Osnabrück  Placebo-Effekt: „Sie müssen nicht daran glauben, aber nehmen Sie es regelmäßig!“

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 03.11.2024 06:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In den letzten Jahren beobachten Wissenschaftler eine deutliche Verstärkung des Placeboeffekts: Immer mehr Menschen wissen von ihm und ihr Vertrauen in ihn wächst. Foto: dpa/Fernando Gutierrez-Juarez
In den letzten Jahren beobachten Wissenschaftler eine deutliche Verstärkung des Placeboeffekts: Immer mehr Menschen wissen von ihm und ihr Vertrauen in ihn wächst. Foto: dpa/Fernando Gutierrez-Juarez
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Jeder kennt den Placebo-Effekt, aber wie wirkt der eigentlich? Forscher des Universitätsklinikums Essen haben das nun genauer untersucht – und Erstaunliches herausgefunden.

Es klingt verlockend: Man gibt dem Schmerzpatienten ein risikoloses Placebo und lässt stattdessen mehr Dopamin in seinem Gehirn kursieren. Denn von diesem Botenstoff ist bekannt, dass er mit positiven Erwartungen verbunden ist. Also könnte er auch beim Patienten die Hoffnung auf das Scheinmedikament so weit nach oben schrauben, dass es möglicherweise stärker wirkt als ein „echtes“ Schmerzmittel. Es wäre eine Revolution in der Schmerztherapie. Was ist an dieser schönen Vision wirklich dran?

Das hat nun ein Forscherteam des Universitätsklinikums Essen untersucht: Es bestrich den Unterarm von 168 Probanden nicht nur mit einer Placebo-Creme, die für eine echte Schmerzcreme gehalten wurde. Sondern man verabreichte ihnen auch L-Dopa für den Dopaminanstieg im Gehirn, ein anderes Medikament oder aber eine Pille mit Placebo-Wirkstoff. Danach setzten die Forscher den Unterarm einem unangenehmen Hitzereiz aus, und die Testpersonen sollten ihr Schmerzempfinden dazu angeben.

Es zeigte sich, dass die Gabe von L-Dopa zwar wie erwartet den Dopaminpegel im Blut ansteigen ließ – doch das hatte keinen Effekt auf die positive Behandlungserwartung des Patienten und dessen Schmerzwahrnehmung. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Dopamin nicht zwingend für die Entstehung einer Placebo-Schmerzlinderung notwendig ist“, resümiert Studienleiterin Ulrike Bingel.

Das aber betrachtet die Neurologin nicht als endgültiges Aus für den Hirnbotenstoff, denn dieser könne noch bei anderen Aspekten der Schmerzerfahrung eine Rolle spielen: Etwa bei der Motivation, den Schmerz aktiv anzugehen und sich einer Behandlung zu unterziehen. Laut Stefan Schmidt vom Universitätsklinikum Freiburg ist Dopamin ohnehin nur eins von mehreren physiologischen Erklärungsmodellen für den Placebo-Effekt:

Außerdem solle man nicht den Blick dafür verlieren, was jenseits physiologischer Mechanismen hinter dem Placebo-Effekt steckt. Er resultiere maßgeblich auch aus der Bedeutung und der Sinnstiftung, die bei einer Placeboeinnahme entsteht, so der Psychotherapeut und klinische Psychologe. „Denn jeder Mensch ist ein Bedeutungsgenerator, der bestimmen Handlungen Sinn und damit auch Wirksamkeit zuschreibt.“

Dahinter steckt, dass solche medizinischen Aktionen wie das Verabreichen, die Zubereitung und die Einnahme eines Arzneimittels immer auch ein Heilritual sind. Wenn wir etwa eine Aspirin gegen Kopfschmerzen einsetzen, wird nicht nur der Wirkstoff zugeführt, sondern es kommt auch zu bestimmten Handlungen und Einstellungsänderungen.

Das beginnt mit der bewussten Entscheidung, das Mittel zu nehmen, reicht dann vom Vertrauen in das Produkt, das ja schon lange auf dem Markt ist und auch von vielen anderen Menschen eingenommen wird, über das Öffnen der Packung und das Auffüllen des Wasserglases bis zum finalen Herunterschlecken des Präparats. „Von all diesen Handlungen geht für uns eine Bedeutung aus, die in unserem Körper und unserem Erleben wirksam werden und in ihrer Summe sogar die Effektivität des eigentlichen Wirkstoffs übersteigen können“, betont Schmidt.

Im Zweiten Weltkrieg verabreichte der US-Arzt Henry Beecher seinen schwerverwundeten Patienten notgedrungen Kochsalzlösung statt Morphin – und sie berichteten fast alle von einer deutlichen Linderung ihrer Schmerzen. Allerdings wurden sie auch in dem Glauben gelassen, dass sie das echte Medikament eingenommen hätten. Das ist ethisch zumindest fragwürdig, weswegen die Medizin bis heute vom Verabreichen von verdeckten Placebos zurückschreckt. Aber wirken Placebos auch, wenn der Patient weiß, dass er nur ein Fake-Präparat bekommt?

Schmidt hat sich die wissenschaftliche Datenlage dazu durchforstet und über 60 Studien gefunden, die insgesamt einen therapeutischen Effekt der offenen Placebos zeigen. Entscheidend sei dabei das Narrativ, was in deren Begleitung verbreitet wird. „Besonders wirksam ist es, wenn es vier zentrale Botschaften anspricht“, betont Schmidt. „Das Placebo ist kraftvoll, es ist wirksam und der Körper kann automatisch darauf reagieren. Und viertens: Sie müssen nicht daran glauben, aber nehmen Sie es regelmäßig.“

In den letzten Jahren beobachten Wissenschaftler eine deutliche Verstärkung des Placeboeffekts. Der Grund: Immer mehr Menschen wissen von ihm, ihr Vertrauen in ihn wächst, und das ist ja eine seiner Säulen. Schmidt spricht hier von „einem Placeboeffekt des Placeboeffekts“. Für die Pharmaindustrie ist das mittlerweile ein großes Problem. So zeigt eine Studie der McGill University in Montreal, dass die Mittel gegen chronische Schmerzen in den USA nicht mehr viel besser wirken als Placebo – allerdings weil dieser immer effektiver wird, und nicht, weil die Medikamente immer schwächer wirken.

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