Hamburg  Kriminelle Clans aus Syrien etablieren sich – was dahinter steckt und wie sie agieren

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 29.10.2024 16:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Unter anderem in Essen lieferten sich mutmaßliche syrische Clan-Mitglieder bereits gewaltsame Auseinandersetzungen mit „etablierten“ Großfamilien Foto: IMAGO/Joeran Steinsiek
Unter anderem in Essen lieferten sich mutmaßliche syrische Clan-Mitglieder bereits gewaltsame Auseinandersetzungen mit „etablierten“ Großfamilien Foto: IMAGO/Joeran Steinsiek
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Lange galt sogenannte Clan-Kriminalität vor allem als Metier für Angehörige türkischer oder libanesischer Großfamilien. Doch längst spielen auch andere Herkunftsregionen eine Rolle. Ein Experte erklärt, wie es dazu kam – und welche Fehler die Behörden nun nicht wiederholen dürfen.

Sie tragen die Namen Miri, El-Zein oder Remmo und sind eng verbunden mit dem Phänomen der Clan-Kriminalität. Libanesisich-türkische Großfamilien, deren Mitglieder seit Generationen in Deutschland leben, teilweise kriminell sind und den Rechtsstaat verachten. Sie bekommen jetzt offenbar Konkurrenz.

Durch den Krieg im Heimatland suchten Millionen Syrer in Europa und der Bundesrepublik Schutz. Einige wenige von ihnen gehen in der neuen Heimat kriminellen Geschäften nach - organisiert in Verbünden, die manche Sicherheitsbehörden als kriminelle Clans einordnen. In Niedersachsen werden im Lagebild „Clan-Kriminalität“ zunehmend syrische Tatverdächtige im dreistelligen Bereich gelistet. Mehr als etwa Menschen mit libanesischer Staatsangehörigkeit.

Werden syrische Clankriminelle zu einer neuen Bedrohung? Zusammengefasst sind es für Clan-Forscher Mahmoud Jaraba vom Forschungszentrum für Islam und Recht in Europa in Erlangen vor allem vier Aspekte, die die Clans so gefährlich machen:

Wichtig für den Politikwissenschaftler Jaraba: Natüürlich seien nicht alle Syrer in Clans organisiert, Clans selbst auch nicht automatisch kriminell. In bestimmten Regionen Syriens würden die ashira, wie Clans auf Arabisch genannt werden, eine große Rolle spielen. „Diese Gruppen haben hier in Deutschland ihre familiären und sozialen Strukturen wiederbelebt, die in ihren Heimatregionen fest verankert waren“, sagt Jaraba.

Bei jenen kriminellen Teilen der Familien habe sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sich die Strukturen stabilisieren und ausbreiten. Gerade in Ballungsräumen mit vielen syrischen Menschen geschehe das, etwa in Berlin und Nordrhein-Westfalen, meint Jaraba. Beide Bundesländer haben ohnehin schon seit Jahren ein Problem mit Clan-Kriminalität, den Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags hatte Clan-Forscher Jaraba gerade erste in einer Stellungnahme vor der Entwicklung syrischer Clans gewarnt.

Nicht ohne Grund: In Nordrhein-Westfalen haben die Behörden im Gegensatz zu Niedersachsen ausschließlich ganz bestimmte Großfamilien im Blick. Und die „neuen kriminellen Clans“ aus Syrien stehen nicht selten mit den etablierten libanesischen Familien im Konflikt. Vergangenes Jahr hatte es in Castrop-Rauxel und Essen mehrere gewalttätige Auseinandersetzungen mit Messern und Macheten zwischen syrischen und türkisch-libanesischen Clans gegeben. Die Bilanz: Ein Dutzend Verletzte, ein schwerverletzter Syrer musste notoperiert werden, zusätzlich sieben verletzte Polizeibeamte.

Auch aus Niedersachsen ist ein Vorfall bekannt, bei dem Mitglieder einer libanesischen Familie Syrer angriffen. „Diese Konkurrenz zeigt sich in verschiedenen Bereichen, etwa bei illegalen Aktivitäten wie dem Drogenhandel oder Menschenhandel, aber auch in legalen Geschäftsfeldern und beim Zugang zu bestimmten Märkten“, sagt Jaraba.

Mehr zum Thema: Der Angriff auf Autorin „Latife Arab - eine Warnung an andere Clan-Aussteiger?

Zudem gebe es auch vermehrt interne Konflikte zwischen verschiedenen syrischen Familien. Dies könnte soziale, wirtschaftliche, aber auch politische Ursachen haben. „Diese Dynamik kann die Gesamtlage weiter destabilisieren, da sich die Konflikte in verschiedenen deutschen Städten und Regionen, in denen diese Gruppen aktiv sind, ausbreiten“, so der Forscher.

Generell ist Clan-Kriminalität nicht von einer bestimmten Nationalität gepachtet. Die meisten Tatverdächtigen bundesweit sind deutsche Staatsangehörige, bei den ausländischen Verdächtigen in Niedersachsen überwiegen mittlerweile Staatsangehörigkeiten aus den Balkanstaaten.

Clan-Kriminalität selbst ist kein justiziabler Begriff, das Betätigungsfeld der Gruppen, die Behörden als Clan definiert, unterschiedlich. So auch bei den syrischen Familien. Jaraba dazu: „Besonders der Menschenschmuggel ist durch ihre Verbindungen in die Herkunftsregionen ein wichtiges Betätigungsfeld, oft beworben über soziale Medien, um Kunden anzulocken.“

Doch auch bei Betrugsdelikten haben Behörden bereits ordentlich mit den „neuen Clans“ zu tun. In der Region Hannover etwa sorgte eine syrische Familie für Hunderte Verfahren. Die Mitglieder werden beschuldigt, mit gefälschten Ausweisen theoretische Führerscheinprüfungen für andere abgelegt zu haben, etwa 1.300 Euro soll eine Prüfung nach Angaben des Landeskriminalamtes gekostet haben.

Über Niedersachsen hinaus sieht Mahmoud Jaraba besonders ein Problem, dass syrische Clans über Stadt- und Landesgrenzen hinaus schnell viele Mitglieder mobilisieren können. Diese Mobilität mache es den Sicherheitsbehörden besonders schwer, gegen diese Strukturen vorzugehen. Eine Einschätzung, die dem Praxis-Test standhält. Wiederholt klagen einzelne Ermittler, dass der Kampf gegen Clan-Kriminalität immer dann erschwert wird, wenn mehrere Bundesländer involviert sind.

Für Szene-Kenner Mahmoud Jaraba ist wichtig, dass Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt werden. „Ich hoffe, dass wir aus der Geschichte lernen und unser Bestes tun, um dieses Phänomen mit allen verfügbaren Ressourcen zu bekämpfen. Es ist entscheidend, nicht zu warten, bis sich solche kriminellen Gruppen innerhalb größerer Gemeinschaften fest etablieren, da dies den Kampf gegen sie - sowohl präventiv als auch repressiv - nahezu unmöglich machen würde“, sagt er.

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