Rechtsmedizinisches Gutachten Weeneraner wurde durch Stich in die Brust getötet
Im Totschlagprozess von Weener steht die Todesursache inzwischen fest. Obwohl mehrere Zeugen den Streit beobachtet haben, gibt es noch offene Fragen zum Tathergang.
Aurich - Ein wuchtiger Stich ins Herz hat das 34-jährige Opfer aus Weener getötet. Zu diesem Urteil kommt die Oldenburger Rechtsmedizinerin Dr. Vanessa Preuss im Totschlagsprozess vor dem Auricher Landgericht. „Innerhalb von Sekunden kam es zu einem Zusammenbruch des Kreislaufes“, lautete ihre Einschätzung. Sie stellte ihr Gutachten bei der Fortsetzung der Verhandlung am Mittwoch, 30. Oktober 2024, vor.
Um den bisher schwer nachvollziehbaren Tathergang zu rekonstruieren, hatte sie zusammen mit ihrem Kollegen im Institut verschiedene Varianten des Kampfgeschehens nachgestellt und auf Fotos festgehalten. Am 27. Januar 2024 gegen 17.25 Uhr kam es zwischen dem 34-Jährigen und dem 52-jährigen Angeklagten in der Erdgeschosswohnung eines Mehrparteienhauses in Weener zu einer Auseinandersetzung. Mehrere Zeugen haben den Streit beobachtet, doch niemand hat den tödlichen Stich ins Herz gesehen. Der Angeklagte räumte ein, auf die Beine des 34-Jährigen eingestochen zu haben, weil dieser ihn mit einem Fleischerbeil angegriffen habe. Die Tatwaffe, ein Messer, wurde nicht gefunden.
Mehrere Stichverletzungen
Der laut Gutachten mit großer Kraft ausgeführte Stich in den linken Brustkorb war nicht der einzige, den der 34-Jährige erlitten hat. Die Rechtsmedizinerin fand drei weitere bei der Obduktion der Leiche. Ein potentiell tödlicher Stich von hinten verletzte den linken Lungenunterlappen. Der linke Fußknöchel wies einen Durchstich auf, die rechte Oberschenkelmuskulatur rückwärtig eine Stichwunde. Die beiden Stiche in den Brustkorb hatten einen hochgradigen Blutverlust mit Kreislaufkollaps zur Folge, so die Gutachterin.
In Bezug auf die Tatwaffe ging sie von einem einschneidigen Tatwerkzeug aus, einem Messer mit einer schmalen Klinge. Das folgerte die Rechtsmedizinerin aus den Hautwunden der Einstichstellen. Das Opfer war nach der Beendigung des Kampfes offenbar noch kurze Zeit in der Lage, zu sprechen und sich vom Ort der Auseinandersetzung vor der Küchenzeile in Richtung Sofa zu bewegen. „Wir schätzen bei einem Stich in die linke Herzkammer, dass es 20 bis 40 Sekunden, maximal noch eine Minute geht“, präzisierte sie ihre Angaben. Minuten könne man das nicht überleben. Die Opfer würden bewusstlos und kollabierten. „Die vier, fünf Schritte von der Küchenzeile Richtung Sofa konnte der 34-Jährige in diesem Zeitfenster noch bewältigen“, so ihre Einschätzung.
Tat wurde nachgestellt
Auf die Verletzungen des Angeklagten, der blutüberströmt bei einem Bekannten aufgetaucht war, ging Preuss ebenfalls ein. Die beiden Schnittverletzungen an seiner Stirn, die genäht werden mussten, sprächen aus rechtsmedizinischer Sicht für die Einwirkung einer scharfen Schneide. Ein Hämatom am rechten Augenlid lasse auf stumpfe Gewalt oder das Anstoßen an einem Widerlager schließen. Eine Verletzung am linken Daumen führte sie auf das Führen eines Messers zurück, war sich aber nicht ganz sicher.
Bei der Tatrekonstruktion hat sich Preuss auf die unterschiedlichen Zeugenaussagen bezogen. Eine Variante: Die Kämpfenden gingen nach Schlägen zu Boden. Der 52-Jährige saß hinter dem 34-Jährigen und nahm ihn mit einem Arm in den Schwitzkasten. Er holte sein Messer aus der Hosentasche, klappte es auf und stach ihm in Fuß und Oberschenkel. Jemand zog ihn weg. Insbesondere interessierte Preuss die Erreichbarkeit von Brust und Rücken, die ihren Feststellungen nach bei sämtlichen Kampfpositionen gegeben war. Zu der Reihenfolge der Stiche konnte Preuss nichts sagen. „Um vier Stiche zu setzen, braucht es Sekunden“, sagte sie. Ihr Fazit: „Es handelte sich um ein hochdynamisches Geschehen in sehr kurzer Zeit mit zwei Werkzeugen.“
Prozess geht weiter
Nach der Auseinandersetzung habe das 34-Jährige Opfer gesagt, er wolle keinen Rettungsdienst, so Preuss über den weiteren Verlauf des Vorfalls. Er habe nach seinem Hund gefragt, woraufhin eine Frau losgegangen sei, ihn zu suchen. Als sie zurückgekommen sei, sei der 34-Jährige umgelagert gewesen. Wasser habe er nicht mehr trinken können, er habe einen Anfall erlitten und sei gestorben. Reanimationsmaßnahmen um 17.40 Uhr durch eingetroffene Rettungskräfte seien erfolglos geblieben.
Der Prozess wird am 7. November um 13.30 Uhr in Saal 003 mit einem Zeugen und dem psychiatrischen Gutachten fortgesetzt.