Den Haag Vier AKWs in zehn Jahren: Den Niederlanden kann der Atomausbau nicht schnell genug gehen
Günstiger, umweltfreundlicher Strom, der die Niederlande in der Energieversorgung unabhängig macht: In Den Haag kann es den Atomkraftbefürwortern der Opposition nicht schnell genug gehen mit dem Atomausbau. Dabei hat die Regierung längst ambitionierte Pläne vorgelegt.
In ihrem Regierungsprogramm hat die seit Juni amtierende neue rechtskonservative Haager Regierung unter Leitung des parteilosen Premierministers Dick Schoof festgeschrieben, dass in den Niederlanden vier neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Die bestehende Kernzentrale in Borssele soll weiterhin am Netz bleiben, sodass in den Niederlanden künftig fünf Kernkraftwerke für preiswerten und umweltfreundlichen Strom sorgen sollen.
Hier liegt das Atomkraftwerk in Borssele:
Nun machen die rechtsliberale Regierungspartei VVD und die christdemokratische Oppositionspartei CDA gemeinsam Druck auf Premierminster Schoof. Sie bündeln ihre Kräfte und fordern, dass das Kabinett-Schoof den Neubau der geplanten Kernreaktoren beschleunigt. Sie sollen spätestens ab 2035, aber wenn möglich, noch früher ans Netz und preiswerten und umweltfreundlichen Strom liefern.
Das fordern der CDA-Fraktionsvorsitzende Henri Bontenbal und der VVD-Abgeordnete Silvio Erkens. Sie präsentierten der VVD-Umwelt- und Klima-Ministerin Sophie Hermans am Montag in Den Haag einen „Beschleunigungsplan zum Ausbau der Kernenerige.“
Die Politiker Bontenbal und Erkens plädieren zudem für die Förderung neuer Initiativen durch eine „nukleare Industriepolitik“ und Investitionen in Forschung und Innovationen in den Ausbau der Atomkraft. Die Niederlande sollten sich in Sachen Kernenergie in einer „europäischen Spitzengruppe“ positionieren. Sie besteht aus Frankreich, Schweden, Polen, Tschechien.
Frankreich, das rund 80 Prozent seines Stroms mit Kernkraft produziert, investiert bereits eine Milliarde Euro zusätzlich in Innovationen der Kernkraft. Frankreich, Schweden, Polen und Tschechien haben das Ziel, sogenannte SMR-Kernkraftwerke Anfang der 2030er-Jahre in Betrieb zu nehmen. In diese Gruppe sollen sich die Niederlande einreihen, heißt es seitens Bontenbal und Erkens.
SMR steht für „Small Modular Reactors“ (dt. „kleine modulare Reaktoren“). Sie werden auch als „Miniatomkraftwerke“ bezeichnet, weil sie viel kleiner als herkömmliche Reaktoren sind. Befürworter der Technologie führen ins Feld, dass die kleineren Reaktoren sicherer seien als klassische Kernkraftwerke, da sie weniger radioaktives Material beinhalten, und günstiger seien. Die kleinen Mini-Kernkraftwerke könnten in Industrieclustern CO₂-freien Strom erzeugen, sodass Unternehmen schneller „grün“ werden und die Klimaziele erreichen können, so die Befürworter der SMR-Kernkrafttechnologie.
Das deutsche Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung weist darauf hin, dass es mehrere SMRs braucht, um ein die Leistung eines Atomkraftwerks zu ersetzen.
Der amerikansiche Chemieriese Dow Chemical Company, nach der deutschen BASF das zweitgrößte Chemieunternehmen der Welt, ist bereit, den Ausbau der Kernenergie in Holland zu unterstützen. Das erklärt das Unternehmen in einer Stellungnahme gegenüber der Zeitung „De Telegraaf“. „Dow betrachtet Kernenergie, insbesondere die Technologie fortschrittlicher kleiner modularer Reaktoren, als eine vielversprechende Quelle für nachhaltige Energie mit niedrigen CO₂-Emissionen. Das formt eine Basis für eine starke Industrie in den Niederlanden. Sollte die niederländische Regierung eine Machbarkeitsstudie zu den Möglichkeiten von SMRs in den Niederlanden einleiten, wären wir bereit, diese zu unterstützen,“ so Dow in seiner Erklärung. Der US-Chemieriese Dow betreibt in Terneuzen, Dordrecht und Delfzijl drei große Chemiefabriken in den Niederlanden.
Auch in der Provinz Zeeland will man einen schnelleren und weiteren Ausbau der Kernenergie.
„In Zeeland steigt die Frustration über die bisherige Entscheidungslosigkeit des Kabinetts in Sachen Kernenerige. Im Bereich kleiner Kernkraftwerke (SMRs) erwarte ich deutlich mehr Ehrgeiz von der Regierung. Mit unserem Plan wollen wir den Druck auf die Regierung erhöhen,“ so CDA-Chef Bontenbal in aller Deutlichkeit.
Der VVD-Abgeordnete Silvio Erkens stimmt dem zu. „Parteien, die die Kernenergie ignorieren und deren enormen Wert noch immer nicht erkennen, stecken den Kopf in den Sand. Ohne Kernenergie können wir kein zuverlässiges und sauberes Energiesystem aufbauen. Die Niederlande müssen nun Mut zeigen und auf SMRs und eine SMR-Industrie im eigenen Land setzen. Das sorgt nicht nur für eine bezahlbare Energierechnung für Unternehmen und für Verbraucher, es sorgt auch für mehr Energieunabhängigkeit, es schafft mehr Arbeitsplätze und kreiert Wirtschaftswachstum,“ so Erkens.
Die Europäische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt, dass die ersten SMR-Kernkraftwerke in Europa bis 2030 betriebsbereit sein sollen.