Von Aurich in die weite Welt Tigersafari, Leben im Dachzelt und Housesitting in Australien
Seit 18 Monaten reisen Janna und Thomas Mildenberger durch die Welt. Was sie auf ihren Reisen erlebt haben und ob sie an eine Rückkehr in die Heimat denken.
Aurich - Die Zoom-Verbindung steht. Auf dem Bildschirm erscheinen Janna Mildenberger und ihr Mann Thomas. Schwarzes T-Shirt, schwarzer Hoodie, entspannt, laid back, wie man so schön sagt. Die beiden sitzen am Tisch in der Küche einer kleinen Farm im australischen Outback, auf die sie derzeit aufpassen, während die Eigentümer unterwegs sind. House- oder Farmsitting nennt man das. Der Ort Brookton liegt rund 117 Kilometer entfernt von Perth, bis Aurich sind es 14.093 Kilometer.
Die beiden Weltreisenden fühlen sich wohl in der 900-Seelen-Gemeinde. Janna hat hier im Supermarkt gejobbt, nach einigen Wochen kennt man sich im Dorf, grüßt sich. Irgendwie ein bisschen wie in Aurich, der Heimatstadt von Janna. Aufgewachsen unter ihrem Mädchennamen Walter im Ortsteil Kirchdorf mit nach eigenen Worten „viel Land und Tieren drumherum“, zog es die heute 30-Jährige nach dem Abitur an der IGS zum Studium nach Bielefeld. Dort traf sie Thomas, es war Liebe, der Rest ist Geschichte - und zwar eine wirklich spannende. Janna und Thomas sind vor 18 Monaten aufgebrochen, um die Welt zu erkunden, Abenteuer zu erleben. Ein Traum, den wohl viele schon mal geträumt haben, aber nur selten umsetzen. Janna träumte diesen Traum auch nicht. Bis sie Thomas traf.
Nur der Jahresurlaub reichte den Weltenbummlern nicht
„Ich bin früher nie aus Ostfriesland herausgekommen“, erinnert sich die Auricherin nun am anderen Ende der Welt sitzend. Ihr Vater habe immer gesagt, man lebe schließlich dort, wo andere Urlaub machten. Thomas hingegen reiste bereits mit seinen Eltern und Freunden durch Europa, das Entdecken anderer Länder gehörte für ihn zum Leben dazu. Aber erst gemeinsam mit Janna, als Paar, wuchs in beiden der Gedanke, man müsste sich einfach mehr ansehen, mit mehr Zeit und mehr Blick für das Leben der Menschen und die Natur. Das Paar, beide in festen Jobs als Entwicklungsingenieur und Projektmanagerin, verlängerte zunächst seine Jahresurlaube, reiste nach Asien und Südafrika.
„Das reichte uns aber nicht, wir wollten länger weg und zum Beispiel wissen, wie es ist, direkt am Meer zu leben“, erinnert sich Janna. Anfang 2020 entstand die Idee auf Weltreise zu gehen. Dann kam Corona und bremste das Paar aus. Rückblickend gar nicht schlecht, denn „so konnten wir noch ein bisschen mehr Geld für unser Projekt auf die Seite legen“, sagt Janna. Nach der Pandemie begannen die beiden, ihre gemeinsame Wohnung aufzulösen, verkauften das Auto, heirateten kurz vor der Abreise. „Das war richtig schön, die Geschenke zur Hochzeit drehten sich alle um unsere Reise“, erinnert sich Janna.
Indische Hochzeit und Gastfreundschaft pur
Wie haben Familie und Freunde auf ihre Pläne reagiert? „Ich habe meinen Eltern unsere geplante Reiseroute im Atlas gezeigt“, erzählt Thomas. Sein Vater habe, während er mit dem Finger über die Karte gefahren sei, verwundert gefragt, ob das denn innerhalb eines Jahres zu schaffen sei. Dass Thomas und Janna schon damals eher mit drei Jahren Auszeit planten, wussten die Eltern noch nicht. Inzwischen sind die Weltenbummler 18 Monate unterwegs, haben viel erlebt und viel gesehen.
Sie surften auf den Wellen Sri Lankas und fuhren mit einem Mini-Camper durch das winterliche Japan. Sie standen im Morgengrauen vor dem indischen Taj Mahal und reisten mit dem Dachzelt durch Tasmanien. In Indien gerieten sie in eine indische Hochzeitsgesellschaft, als sie nur kurz Wasser holen wollten. „Wir waren völlig underdressed mit schlabberigen T-Shirts, aber auf der Hochzeit waren wir die Stars“, lacht Janna. Die beiden Backpacker wurden auf die Bühne geholt und mit dem Brautpaar fotografiert. Es gab echtes indisches Essen und Wasser aus Bottichen. „Das Essen war superscharf und wir wussten nicht genau, wo das Wasser herkommt und ob das wirklich gesund ist“, sagt Thomas. Neue Erfahrungen in der Fremde. Das Essen blieb ohne Folgen, stattdessen bleibt die Erinnerung an ein unglaublich gastfreundliches Land.
Das Gefühl von Freiheit, Mut und Vertrauen erleben
Offenheit und Gastfreundschaft erlebten Janna und Thomas auch in Taiwan. Die beiden wollten per Autostopp durch ein Land reisen, das das Prinzip des Trampens gar nicht kennt. Dennoch wurden sie mitgenommen und erlebten eine Überraschung: „Der Fahrer hat uns anderthalb Stunden in eine Richtung gefahren, in die er selber gar nicht musste“, erinnert sich Thomas. Auf ein anderes Verkehrsmittel setzten die beiden in Nordvietnam. Auf geliehenen Motorrädern und nur mit dem nötigsten Gepäck reisten sie auf eigene Faust durch das asiatische Land. „Das war ein wahnsinniges Freiheitsgefühl und hat uns Mut und Vertrauen gegeben“, erzählt Janna. Dem teils gewöhnungsbedürftigen Verkehr passte sich das Paar schnell an und kam unbeschadet ans Ziel. „Das darf man einfach nicht mit Deutschland vergleichen, man muss einfach mit dem Verkehrsstrom schwimmen und nicht zu langsam fahren“, so Thomas.
In Deutschland, dem Land ihrer Heimat, waren sie seit der Abreise im Jahr 2023 nicht mehr. „Die ersten acht Monate hatte ich richtiges Heimweh“, erinnert sich Janna. Man habe eben viel verpasst: Hochzeiten, Geburtstage, Feiertage. Die Clique trifft sich ohne sie, das Leben in Bielefeld, Aurich und Thomas Heimat Düsseldorf ging und geht weiter. Sie halten Kontakt - per Whatsapp und Videotelefonie. Über ihren Instagram-Account @jannaxthomas nehmen sie ihre 6.500 Follower mit auf ihr ganz persönliches Abenteuer. So entstehen auch neue Freundschaften. „Wir haben über Social Media viele Leute kennengelernt, die uns teilweise auch schon besucht haben“, sagt Janna. Aber Familie und alte Freunde können sie nicht ersetzen. Die kommen die Weltenbummler einfach besuchen, verbringen ihre Urlaube bei ihnen - in Australien, auf Bali und in Asien. Bei ihrer nächsten großen Etappe - einem Roadtrip durch Südamerika - ist Jannas Bruder Gerrit mit einem eigenen Camper mit an Bord.
Gemeinsamer Trip als Paar-Herausforderung?
Sehnsucht nach der Heimat kommt dennoch manchmal auf - nach Spaziergängen ums Ihler Meer oder einer gemeinsamen Joggingrunde am Ems-Jade-Kanal. Auch das Fischbrötchen der Brüder Janssen in Fahne gehört für die beiden fest zu Aurich, genauso wie eine Tasse Ostfriesen-Tee. Da ist Janna ganz heimatverbunden. Was ihnen sonst noch in der Ferne fehlt? „Schönes knackiges Brot oder ein guter Döner“, platzt es aus Thomas heraus. „Und Laugenbrezel“, ergänzt Janna.
18 Monate, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag zusammen. Das Gepäck meist auf das Minimum eines 65 Liter Wanderrucksackes reduziert, trampend, reisend, erfahrend. Was macht das mit einem Paar? Wie groß ist die Toleranz? Wann geht man sich auf die Nerven? Janna und Thomas müssen überlegen, diese Frage scheint sich ihnen nicht so recht zu stellen. „Wir haben schon immer viel Zeit miteinander verbracht, das war für uns jetzt nichts neues“, sagt Janna dann. Außerdem seien beide durch diese Reise viel entspannter und jeder nehme sich auch mal Zeit für sich.
Grundentspannt durch fremde Länder
Bei der Campertour durch Japan brachte etwa ein Besuch im nach Geschlechtern getrennten Thermalbad Entspannung nach einigen winterlich-nervigen Schlechtwettertagen auf vier Quadratmetern. „Es ist ja auch so, dass man das Gleiche erlebt und so auch weiß, was der andere gerade empfindet“, erzählt Janna - und Thomas ergänzt: „Wir können uns einfach aufeinander verlassen.“ Ein gutes Gefühl und Erlebnisse, die sie als Paar noch fester zusammen geschweißt haben.
„Wir haben uns in den letzten anderthalb Jahren außerdem persönlich so stark und schnell weiterentwickelt wie noch nie“, sagt Janna. Die Folge: Eine gewisse Grundentspannung, die man beiden selbst durch den Zoom-Call anmerkt. „Wir sind viel entspannter geworden und haben das Vertrauen, dass es immer irgendwie läuft und es eine Lösung für alles gibt“, erzählt Thomas.
An ein Ende der Reise wird nicht gedacht - meistens zumindest
Vor anderthalb Jahren sind die beiden mit dem Motto „open-end“, also ohne festes Enddatum, zu ihrer Weltreise aufgebrochen, sammeln seitdem Eindrücke, die verarbeitet werden wollen. Sind sie nicht irgendwann reisemüde? Nach den ersten acht Monaten nonstop unterwegs hätten sie tatsächlich eine Art Reisemüdigkeit gefühlt, berichten beide. Da sei ihnen die siebenmonatige „Pause“ in Australien mit dem Work-and-Travel-Visum gerade recht gekommen. Thomas arbeitete als Entwicklungsingenieur bei einem australischen Unternehmen, Janna in einem Supermarkt, zwischendurch hüteten sie Farmen und Häuser von Einheimischen, führten ein beinahe sesshaftes Leben. Zeit, um Kraft zu tanken, in einem normalen Bett zu schlafen und eine richtige Dusche zu nehmen. Alltag mit Struktur und Rhythmus. Der wird sich auf ihrer nächsten Etappe wieder deutlich verändern, unterwegs mit dem Camper bestimmen wieder Sonnenstand und Wetter die Reise.
„Ich möchte dieses Freiheitsgefühl einfach nicht aufgeben, jetzt noch nicht“, sagt Janna mit einem breiten Grinsen im Gesicht, angesprochen auf ein mögliches Ende der Weltreise. „Klar, man kommt ins Grübeln, wenn man sieht, wie Freunde Familien gründen und Häuser bauen. Aber momentan ist unser Reisedrang einfach größer“, bestätigt Thomas. Und mit Blick auf die anstehende Campertour durch Südamerika kann man es den beiden nicht verdenken.