Jena  Jugendgewalt rückläufig: Kriminologe klärt auf, warum die Statistik täuscht

Sina Wilke
|
Von Sina Wilke
| 25.10.2024 18:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Nimmt die Gewalt unter Kindern weiter zu? Ein Kriminologe widerspricht. Foto: IMAGO/Ute Grabowsky
Nimmt die Gewalt unter Kindern weiter zu? Ein Kriminologe widerspricht. Foto: IMAGO/Ute Grabowsky
Artikel teilen:

Immer wieder erschüttern Fälle von Jugendgewalt. Aber werden junge Leute wirklich gewalttätiger? Kriminologe Sören Kliem sagt: Nein, im Gegenteil.

Das Mädchen weint, bettelt und fleht. Doch die Täterinnen haben kein Erbarmen: Sie nehmen der 13-Jährigen die Brille weg, kleben ihr Kaugummi ins Haar, kippen ihr Cola über den Kopf, schlagen, bespucken und bedrohen sie. Das Video, das den Gewaltexzess zeigt, nahmen die jugendlichen Täterinnen im vergangenen Jahr in Heide in Schleswig-Holstein auf, Medien bundesweit berichteten. 

Und der Fall steht nicht allein da: Immer wieder kommt es zu Gewalt durch Kinder und Jugendliche, und die Bestürzung ist groß.

Der Landtag diskutierte im Juli das Thema. „Gewalt unter Kindern und Jugendlichen wird immer häufiger, sie beginnt in einem jüngeren Alter und fällt brutaler aus“, sagte der CDU-Politiker Martin Balasus. Aber stimmt das? Abgesehen davon, dass jeder Fall einer zu viel ist – sind Kinder und Jugendliche wirklich enthemmter, brutaler, schlimmer als vor zehn, 20 oder 50 Jahren?

Sören Kliem ist Sozialwissenschaftler und forscht seit Jahren zu Jugendkriminalität. Er sagt: „Ich will die Einzelfälle gar nicht kleinreden. Aber aus wissenschaftlicher Perspektive muss man sie schon ein bisschen weniger stark gewichten.“ Denn: Solche Gewaltexzesse habe es immer schon gegeben – dass sie sich heute medial schneller verbreiten, bedeute nicht, dass sie verbreiteter sind.

Doch was ist, wenn man nicht auf die sich gefühlt häufenden Einzelfälle schaut, sondern auf die nackten Zahlen? Die jüngste Polizeiliche Kriminalstatistik (PSK)  zeigt eine  deutlich gestiegene Kinder- und Jugendkriminalität in Deutschland: So wurden 2023 gut 483.000 tatverdächtige Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis 20 Jahren ermittelt – ein Zuwachs von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr, gegenüber 2019 sind es sogar 13 Prozent mehr. 

Wird die Jugend krimineller? Vergleicht man die aktuellen Zahlen nicht nur mit den vergangenen paar Jahren, ergibt sich ein anderes Bild: So gab es laut Statistik in den 90er- und 2000er-Jahren deutlich mehr kriminelle junge Leute als heute – mit einem Höhepunkt von 692.260 Tatverdächtigen im Jahr 1998. Danach sank die Kurve langsam ab, wobei es – genauso wie bei der Gewaltkriminalität junger Leute – immer Schwankungen gab. „Es gibt mal einen Anstieg und mal ein Absinken. Das sind kurzfristige Trends, die dann überinterpretiert werden. Aber der grundsätzliche Trend der letzten 20 Jahre ist, dass Jugendkriminalität in Deutschland deutlich abgenommen hat”, sagt Sören Kliem.

Dabei verlässt er sich aber nicht auf die PKS – denn mit dieser gebe es ein gewaltiges Problem, erklärt der Kriminologe: „Die PKS ist als Datengrundlage überhaupt nicht gut geeignet, weil sie nicht die Kriminalitätswirklichkeit abbildet.” Das Hauptproblem:

Erhöht die Polizei ihre Präsenz auf einem Marktplatz, weil es dort einen Vorfall gab? Dann wird sie auch mehr Verdächtige fassen, und die Zahlen schießen in die Höhe. Kontrolliert sie öfter an Bahnhöfen, weil es politisch gewünscht ist? Auch das schlägt sich in der Statistik nieder. Außerdem verändern sich das Strafrecht (als 2017 Angriffe auf Polizisten schneller geahndet wurden, schossen die Zahlen in die Höhe) sowie die Bereitschaft in der Bevölkerung, ein Delikt anzuzeigen – etwa wenn es öffentlich in den Fokus gerät. „Umfang, Struktur und Entwicklung der polizeilich registrierten Fälle hängen fast vollständig von der Anzeigebereitschaft ab”, schreibt der Jurist Wolfgang Heinz, ehemaliger Professor für Kriminologie und Jugendstrafrecht, in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Crux: Die polizeiliche Statistik bildet nur das Hellfeld ab, also die registrierten Fälle. Sie sagt aber nichts darüber aus, wie groß das Dunkelfeld ist. Ein Anstieg der Zahlen bedeutet aber oftmals nur, dass sich das Dunkel- ins Hellfeld verschoben hat – und nicht, dass es wirklich mehr Taten gibt. 

Daher sind auch andere Statistiken nur bedingt aussagekräftig: Vor Kurzem sorgten Zahlen der Polizei für Entsetzen, nach denen die Gewalt am „Tatort Schule” 2023 im Vergleich zum Vorjahr in Schleswig-Holstein um über 30 Prozent zugenommen hat. Betrachtet man die Zahlen allerdings über einen längeren Zeitraum, sieht man, dass es seit Beginn ihrer Erhebung vor 20 Jahren ein Auf und Ab gibt.

Und auch Sören Kliem hält nicht viel von der Statistik. „Man weiß nicht: Sind die Lehrer sensibler geworden, weil Gewalt an Schulen im Moment so ein großes Thema ist? Hat die Polizei vermehrt kontrolliert, oder gab es vielleicht eine Person, die viele dieser Taten begangen hat? Es gibt so viele Möglichkeiten, wie diese Zahlen zustande kommen können”, erklärt er. „Und selbst wenn es einen Anstieg gab: Hat er wirklich so dramatische Ausmaße? Das halte ich für ausgeschlossen.”

Interessant: Das Landeskriminalamt Hamburg erklärt auf Anfrage, dass dessen Zahlen zum „Tatort Schule” nicht aussagekräftig für Schülergewalt seien, da auch Delikte erfasst würden, die „außerhalb der Schulzeiten und ohne jeden schulischen Kontext auf dem Gelände einer Schule geschehen sind.” Einen Bezug zu Lehrern oder Schülern gibt es also – auch in Schleswig-Holstein – gar nicht zwangsläufig.

All diese Statistiken sind also nur bedingt aussagekräftig – aber welche sind dann besser geeignet? Fragebogenstudien, sagt Sören Kliem. Am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, wo Kliem jahrelang gearbeitet hat, wird genau das gemacht. Alle zwei Jahre befragen die Forscher bis zu 12.000 Neuntklässler, das letzte Mal 2022. „Dort findet man die Anstiege, die jetzt berichtet werden, so nicht wieder”, weiß Sören Kliem.

Die Kinder- und Jugenddelinquenz befinde sich „auf einem Niveau, das weit unter dem vergangener Jahrzehnte liegt”, schreiben die Autoren des Instituts in einer aktuellen Analyse. „Allerdings beobachten wir in jüngster Zeit einen erneuten Anstieg im Hellfeld der polizeilich registrierten Kriminalität, der eine genauere Betrachtung erfordert.” Bedeutet: Es braucht mehr Forschung und bessere Zahlen.

Belastbare Zahlen erheben die Unfallkassen: Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung erfasst die sogenannten Rauf-Unfälle, die ihnen gemeldet werden, wenn ein Schüler nach einer Auseinandersetzung in der Schule zum Arzt muss – und diese Unfälle nehmen seit Jahrzehnten ab: Wurden 1997 noch 15,6 je 1000 Schüler gemeldet, waren es 2023 nur noch 7,5 – wobei es nach der Pandemie einen Anstieg gegeben hat. 

Zudem beantworten die Zahlen die Frage nach der oft kolportierten stärkeren Brutalität von Schülern: Denn auch die besonders schlimmen Unfälle, bei denen sich ein Schüler etwas gebrochen hat, gehen langfristig zurück. „Das heißt, es wird weniger, und es wird auch noch weniger dramatisch”, sagt Sören Kliem. „Wenn ich Vorträge halte, und sage, dass Jugendgewalt rückläufig ist, heißt es, es sei aber viel dramatischer und schlimmer geworden. Aber das lässt sich empirisch nicht halten.“

Und was ist mit einem Phänomen, das als besonders niederträchtig wahrgenommen wird – dass Jugendliche ihre Taten mit dem Handy filmen und verbreiten? „Bestimmte Phänomene treten zu bestimmten Zeiten auf, weil sie überhaupt auftreten können”, sagt Sören Kliem. Und: „Ein Grund, warum so leicht der Eindruck entsteht, dass Kriminalität zunimmt, ist, dass es viel stärker und schneller in den Fokus gerät.” Durch die hohe Nachrichtenfrequenz, soziale Netzwerke, das Teilen von Inhalten.

Haben deshalb viele Menschen den Eindruck, dass die Jugend brutaler wird? „In der Gesellschaft hat sich die Definition von dem, was man als Gewalt bezeichnet, sehr stark verändert”, erklärt Sören Kliem. Das beginne bei sexueller Nötigung – eine Frau, die vor 20 Jahren von ihrem Kollegen begrapscht worden wäre, hätte das anders als heute kaum angezeigt – und endet bei elterlicher Gewalt. „Wenn man in den 80er-Jahren in der Öffentlichkeit sein Kind geohrfeigt hat, wäre das nicht großartig aufgefallen. Heute würden umstehende Passanten wahrscheinlich die Polizei verständigen”, erklärt der Forscher.

Eine berühmte These des kanadischen Psychologen Steven Pinker lautet: Die Menschheit ist über die Jahrhunderte immer friedlicher geworden. Aber Gewalt wird heute stärker wahrgenommen, weil sie weniger akzeptiert wird. „Das kann man empirisch unterfüttern”, bekräftigt Sören Kliem.

Außerdem vergesse man „nur allzu leicht, wie gefährlich das Leben früher war”, schreibt Steven Pinker. Forscher haben herausgefunden, dass Menschen die Vergangenheit oft verklären – und die „guten alten Zeiten” besser erinnern, als sie waren. Halbstarkenkrawalle, bei denen junge Leute in den 50ern in Innenstädten randalierten, Passanten und Polizisten angriffen; der RAF-Terror in den 70ern; Hooliganschlachten in den 80ern; Anschläge auf Ausländer durch junge Neonazis in den 90ern – junge Leute waren auch früher nicht friedlich.

Jurist Wolfgang Heinz schreibt in seiner Analyse, dass „junge Menschen in jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten deutlich häufiger polizeilich registriert werden als Erwachsene.” Das Jugendalter sei „die Zeit höchster Aktivität, des Erkundens und Austestens von Grenzen.” Das bedeute aber nicht, dass schwierige Jugendliche zu kriminellen Erwachsenen würden, so der Jurist: „Jugendkriminalität von heute ist nicht die Erwachsenenkriminalität von morgen.” Also steht es gar nicht so schlecht um unsere Jugend? Sören Kliem ist sich sicher: „Nein, überhaupt nicht schlecht.”

Ähnliche Artikel