Hamburg Meyer Werft: Letzte Hürde für Staatseinstieg steht bevor – und ein Investor meldet sich
Die letzten Vorbereitungen zum Einstieg des Staates bei der Meyer Werft in Papenburg laufen, die EU wird noch einmal prüfen. Bereits jetzt gibt es aber den ersten privaten Investor, der in die Werft einsteigen will – und der Familie Meyer damit zur Rückkehr an die Macht auf der Familienwerft verhelfen könnte. Ein Glücksritter oder ein ernstgemeintes Angebot?
Im Verlauf des Sommers 2024, der für die Meyer Werft ein historischer werden sollte, wurde klar, dass das Unternehmen privatwirtschaftlich nicht mehr zu retten ist. Mitte Juni sendeten Banken und Familie Meyer das Signal an die Politik: Der Staat muss helfen, sonst geht der Kreuzfahrtschiffbauer unter. Ein privater Investor konnte nicht gefunden werden.
Dabei gab es mindestens einen, der nach eigenem Bekunden großes Interesse daran gehabt hätte, Geld zu geben – und weiterhin hat: der österreichische Unternehmer Roland Stagl. „Ich habe mich mehrfach mit Jan und Bernard Meyer getroffen, auch in Papenburg“, erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion.
Die „Wirtschaftswoche“ hatte zuvor berichtet, Stagl habe 400 Millionen Euro für 20 Prozent der Unternehmensanteile bieten wollen – ein erstaunlich hohes Angebot. Die Werft selbst will sich auf Anfrage nicht zu konkreten Namen äußern. Entsprechende Verhandlungen seien vertraulich gewesen. Aus Papenburg heißt es allgemein: „Im Zusammenhang mit der Zukunftssicherung der Werft sind verschiedene Gespräche geführt worden, um auch alle Varianten jenseits der staatlichen Unterstützung zu prüfen.“
Mit den Gesprächen vertraute Personen bestätigen, dass der Name Stagl eine Rolle gespielt hat – offenbar eingebracht über die Familie Meyer. Allerdings sei unklar geblieben, wie realistisch und nachhaltig sein Angebot gewesen sei. Daran hätten wohl Zweifel bestanden, sodass der Österreicher am Ende eine Randnotiz blieb.
Auch andere Optionen seien durchgespielt und Namen genannt worden. So war spekuliert worden, dass Kreuzfahrtreedereien die Meyer Werft mit einer Kapitalspritze stützen könnten. Eine Variante, die realistischer erscheint als ein öffentlich wenig bekannter Kapitalgeber.
Stagl indes trat in Deutschland in der Vergangenheit bereits nach der Insolvenz der MV Werften in Erscheinung, kam hier aber nicht zum Zug. Sein Vermögen will der Österreicher nach eigenen Angaben im Bereich der E-Mobilität aufgebaut haben. Ob in ausreichender Dimension, um in eine deutsche Werft einzusteigen, bleibt vorläufig unklar. In seinem Heimatland sorgte Stagl vor allem mit Plänen zur Auferstehung des Fahrzeugherstellers „Austro Daimler“ für Schlagzeilen. Um das Projekt war es zuletzt aber eher ruhig geworden.
Manche sagen, die Causa Stagl habe die Rettung der Werft nur verzögert. Schließlich galt der Staatseinstieg schon relativ früh als realistischste Lösung, angesichts des knappen Zeitfensters bis zur Pleite des Unternehmens. Am Ende springt nun auch tatsächlich der Staat ein, nachdem kein privater Investor gefunden wurde. Der Bund und das Land Niedersachsen erhalten für eben jene 400 Millionen Euro 80 Prozent der Unternehmensanteile, was einer Entmachtung der Familie Meyer gleichkommt.
Stagl sagt: „Der Vorteil an meinem Angebot gegenüber dem Staatseinstieg wäre gewesen, dass die Familie das Sagen auf der Werft behalten hätte – ein Top-Angebot für die Meyers.“ Warum kam es dann nicht dazu? In der entscheidenden Phase der Verhandlungen habe ihn ein Unfall ausgebremst, er sei nicht mehr schnell genug handlungsfähig gewesen. Und: „Am Ende waren es wohl auch die Banken, die lieber den Staat als einen privaten Investor wollten“, so Stagl.
Von der Werft selbst heißt es: Bei den Rettungsbemühungen sei immer ein zentrales Kriterium gewesen, „dass die anzustrebende Lösung glaubwürdig sein und die Werft und ihre Arbeitsplätze zukunftsfest machen musste“. Man könnte es so verstehen, als hätte das Angebot Stagls eben jene Kriterien nicht erfüllt. Die Ziele habe die Geschäftsleitung – der zuletzt mit Bernd Eikens kein Meyer mehr vorstand – durch den Staatseinstieg erreicht, so die Pressestelle der Werft.
Allerdings ist der Zeitenwechsel auf der Werft noch nicht ganz perfekt. Es fehlt noch eine „fusionskontrollrechtliche Freigabe der geplanten Transaktion durch die Europäische Kommission“, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Ein entsprechender Antrag soll noch in dieser Woche aus Deutschland in Brüssel eingereicht werden. Mit einer Freigabe wird noch im Herbst gerechnet. „Rund zwei Wochen nach der Freigabe ist der Vollzug der Transaktion geplant“, so das Ministerium.
Doch die Beteiligung von Bund und Land soll nach Bekunden aller Beteiligten kein Dauerzustand sein. Der Staat hat sich mit der Familie Meyer auf ein Rückkaufsrecht geeinigt. Bernard Meyer hatte bereits auf einer nicht-öffentlichen Betriebsversammlung erklärt: Er und seine Söhne wollten verhindern, dass die Werft eines Tages an Finanzinvestoren verkauft werde.
Aber wo soll das Geld herkommen, mit dem die Rückkehr der Meyers, denen weiterhin die Werft im finnischen Turku gehört, finanziert werden könnte? Die Familie selbst, so hieß es in den vergangenen Monaten immer wieder, sei nicht mehr in der Lage gewesen, mit eigenen Mitteln den Untergang der Meyer Werft in Papenburg abzuwenden.
Branchenkenner verweisen darauf, dass der Schiffbau – spätestens seit der großen Finanzkrise vor einigen Jahren – nicht mehr das attraktivste Investment für Fremdkapitalgeber ist: Es wird viel Geld benötigt und vergleichsweise wenig Geld verdient. Mitbewerber aus Europa und Asien sind teils oder ganz in Staatsbesitz – ein vermeintlicher Wettbewerbsvorteil. Insbesondere im Kreuzfahrtschiffsektor muss zudem viel in Forschung und Entwicklung investiert werden, um der internationalen Konkurrenz eine Buglänge voraus zu bleiben.
Wie könnte die Rückkehr der Meyers auf ihre Familienwerft unter diesen Voraussetzungen aussehen? Hier will sich der verhinderte Investor Stagl wieder ins Spiel bringen und sagt: „Ich bin bereit, diesen Weg gemeinsam mit der Familie zu gehen“, sprich: Anteile am Unternehmen zu übernehmen. Er sieht sich dabei in einer besseren Ausgangslage als noch vor einigen Wochen: Mit einem vergleichsweise geringeren Betrag könne er entweder dem Bund oder dem Land ihren Anteil abkaufen.
Die Familie müsste in dem Fall nicht mehr die kompletten 80 Prozent am früheren Familienunternehmen zurückkaufen, um wieder das Sagen zu haben. So oder so würde das nicht nur für ein Engagement des Österreichers Stagl gelten. Der sagt, er wolle nun eine Beratungsgesellschaft beauftragen, um mit den neuen Mehrheitseignern über seinen Einstieg zu verhandeln.