Kolumbien  Verlassen, verprügelt und misshandelt: Die 16-jährige Maryan verlor nie den Glauben an sich selbst

Philipp Hedemann
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Von Philipp Hedemann
| 27.10.2024 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Maryans Flucht aus Venezuela hätte das Ende bedeuten können, doch im SOS-Kinderdorf in Kolumbien findet die 16-Jährige erstmals Hoffnung und Vertrauen. Foto: SOS-Kinderdörfer weltweit/Jakob Fuhr
Maryans Flucht aus Venezuela hätte das Ende bedeuten können, doch im SOS-Kinderdorf in Kolumbien findet die 16-Jährige erstmals Hoffnung und Vertrauen. Foto: SOS-Kinderdörfer weltweit/Jakob Fuhr
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Misshandlungen und eine lebensgefährliche Flucht prägten Maryans Jugend. Im kolumbianischen SOS-Kinderdorf findet sie erstmals eine Perspektive und den Mut, ihre Träume zu verfolgen – ein Bericht über Hoffnungen und Träume.

„Hier schlägt mich niemand. Ich muss keine Angst haben, vergewaltigt oder ausgeraubt zu werden. Ich kriege drei Mahlzeiten am Tag, es gibt Menschen, die sich um mich kümmern und mich akzeptieren, so wie ich bin. Es ist das beste Leben, das ich je hatte.“ Maryan (Name geändert) ist 16 Jahre alt. 16 Jahre lang wurde das aus Venezuela geflohene Mädchen enttäuscht, ausgebeutet und missbraucht. Im SOS-Kinderdorf in Ipiales in Kolumbien glaubt sie erstmals daran, dass es auch Menschen gibt, die es gut mit ihr meinen.

Maryan ist eines von über 880.000 Jungen und Mädchen, die in den letzten zwölf Jahren vor dem immer diktatorisch regierenden Präsidenten Nicolás Maduro und der sich immer weiter verschärfende Staats- und Wirtschaftskrise in Venezuela ins Nachbarland Kolumbien geflohen sind. Tausende von ihnen wurden seitdem von bewaffneten Drogenbanden zwangsrekrutriert, andere zur Prostitution oder Kinderarbeit gezwungen.

Maryan ist zwei Wochen alt, als ihre Mutter sie nicht mehr haben will, das Neugeborene an einer Straßenecke im venezolanischen Tinaquillo aussetzt. So hat man es ihr erzählt. Was Maryan sich merkt: Niemand mag mich. Selbst meine eigene Mutter wollte mich nicht! Ob es wirklich stimmt, dass Maryan ausgesetzt wurde, weiß sie nicht. Sie hat ihre Mutter nie kennengelernt. Sie sei an Krebs gestorben, hat man ihr erzählt.

Maryan kommt in ein staatliches Kinderheim, wird noch als Baby adoptiert. Ihr Adoptivvater nimmt Drogen, schlägt sie – mal mit der Faust, mal mit dem Gürtel. Noch mehr als die Schläge schmerzen Maryan seine Worte. „Eine Tochter wie Dich habe ich nie gewollt! Du bist ein Nichts!“ Maryan merkt sich: Niemand mag mich. Selbst mein eigener Adoptivvater will mich nicht!

Nachdem er in der venezolanischen Stadt Guanare wieder einmal auf sie eingeprügelt hat, beschließt Maryan, dass sie nie wieder Opfer sein möchte. Sie stopft ein paar Klamotten und eine Decke in ihren Pikachu-Rucksack und schleicht sich aus der Wohnung ihres prügelnden Vaters. Ihr Ziel: die kolumbianische Hauptstadt Bogotá. Dort will Maryan Arbeit finden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt und hat nicht einen einzigen Peso, aber einen Plan: sich nie wieder schlagen lassen.

Am Stadtrand von Guanare klettert Maryan auf die hintere Stoßstange eines im Stau stehenden Lastwagens und klammert sich am Anhänger fest. Sie hofft, dass der Truck in Richtung Bogotá fährt. Viele Verzweifelte hängen an den nach Kolumbien fahrenden Lastwagen, aber auf ihrer Flucht sieht Maryan kein anderes Mädchen, das so jung wie sie ist. Spätestens nach drei Stunden auf der Stoßstange zittern ihre Arme so sehr, dass sie sich nicht mehr festhalten kann und abspringen muss. „Einmal bin ich vom Lastwagen gefallen, einmal haben Verrückte – ich glaube, sie hatten Drogen genommen – versucht, uns mit Macheten vom Anhänger zu schlagen. Einen Hieb habe ich abbekommen. Mir war klar, dass ich sterben könnte. Aber das war mir egal. Lieber tot, als zu Hause zu bleiben“, erzählt Maryan mit monotoner Stimme, die keinerlei Emotionen verrät.

Tagsüber fragt Maryan Menschen am Straßenrand nach Essen und Trinken. Sie wird beschimpft und bedroht und bekommt vergammeltes Essen. Nachts rollt sie ihre Decke vor Geschäften aus und wird verscheucht. Maryan merkt sich: Niemand mag mich.

Nach vier Wochen erreicht Maryan Bogotá. Zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Venezuela übernachtet sie unter freiem Himmel in einem Park. Bogota liegt auf 2600 Meter Höhe. Nachts wird es kalt, Maryan zittert unter ihrer dünnen Decke. Tagsüber putzt sie Wohnungen oder wäscht Autos, bekommt dafür umgerechnet rund 4,50 Euro pro Tag. Niemand fragt, nach der Geschichte des 13-jährigen Mädchens ohne Papiere. Maryan merkt sich: Niemand interessiert sich für mich.

Nur eine Frau, die sie unter lauter jungen Männern im Park sieht, macht sich Sorgen, bringt sie in ein staatliches Waisenheim. „Dort war es schrecklich. Die Erzieherinnen haben mich nur angeschrien. Das hat mich an zu Hause erinnert. Da bin ich abgehauen“, erzählt die Ausreißerin.

Über zwei Männer, die sie auf der Straße kennengelernt hat, findet Maryan schließlich ein Zimmer in einer runtergekommenen Wohnung in Ciudad Bolívar, dem ärmsten und gefährlichsten Stadtteil der 10-Millionen-Metropole. Umgerechnet knapp 35 Euro pro Monat muss Maryan dort Miete zahlen. Ein guter Deal, denkt die 13-Jährige sich. Bis eines Nachts der Vermieter in ihr kleines Zimmer kommt, ihr seine große Hand auf den Mund drückt und sie vergewaltigt.

Maryan spricht mit niemandem darüber, geht nicht zum Arzt, nicht zur Polizei. „Was hätten sie denn für mich tun können? Niemand interessiert sich für mich. Ich habe nur gebetet, dass ich nicht schwanger und nicht krank werde“, erzählt sie.

Nach der Vergewaltigung verspürt Maryan zum ersten Mal Heimweh. Sie möchte ihre Adoptiv-Oma wiedersehen. Sie möchte sich jemandem anvertrauen, sie möchte, dass jemand sie in den Arm nimmt und tröstet. Wieder packt sie ihren Pikachu-Rucksack, wieder klettert sie auf die Stoßstange. Dieses Mal hofft sie, dass der Truck nach Venezuela fährt.

Als sie ein paar Wochen später ihre Oma wiedersieht, ist Maryans Vertrauen in die alte Frau verschwunden. „Ich hatte Angst, dass sie sagt, dass ich selber schuld bin. Darum habe ich ihr nichts erzählt“, sagt Maryan. Und sie kann es nicht ertragen, ihren Adoptivvater wiederzusehen. „Ich konnte ihm einfach nicht verzeihen. Hätte er mich nicht so schlecht behandelt, wäre all das nicht geschehen“, berichtet die Geflüchtete.

Zwei Wochen später klettert sie wieder auf eine Stoßstange. Jetzt hofft sie, dass der Lastwagen in Richtung Ecuador fährt. Wer hart arbeiten kann, kann dort in der Landwirtschaft gutes Geld verdienen, hat sie gehört. Maryan weiß, dass sie hart arbeiten kann.

Nach über 2500 Kilometer, ungezählten Lastwagen und vielen Nächten am Straßenrand, klettert Maryan in der ecuadorianischen Stadt Ventanas von der Stoßstange. Bald findet sie Arbeit auf einer Farm. Jeden Tag von sechs Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags schleppt sie Wassermelonen. Jeden Abend bekommt sie dafür 15 US-Dollar. Sie ist das einzige Mädchen auf der Farm. Die Männer, die den gleichen Job machen, bekommen 20 Dollar pro Tag. Sie können mehr tragen.

Nach zwei Jahren verspürt Maryan, die mittlerweile versucht, ihre Seele mit einem festen Panzer zu schützen, wieder dieses seltsame Gefühl. Zuletzt hatte sie es, als sie ihrer Oma erzählen wollte, dass sie vergewaltigt worden war. Es dauert, bis Maryan sich eingesteht, dass sie wieder Heimweh hat. Sie hat mittlerweile 150 Dollar gespart. Sie hofft, dass das Geld reicht, um nicht wieder auf einen Truck klettern zu müssen. Sie möchte mit dem Bus nach Venezuela reisen.

Doch sie kommt nicht weit. Kurz vor der ecuadorianisch-kolumbischen Grenze wird die mittlerweile 16-Jährige von zwei Männern überfallen. „Ich wollte ihnen mein Geld nicht geben. Ich hatte zu hart dafür gearbeitet. Da schlugen sie mich mit der Faust ins Gesicht und klauten mir alles. Da konnte ich nicht mehr“, erzählt Maryan unter Tränen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte die Jugendliche, die bislang trotz allem, was ihr widerfuhr, fest an ihre eigene Stärke geglaubt hatte, das Gefühl, es aus eigener Kraft nicht mehr zu schaffen. Blutüberströmt spricht Maryan an der Grenze zwei kolumbianische Polizisten an und gelangt so schließlich in das SOS-Kinderdorf in Ipiales.

Dort helfen Maryans SOS-Mutter Ana-Mercedes und ihre sechs SOS-Geschwister dem Mädchen, das so oft verraten und enttäuscht wurde, jetzt das Vertrauen in die Menschheit zurückzugewinnen. „Ich liebe Dich, Maryan“, hat ihre gleichaltrige SOS-Schwester Jessica ihr auf den Arm gekritzelt. Wenn der meist schweigsamen Maryan plötzlich die Tränen über die Wangen laufen, nimmt ihre SOS-Mutter sie fest in den Arm bis ihr Schluchzen verstummt ist.

„Ich bin noch nie in meinem Leben so gut behandelt worden. Ich habe das erste Mal das Gefühl, dass mich jemand wirklich mag“, sagt Maryan. Leise gesprochene Wörter voller Traurigkeit und Dankbarkeit, die auch SOS-Mutter Ana-Mercedes die Tränen in die Augen treiben.

„Es gibt nichts, auf das ich stolz sein kann“, sagt Maryan zu Ana-Mercedes. „Doch Maryan! Du bist ein unglaublich starkes Mädchen. Niemand hat Dich brechen können. Es gibt so viele Gründe, warum Du sehr stolz auf Dich sein kannst“, antwortet Ana-Mercedes und drückt Maryan wieder fest an sich.

Die erfahrene SOS-Mutter weiß, dass sie ihrem Schützling Zeit geben muss, damit die erlittenen Traumata heilen können. Schreiben, Zeichnen und Musik helfen der 16-Jährigen dabei. Mit ordentlicher Handschrift schreibt Maryan Gedichte in ein Notizheft. „Die Traurigkeit meines Herzens ist wie Sturm und Donner und dennoch vertrocknet mein Herz“, heißt es dort. Wenn Maryan singt, singt sie mit unendlich trauriger Stimme: „Ich bin so einsam wie ein Straßenhund, aber ich versuche, die Leere in meinem Herz zu füllen.“

Das Leben hat die Schulabbrecherin gezwungen, zu früh erwachsen zu werden, sich nur auf sich selbst zu verlassen, allem und jedem zu misstrauen. Mit Unterstützung von SOS-Kinderdörfer weltweit lernt sie jetzt langsam, die Kindheit nachzuholen, die sie nie hatte. SOS-Mutter Ana-Mercedes freut sich, dass Maryan immer häufiger nicht allein über ihrem Notiz- und Zeichenbuch brütet, sondern mit ihren SOS-Geschwistern auf der Schaukel oder auf dem Fußballplatz spielt.

Neben Liebe und Freundschaft ist Bildung die wichtigste Grundlage dafür, dass Maryan schreckliches Leben doch noch eine gute Wendung nehmen kann. Ihre SOS-Mutter bemüht sich deshalb jetzt darum, alle notwendigen Papiere zu besorgen, damit Maryan, die nach der siebten Klasse die Schule abbrach, um der Gewalt ihres Adoptivvaters zu entkommen, wieder zur Schule gehen kann. Bis sie die Schule beendet hat, darf sie im SOS-Kinderdorf bleiben, anschließend kann sie in einer Wohngemeinschaft weiterbetreut werden, SOS-Kinderdörfer unterstützt und finanziert sie während der Berufsausbildung oder eines Studiums. Viele Kinder nutzen diese Chancen, andere haben bereits zuvor so schwere psychische Schäden erlitten, dass sie es trotz ihrer Ersatzfamilie nicht mehr schaffen, stabile soziale Bindungen einzugehen.

Als Maryan vor vier Wochen mit blutverschmiertem Gesicht ins Kinderdorf kam, war sie körperlich und emotional erschöpft, wollte nur schlafen, nicht über ihre Zukunft nachdenken. Doch mittlerweile macht Maryan wieder Pläne: „Ich will Polizistin werden. Ich will Leuten helfen und sie beschützen. Und ich will dafür sorgen, dass Menschen, die Böses getan haben, bestraft werden.“ SOS-Mutter Ana Mercedes glaubt fest daran, dass Maryan eines Tages beschützen und bestrafen wird.

Hinweis: Die Recherche fand auf Einladung von SOS-Kinderdörfer weltweit statt.

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