgeschlossen, seine letzte Abiturprüfung geschrieben, sein Studium geplant. „Politik hätte ich mir gut vorstellen können“, erinnert er sich. Bis er einen Platz in einem Sprachkurs erhält, lernt er online. „Die deutsche Sprache zu lernen war sehr schwer, vor allem die Grammatik“, erinnert er sich.

Der Kontakt mit deutschen Kollegen und Freunden macht ihm den Spracherwerb leichter. Heute spricht Muath fließend Deutsch mit leichtem Akzent, nur ab und an fehlen ihm ein paar Vokabeln. Dann wird schnell gegoogelt. Das Thema Sprache ist ihm wichtig. Auch für seine Frau Sara, die er im Jahr 2021 aus Syrien nach Aurich holt. So lange sie sich um den zweijährigen Sohn Ahmed kümmert, kann sie keinen Sprachkurs machen. Stattdessen klebt Muath kleine Zettel mit deutschen Wörtern an Kühlschrank, Sofa und Tisch. Vokabeln lernen für Saras Neustart in Deutschland. Einen Neustart, den Muath, der als Fachkraft für Schutz und Sicherheit auf den Campingplätzen in Bensersiel und Neuharlingersiel arbeitet, geschafft hat.

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