Theater in Aurich  So kommt der Schimmelreiter ins Lazarett

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 23.10.2024 19:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Figurenspieler Eike Schmidt und seine Puppe, Deichgraf Hauke Haien. Fotos: Ortgies
Der Figurenspieler Eike Schmidt und seine Puppe, Deichgraf Hauke Haien. Fotos: Ortgies
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Eike Schmidt feiert mit seinem Figurentheater an der Oldersumer Straße im November einjähriges Bestehen. Der 33-Jährige und sein Team haben etwas Einzigartiges geschaffen.

Aurich - Die Temperaturen sind mild an diesem Oktoberabend in Aurich, vielleicht 16, vielleicht sogar 18 Grad. In jedem Fall ideal, um draußen mit einem Glas Wein oder einem Tee die Wartezeit auf den Beginn der Theatervorstellung zu überbrücken. Auf einer weit geschwungenen Sitzbank aus Stein liegen farbige, flache Kissen. In Windlichtern glimmen Kerzen. Vor dem Eingang zum „Theater Lazarett“ steht ein Plakat. Es zeigt ein knittriges, helles Laken, das an seiner schmalen Seite in einer Art Halskrause zusammenläuft.

Dort thront der sehr schmale Kopf eines Mannes mit abweisender Miene. „Komm mir ja nicht zu nah“, sagt der Gesichtsausdruck. Es ist das Antlitz von Hauke Haien, der Hauptfigur in Theodor Storms „Der Schimmelreiter“. Die Novelle um den störrischen Deichgrafen, der den Schutz vor Sturmfluten durch einen neuen Deich verbessern möchte, wird an diesem Abend im „Theater Lazarett“ gezeigt.

Lange Suche nach richtigem Ort

„Wir haben nach einem Thema gesucht, das die Menschen überzeugt, das sie abholt“, sagt Eike Schmidt, Gründer der Spielstätte an der Oldersumer Straße 10. Vorausgegangen war die lange Suche nach einer idealen Location. „Wir wollten weniger einen Ort für professionelles Schauspiel in Aurich schaffen, sondern vielmehr einen, an dem sich Menschen begegnen können“, sagt Eike Schmidt.

Während der Corona-Zeit habe er selbst erlebt, wie Menschen vereinsamen, wie sehr sie sich aber auch nach direktem Austausch sehnen. „Das kann dazu führen, dass jeder nur in seiner eigenen Bubble lebt und meint, lediglich seine Meinung sei ausschlaggebend.“

Szenerie wechselt blitzschnell

Hauke Haien ist auch so ein Mensch, der sich seine eigene Welt und seine eigene Wahrheit geschaffen hat. Eike Schmidt macht diesen Kosmos lebendig, quasi als Ein-Mann-Show. Seine Stimme leiht er Dutzenden von Figuren. Er ist Bühnenarbeiter, er ist Sänger. Auf der Bühne steht ein langer Holztisch mit vielen Gebrauchsspuren. Er dient als Haupt-Spielort. Mal ist es die Stube des alten Deichgrafen, mal die Strecke fürs Eisboßeln, mal aber auch das Schlafzimmer von Hauke Haien.

Improvisieren ist alles. Eike Schmidt nutzt einen fensterähnlichen Rahmen für eine Massenszene.
Improvisieren ist alles. Eike Schmidt nutzt einen fensterähnlichen Rahmen für eine Massenszene.

Mit ausgeklügelter Lichtregie, Musik und ein paar Requisiten verwandelt Eike Schmidt die Szenerie blitzschnell und geschmeidig. Die Sogkraft der Bilder verliert so nie ihre Wirkung. Geräusche bekommen bei diesen kargen Mitteln ein ganz anderes Gewicht: das Rauschen der Brandung, das Krächzen der Möwen im Flug oder auch nur das gierige Schlucken, wenn der Deichgraf seinen Schädel in einem viel zu großen Weinglas versenkt. Die Stimme von Anne Renner aus dem Off treibt die Erzählung voran. Der Stimmung wird immer düsterer, je näher sie sich der vernichtenden Sturmflut am Ende nähert.

Bilder von Gänsen aus Tuch

Die Körper der Spielfiguren sind nicht durchmodelliert. Es sind Tücher oder Laken, auf denen ein Kopf sitzt. Bei den Gruppenszenen verzichtet Eike Schmidt auch darauf und nutzt Platzhalter aus Pappe. Seine Devise: Je einfacher, um so besser. Damit setzt er bewusst einen Kontrapunkt zu den hyperperfekten Produktionen aus der Computerwelt, in denen alles übersteigert und auf Effekte hin abgestellt ist. Der Fantasie bleibt dabei kein Raum mehr, weil alles bis zum letzten Pixel durchchoreografiert ist.

Wie sehr die Produktionen des „Theater Lazaretts“ nachwirken, merkt Eike Schmidt vor allen Dingen bei den Vorstellungen für Kinder. „Wenn wir Nils Holgersson gezeigt haben, bekommen wir unglaublich viele Bilder von Jungen und Mädchen zugeschickt, die zu Hause aus einem Tuch oder anderem Material Gänse nachgeknotet haben.“ Für ihn als Figurenspieler sei es ganz wichtig, dem Publikum Freiraum zu lassen, um eigene Bildwelten entstehen zu lassen. Während seines Studiums an der Hochschule in Stuttgart habe er immer wieder eingebläut bekommen, dass für die Darstellung alles Material sein könne, sogar das Licht. Darüber hat Eike Schmidt seine Examensarbeit geschrieben.

„Da steckt viel Liebe uns Absprache drin“

Das Stück „Der Schimmelreiter“ ist in Kooperation mit dem Theater Laboratorium entstanden, einem Figurentheater, das es seit 1995 in Oldenburg gibt. Es wurde 1979 von Barbara Schmitz-Lenders und ihrem Mann Pavel Möller-Lück gegründet. Es hat seinen Sitz in der ehemaligen Turnhalle des Oldenburger Turnerbundes, einem denkmalgeschützten Gebäude, das viele Besucher von seiner Einrichtung und seinem Charme her an ein Wiener Kaffeehaus erinnert. Auch das Theater Lazarett ist an einem historischen Ort untergebracht. An der Oldersumer Straße 10 gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Lazarett, und zwar in dem großen Gebäude, das direkt an der Straße liegt. Es wird derzeit vom CVJM genutzt.

Zu jeder seiner Figuren hat Eike Schmidt eine besondere Beziehung aufgebaut.
Zu jeder seiner Figuren hat Eike Schmidt eine besondere Beziehung aufgebaut.

Weiter hinten, in einer ehemaligen Remise für Kutschen oder andere Fahrzeuge, hat das „Theater Lazarett“ seinen Sitz. Das Gemäuer wurde fachkundig von seinen Eigentümern, dem Ehepaar Ute und Jürgen Holzmüller, restauriert und an die Puppenspieler vermietet. „Da steckt viel Liebe und Absprache drin“, sagt Eike Schmidt. Der gebürtige Uplengener freut sich sehr darüber, dass er dank dieser Unterstützung seinen Traum von einem eigenen Theater leben kann. Schon als Kind habe er die Figuren aus der Sesamstraße geliebt, er habe auch die Muppets geliebt.

Später sei der Wunsch aufgetaucht, die Bühne zu seiner Welt zu machen. „Allerdings wollte ich nicht als Schauspieler vorne stehen. Da hatte ich die Vorstellung, dass ich irgendwann später im Staatstheater in Oldenburg nackt auf der Bühne stehen und mir Fingerfarbe ins Gesicht schmieren muss. Das wollte ich nicht.“ Während des Abiturs habe er dann mitbekommen, dass man in Berlin oder Stuttgart Figurentheater studieren kann. „So habe ich einen Weg gefunden, die Freude, die ich an der Bühne habe, auszudrücken, ohne selbst dort stehen zu müssen.“

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