Helenenstift in der UEK So wohnen die Heimbewohner in der Norder Klinik
Trotz der Krankenhausatmosphäre fühlen sich die Angehörigen erleichtert, dass ihre Lieben gut versorgt sind. Doch das Aktionsbündnis Norden stellt die Gründe für den Umzug infrage.
Norden - Die Diskussionen um das Helenenstift in Hage reißen nicht ab. Während die Hager ihrem Ärger über die angekündigte Schließung des Standortes an der Hauptstraße in einem Bürgerdialog Luft gemacht haben, hat der Landkreis angekündigt, ein „tragfähiges Konzept für die Nachnutzung des Grundstücks zu entwickeln“. Dagegen wettert jetzt das Aktionsbündnis Norden, bezeichnet die Gründe für den Umzug des Helenenstifts in die Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Norden in einer Pressemitteilung für „vorgeschoben“. Aber wie sehen das eigentlich die Patienten und deren Angehörigen? Unsere Zeitung hat mit Martin Kalk über die Situation gesprochen. Sein Vater wird seit Jahren im Helenenstift gepflegt. Er zählte zu den ersten Patienten, die in die neuen Räume in die UEK umgezogen sind.
Weil sich sein Vater nicht mehr selbst äußern kann, gibt Martin Kalk seinen Eindruck nach dem Umzug wieder. Für ihn ist klar: Das Personal gibt sich alle Mühe. „Die reißen sich hier den Hintern auf, damit es den Bewohnern gut geht“, sagte Kalk. Besser gehe es nicht. Und das, obwohl es für das Personal viel mehr Arbeit sei. Denn auf der ehemaligen Station zwölf, auf der sein Vater jetzt untergebracht ist, gibt es mehr Räume, in denen sich die Patienten aufhalten. „Im Helenenstift in Hage gab es einen großen Aufenthaltsraum, in dem sich die Bewohner trafen. Der fehlt in der Klinik. Stattdessen gibt es mehrere kleine Räume, auf die sich die Bewohner aufteilen“, sagte Kalk.
Das, und die Tatsache, dass es in den Gemeinschaftsräumen keinen Fernsehanschluss für die Patienten gibt, findet er in der Klinik nicht ganz so gelungen. Grundsätzlich ist er aber mit den Bedingungen in der Klinik für seinen Vater mehr als zufrieden. „Mein Vater hat ein helles Zimmer, sogar mit Balkon, den hatte er früher nicht. Das ist ein Riesenvorteil zu vorher, dass er einfach mal raus an die frische Luft kann“, so Kalk. Außerdem seien die Bedingungen für die Pflege optimal in der Klinik.
Es fehlt das Heimelige und Kuschelige
Sein Vater teilt sich sein Zimmer mit einem Bewohner. Wo früher drei Krankenhauspatienten lagen, sind heute zwei Bewohner des Helenenstifts untergebracht. Neben dem Pflegebett steht eine mitgebrachte Anrichte. Private Bilder sind rund um die Betten aufgehängt. Was trotzdem bleibt: Die Zimmer sind Krankenhauszimmer. Daran ändern auch der frische Anstrich und die nette Dekoration nichts. Was fehlt, ist das Kuschelige, das Heimelige, ein Gefühl von zu Hause. Das können Linoleumboden, standardisierte Kleiderschränke und Neonröhren an der Decke nicht bieten. „Das sagen viele“, sagte Martin Kalk. „Sogar Patienten, die an Demenz leiden.“ Ob die das aber wirklich noch so alles mitbekommen, wisse er nicht. Ob sein Vater, der ebenfalls an Demenz erkrankt ist, den Unterschied noch wirklich wahrnimmt, könne er nicht sagen. „Das, was er mitkriegen will, kriegt er eigentlich mit“, so Kalk.
Eines dürfte für das Pflegepersonal leichter sein. Die Flure sind breiter, Essenswagen oder Rollstühle lassen sich auf dem Boden leicht schieben. Sogar mit Betten kommt man problemlos um die Ecken. Auch die Zimmer sind auf Patienten ausgerichtet. Was fehlt, sei eine Badewanne für die Patienten. Das sei schade, sagte Martin Kalk. „Im Helenenstift gab es eine Vorrichtung, um die Patienten in die Badewanne zu lassen.“
Holzdekoration und Sofa-Ecken
Obwohl der Umzug im September relativ zügig vonstattenging, wurde zumindest versucht in der UEK ein freundliches Umfeld für die Bewohner zu schaffen. An den Wänden in den Fluren hängt Dekoration aus Holz. Schiffe und Regale aus Holzbalken sollen an das nahe Meer erinnern. Im Aufenthaltsraum ist eine Wand mit einem Baum aus Holzscheiben gestaltet. In einer Nische im Flur wurde ein Sofa mit Sessel und Tisch gestellt. Wirklich zurückziehen zu einem Gespräch mit einem Angehörigen kann man sich hier aber nicht. Die Geräusche des Pflegealltags sind zu hören, es hallt auf dem Flur, Gespräche bleiben hier nicht privat.
Trotzdem ist Martin Kalk froh, dass sein Vater hier so gut untergekommen ist. Wie schon in Hage besucht er ihn nahezu täglich. Und wie schon in Hage scherzt er mit dem Pflegepersonal, die sich zwar in der Klinik auch erst einleben müssen, die aber weiterhin ihr Bestes für die Patienten geben, betonte Kalk.
Mängel beim Brandschutz laut Landkreis Grund für Umzug
Wie berichtet, waren im Pflegeheim in Hage laut Landkreis erhebliche Mängel beim Brandschutz festgestellt worden. Beim Bürgerdialog in Hage signalisierte der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert, dass es aufgrund des Gebäudezustands wohl keine realistische Möglichkeit gebe, im Helenenstift Menschen leben und wohnen zu lassen. Auch nach einer kostspieligen Sanierung entspreche das Gebäude nicht mehr den aktuellen Ansprüchen, so Puchert.
Diese Darstellung bezweifelt das Aktionsbündnis Norden. In einer Pressemitteilung heißt es, die Firma Pluralis GmbH habe am 15. März 2024 eine Begehung des Helenenstiftes durchgeführt, um auf dessen Grundlage einen Bauzustandsbericht zu fertigen, der auch eine Brandschutzüberprüfung beinhaltet. Laut Aktionsbündnis ist Pluralis zu dem Ergebnis gekommen, „dass die Grundsubstanz des Hauptgebäudes in einem annehmbaren Zustand ist“. Um das Gebäude in einen brand- und sicherheitstechnisch einwandfreien Zustand zu versetzen, werden Sofortmaßnahmen zu geschätzten Kosten in Höhe von rund 350.000 Euro vorgeschlagen, heißt es.
Aktionsbündnis: Betrieb in Hage hätte weitergeführt werden können
Nur wenige Wochen später, am 17. Juli sei der Landkreis Aurich als Träger des Hager Helenenstifts zu dem Urteil gekommen, dass „der Gesamtgebäudekomplex dem öffentlichen Baurecht widerspricht“ und von dem Alten- und Pflegeheim eine Gefahr für das Leben und die Gesundheit aller Personen ausgeht, die sich im Brandfall im Gebäude aufhalten. Der Brandfall könne jederzeit eintreten. Es sei ein Glücksfall, dass es noch nicht gebrannt habe. Die Verlegung einer möglichst großen Anzahl der Bewohner des Helenenstiftes in die leerstehenden Räume der UEK Norden sei zwingend erforderlich, gibt das Aktionsbündnis die damaligen Ereignisse wider.
Knut Richter, Sprecher des Aktionsbündnisses hält dem entgegen: „Durch Umsetzen einer überschaubaren Anzahl von Maßnahmen hätte der Betrieb weitergeführt werden können.“ Dennoch ziehe der Landkreis Aurich seinen „ausschließlich von Kostenminimierung geleiteten Umgang mit pflegebedürftigen Bürgern rücksichtslos durch“, so Richter. Dies sei vergleichbar mit dem Umgang mit den Norder Bürgern bei der Schließung des Krankenhauses Norden.
Explodierende Kosten für Zentralklinik sind laut Aktionsbündnis Grund für Umzug
Außerdem stellt das Aktionsbündnis die Frage: „Wenn die Bauaufsicht den Gesamtbau des Helenenstiftes aufgrund der Brandschutzmängel als illegal bezeichnet, wer hat diese seit Jahren vorhandene Menschengefährdung zu vertreten?“ Sei die Bauaufsichtsbehörde die vergangenen Jahrzehnte für die Erweiterungen und Umbauten des Helenenstiftes nicht zuständig gewesen oder habe die Behördenleitung ihrem damaligen Chef Harm Uwe Weber (SPD) gegenüber beide Augen zugedrückt?, heißt es in der Mitteilung.
Die Landkreisbehörde werde sich nicht selbst ins Knie schießen und die Obere Bauaufsicht oder gar die Strafverfolger auf sich aufmerksam machen, so das Aktionsbündnis. Das Pluralis-Gutachten werde deshalb näher an der Wahrheit dran sein als das durch den Landkreis sich selbst ausgestellte Brandschutzgutachten, das die schnelle Schließung rechtfertigen solle.
Der Hase liege eher bei den Finanzen im Pfeffer. Das Helenenstift sei nicht wettbewerbsfähig, so die Pluralis-Gutachter. Es müssten weitere rund 5,2 Millionen Euro in die Hand genommen werden, um unter anderem die jetzt 24 Quadratmeter großen Zweibettzimmer mit Gemeinschaftsbadezimmer zu 20 Quadratmeter großen Appartements mit eigenem Bad umzubauen. Die Empfehlung von Pluralis laute, auf der Grundlage eines Wettbewerbkonzeptes mit den erforderlichen Investitionen eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung anzustellen und dann über die Zukunft der Pflegeeinrichtung in Hage zu entscheiden. „Die Modernisierung hätte sukzessive erfolgen können“, so die Auffassung des Aktionsbündnisses. Das scheine den finanziell klammen Landkreis wegen der explodierenden Kosten für die geplante Zentralklinik aber zu überfordern.